Musik zum Börsencrash

Paul Czinners «Fräulein Else» rund um die Wirtschaftskrise 1929 ist aktuell. Die St. Galler Camerata Salonistica hat für diesen Stummfilm eine Filmmusik in Auftrag gegeben. «Ein mutiges Projekt», findet die Komponistin Barblina Meierhans.

Martin Preisser
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Komponistin Barblina Meierhans in der Lokremise, wo ihre Stummfilmmusik erstmals erklingen wird. (Bild: Benjamin Manser)

Komponistin Barblina Meierhans in der Lokremise, wo ihre Stummfilmmusik erstmals erklingen wird. (Bild: Benjamin Manser)

Die Lokremise ist auch als Kulturort angedacht, der sich spartenübergreifender Projekte annimmt. Erfreulich, dass sich jetzt auch die Camerata Salonistica als Laienorchester von dieser Idee dort zu einem anspruchsvollen Kulturengagement verleiten liess.

Überzeugungsarbeit

Ein dickes Konvolut, ein paar hundert Seiten sicher – das ist die Partitur der Stummfilmmusik zu «Fräulein Else». Neunzig Minuten dauert die Musik von Barblina Meierhans, ein Jahr hat sie an diesem Kompositionsauftrag der Camerata Salonistica komponiert. Einiger Überzeugungsarbeit hätte es schon bedurft, um das Orchester zu anderthalb Stunden Moderne zu motivieren, erzählt die Komponistin, die aus dem Weiler Burgau bei Flawil stammt und heute in Zürich lebt.

Barblina Meierhans, deren seltener Vorname aus dem Engadin kommt, findet «Fräulein Else» ein «mutiges Projekt». Sie war an vielen Proben dabei, hat ihre Musik und ihre Auffassung, wie sie zu spielen sei, dem Laienorchester nahegebracht. «Im Stummfilm herrscht ein ganz anderes Zeitverständnis», sagt die Musikerin, die auch ein Geigendiplom besitzt.

Mit Minimal Music

Viele Passagen sind als Minimal Music konzipiert – eine neue Spielerfahrung für das Orchester. Dirigent Michael Schläpfer, der Pianist und der Schlagzeuger tragen Kopfhörer und hören während der ganzen Aufführung ein Metronom. Präzise Synchronisation mit dem Film ist angesagt.

Ein Balanceakt sei es, eine für Laien spielbare Partitur zu schreiben und gleichzeitig den komplexen eigenen kompositorischen Ansprüchen an eine gelungene Stummfilmvertonung treu zu bleiben, sagt Barblina Meierhans. «Was mich inhaltlich an der Aufgabe interessiert, sind die langen Erzählbögen, die sich über die Geschichte hinziehen. Eine gute Stummfilmmusik muss ja nicht nur die Stimmungen im Film einfangen, sondern wegen der fehlenden Sprache auch inhaltlich ausgerichtet sein», erklärt Barblina Meierhans, die zum grössten Teil als freischaffende Komponistin ihr Brot verdient, ihre Arbeit.

«Ich untermale sozusagen direkte Bilder, probiere aber auch, die Innenwelten der Protagonisten darzustellen, ohne sie aber einfach nur zu psychologisieren.» Dafür hat Barblina Meierhans vor allem auf zwei Tonreihen zurückgegriffen, die eine hat sie selbst entwickelt, die andere basiert auf Claude Debussys Prélude «Des pas sur la neige». Meierhans hat neben Komposition in Bern auch experimentelles Musiktheater studiert und sich inzwischen einen Namen gemacht mit Musik für interdisziplinäre Projekte.

Regisseur Paul Czinner hat damals den Schriftsteller Arthur Schnitzler und die Schauspielerin Elisabeth Bergner bei einer gemeinsamen Lesung getroffen. Die Idee war geboren, mit der Bergner Schnitzlers Novelle «Fräulein Else» zu verfilmen. Der Film ist aktuell, nimmt doch das Drama 1929 seinen Lauf, als Elses Vater in Not gerät, weil er Gelder seiner Mandanten an der Börse verspielt hat. Wir sind in der Zeit des grossen Crashs und der verheerenden Weltwirtschaftskrise.

Skispringer und Schlitten

«Fräulein Else» spielt im winterlichen St. Moritz. Für ein Atelierstipendium weilte Barblina Meierhans, die das Engadin liebt, im Künstlerhaus Nairs in Scuol. In unmittelbarer Nachbarschaft eines alten, stillgelegten Hotels. «Dieses Hotel hat mich inspiriert», sagt sie und erinnert an die Hotelszenen im Film. Im zweiten Akt sieht man Skispringer über eine Schanze fliegen – die Posaune untermalt das mit einem speziellen Effekt. Das Schlagzeug kommt zum Einsatz, wenn die Schlitten die Kurven nehmen. Die Streicher spielen Tremolo, als sich der katastrophale Börsencrash ankündigt.

Die Camerata Salonistica hat sich auf ein anspruchsvolles Projekt eingelassen, das spezielle Präzision und Konzentration erfordert. Die Minimal-Music-Sequenzen müssen deutlich sein. Die musikalische Spannung und der Puls dürfen nicht abfallen – der Film läuft unerbittlich weiter! «Ein solches Projekt bringt unser Orchester weiter», sagt Dirigent Michael Schläpfer, der mit seiner Camerata Salonistica immer wieder Projekte realisiert hat, die eben nicht nur «Salonmusik» sind.

Uraufführung: Sa, 7.7., Kinok-Open-Air (Lokremise), 21.30 Uhr (Einführung: 20.30 Uhr); bei schlechtem Wetter: Theatersaal Lokremise; weitere Aufführung: So, 8.7., 19 Uhr; Res.: 071 245 80 72; www.camerata-salonistica.ch