Camerata Salonistica legt Fräulein Else auf die Couch

Die Camerata Salonistica führt Barblina Meierhans' Filmmusik in der Lokremise auf. Premiere war am Samstagabend.

Charles Uzor
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Visuell und akustisch neue Konstellationen konnte man in der Lokremise bei der Kinok-Uraufführung der Filmmusik zu «Fräulein Else» erleben. Michael Schläpfer zeigte mit der Camerata Salonistica, dass sie auch leise Töne, jazzige Akkorde und vertrackte Rhythmen spielen kann.

Neue Interpretation der Bilder

Barblina Meierhans' Komposition ist alles andere als rauschende Salonmusik. Sie gibt sich auch nicht zufrieden mit dem direkten Effekt, sondern zeigt feine Empfindungen bar opulenter Rhetorik. Die Musik steht für sich selbst und setzt mit ihrer Statik den laufenden Leinwandbildern die eigenen entgegen. Musik, die nicht illustriert oder verstärkt, sondern neu interpretiert, was man sieht.

Im Gegensatz zu den 1920er-Jahren, als zum Stummfilm auf dem Klavier improvisiert wurde, bietet die Filmmusik der jungen Komponistin einen cleveren Anachronismus: Der analytische Blick auf die Mimik der Szene macht aus der Not eine Tugend. Er will nicht mit musikalischer Untermalung fehlenden Text ersetzen, sondern findet bei den psychologischen Schichten der Novelle Schnitzlers neue Ansätze, die sich weniger für die Darstellung der Gefühle als für eine systemische Analyse des Zeitgeists der Wiener Metropole um 1920 interessieren.

So wird Fräulein Else nicht einmal bei ihrem nackten Tod das Opfer, sondern bleibt ein Rädchen des Systems von Macht und Sinnesrausch. In Meierhans' kalten Maschinenrhythmen wird offensichtlich, dass in Paul Czinners Film alle Profiteure sind – der geile, Elses Not missbrauchende Dorsday, ihr armer Vater, aber auch sie selbst, die sich prostituierende und aufopfernde Else. Diese Interpretation wird mit wie auf einem Karussell abspulenden Klangmustern deutlich. Es sind Patterns, die irgendwie noch nicht zur Musik gekommen sind und – anders als bei Reich oder Riley – stocken, neu ansetzen oder neu orchestriert werden.

Zwiespältiger Eindruck

Die Camerata Salonistica und ihr Dirigent Michael Schläpfer leisten mit ihrem dynamisch dezenten, auf Sekundenbruchteilen synchronisierten Spiel Erstaunliches. Leider verbinden sich bei der Freiluftaufführung die Töne nicht immer gut, wodurch sich der Klang verzettelt. Die spärliche Zeichnung der Charaktere – etwa die sanguinisch-fragile Ambivalenz Elses oder das Unheimliche im Auftritt Dorsdays – erstaunt. So bleibt der zwiespältige Eindruck einer erfrischend unromantischen Komposition, in der aber die Farben zu wenig leuchten.