Geschichte gespiegelt

Die Künstlerin Karin Bühler hat in den Erinnerungen von Hermann Wartmann eine bildhafte Beschreibung von St. Katharinen im 19. Jahrhundert gefunden. Mit Spiegeln und Fotografien begibt sie sich auf sorgsame Spurensuche.

Martin Preisser
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Karin Bühler bespielt den Raum, hinterfragt mit ihrer Spiegelinstallation die Geschichte des Katharinenklosters und bringt damit zugleich das Phänomen Erinnerung mit ins Spiel. (Bild: Reto Martin)

Karin Bühler bespielt den Raum, hinterfragt mit ihrer Spiegelinstallation die Geschichte des Katharinenklosters und bringt damit zugleich das Phänomen Erinnerung mit ins Spiel. (Bild: Reto Martin)

Marder seien auf dem Dachboden, und manchmal sei es im Katharinen «abschreckend kalt und ungesund» gewesen. Und auf dem grünen Vorplatz mit den drei Kastanien hätten sich «die Kindergeschichten abgespielt, welche nicht in die Zimmer passten», erinnert sich Hermann Wartmann (1836–1929) als Achtzigjähriger an seine Kindheit als Sohn eines Lehrers im damaligen «Bubenkloster» Katharinen.

Manchmal hätten ihn die «düsteren Partien» der Anlage auch geängstigt, schreibt Wartmann, der sich seines späten Erinnerns «völlig sicher» zu sein glaubte.

Beschriebene Spiegel

Dieser «sicheren» Erinnerung geht Karin Bühler sorgsam auf die Spur. Die Trogner Künstlerin ist bekannt dafür, sich mit Raumsituationen als solchen auseinanderzusetzen: «Jeder Raum hat einen Kontext, und mit diesem muss ich arbeiten.» Hermann Wartmanns Erinnerungen läsen sich wie ein Roman.

Und es war diese bildhafte Beschreibung des Katharinenklosters, die Bühler fasziniert hat. Entstanden ist jetzt ein spezielles Spiegelkabinett aus knapp vierzig Spiegeln, über die Hälfte blank und vierzehn mit Zitaten aus Wartmanns Texten.

Gespiegelte Sichtweisen

Ganz bewusst scheinen die Spiegel nicht «in Ordnung» gebracht» zu sein. Sie hängen nicht «sauber», sondern stehen an die Wand gelehnt oder liegen am Boden aus.

Die mit Sandstrahltechnik von hinten in die Spiegel eingebrachten Zitate kann der Besucher nur lesen, wenn er sich in neue Posen wagt. Diese offene Installation von Spiegeln wirkt auf den ersten Blick harmlos, ja unfertig. So als wolle die Künstlerin dazu einladen, die Geschichte weiterzuspinnen oder sich mit dem Phänomen der eigenen Erinnerung auseinanderzusetzen.

Die Spiegel scheinen wie in einem Zustand zwischen Auf- und Abbau installiert und fordern mit ihren Brechungen und Überlagerungen zu ganz neuen Erfahrungen des Katharinenraums auf. Wie Wartmann mit Worten, geht Karin Bühler mit Spiegeln durch den Raum, erkundet und erobert ihn sich sozusagen mit neuen, «gespiegelten» Sichtweisen.

Und fast unmerklich wird eine «harmlose» Spiegelsammlung auch zu einer Einladung, die eigene Wahrnehmung immer wieder auf die Probe zu stellen. Durch den Eingriff in den Katharinensaal lässt sich der Raum, aber auch das eigene Raumerleben neu entdecken.

Karin Bühler hat Wartmanns genaue Beschreibungen, zwischen denen und der Kindheit immerhin siebzig Jahre liegen, nicht einfach übernommen.

Durch unterstrichene oder eingekreiste Textteile (vor allem Adjektive) lenkt Karin Bühler den Betrachter bisweilen durch den Text, bietet kleine Assoziationsinseln an. In diesem Sinne sei sie fast ein wenig «bildhauerisch» mit den Wörtern umgegangen, die ja dann tatsächlich in den Spiegeln «greifbar» werden.

Durch den Spiegel fotografiert

Überrascht ist man, wenn man den Katharinensaal betritt. Karin Bühler hat ihn durch eine Wand abgetrennt und einen kleinen Vorraum geschaffen.

In eine Ausstellung zu kommen und gleich den grossen Überblick zu haben, schätze sie nicht so sehr, sagt Bühler und versteht den Vorraum als Auffangraum. Neun Bilder der Katharinenanlage hängen hier. Sie sind ebenfalls Spiegelexperimente mit der Kamera. Mit dem Spiegel ging Bühler durchs geschichtsträchtige Haus und hat ganz neue gespiegelte Ein-, An- und Durchsichten gefunden.

Die Fotografien dienen als Art «Einstiegshilfe» in die Spiegelinstallation, die dem Publikum mehr abverlangt als nur schnelles Hinschauen. Man wird selbst gespiegelt und so für einen Moment zum Element gespiegelter Katharinengeschichte und zum Zeugen einer gelungenen wie überraschenden Auseinandersetzung mit einem Raum, der durch die Installation selbst zur Chiffre für Erinnerung an sich wird.

Bis 20. Juni, Katharinen (Katharinengasse 11, St. Gallen). Di–So 14–17; Do 14–20 Uhr. An der Finissage vom 20.6., 11 Uhr, führt die Künstlerin durch das Katharinengebäude.

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