Ungeheuerliches vom Wels

Es gibt sie eben doch! Jahrelang war es unser Spässchen gewesen, See unkundigen Fussballollegen vor dem Nachtschwumm nach dem Abendmatch die Mär vom Monsterwels aufzutischen...

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Märchenhaftes Ungetüm: Die beiden Hohenemser Fischer letzte Woche mit ihrem 2-Meter-Wels im Alten Rhein. (Bild: Gernot Grabher)

Märchenhaftes Ungetüm: Die beiden Hohenemser Fischer letzte Woche mit ihrem 2-Meter-Wels im Alten Rhein. (Bild: Gernot Grabher)

Es gibt sie eben doch! Jahrelang war es unser Spässchen gewesen, See-unkundigen Fussballkollegen vor dem Nachtschwumm nach dem Abendmatch die Mär vom Monsterwels aufzutischen, einem 3-Meter-Kerl, der hier, in der Uferzone beim Rorschacher Hauptbahnhof, nach dem Eindunkeln sein Unwesen trieb – und dann und wann mit seinem bartfadenbehangenen Riesenmaul nach einer feissen Schwimmerwade schnappen würde. Was schmerzhaft sei; zwar habe der Wels keine Zähne, sondern nur Platten zum Zermahlen der Beute, aber allein mit der Wucht seiner Masse könne er böse Prellungen verursachen. Nebst der Freude am Foppen spielte die heimliche Sehnsucht nach ein bisschen Gefahr mit – in einer Gegend, wo es keine Haie gibt, sondern nur Hechte, keine Vipern, sondern nur Ringelnattern, und keine Bären, sondern nur Stadtfüchse.

Gruselgefühl beim Baden

Und nun die bange Erkenntnis: Die Monster existieren wirklich. Allein in der vergangenen Woche machten Fischer im Alten Rhein und in der Harder Bucht zwei kapitale Fänge von über zwei Metern und gegen 50 Kilo. Was wir lieber nicht sehen wollten, wurde natürlich aufs Schönste ins Bild gerückt; mindestens in einem Fall erinnert das «Viech» an eine monströse Seeschlange. Solches lauert da unten im trüben Wasser, wenn wir ahnungslos schwimmen gehen – nicht nur den Badegästen im Alten Rhein wird es «wohl noch im nachhinein mulmig», wie der Tagblatt-Korrespondent schrieb.

Von wegen, dass die Riesen nur weit unten auf Grund jagen würden, nein, sie machten «auch vor Wasservögeln nicht Halt, die sie von der Oberfläche des Gewässers holen». Schreck – schwimm weiter! Wer mit grusligen Halbwahrheiten im Netz auf die Suche geht, angelt sich, man kennt das von selbsteingebildeten Krankheiten, unter all dem Fischerlatein und den Trophäenseiten, die Sportfischer dem Wels (oder auch Waller) eingerichtet haben, weiteren Grusel: Hier ein Dackel in Gladbach, dort ein Hündchen in Berlin, das in die Tiefe gezogen wurde. Und in Basel bläst eine Gratiszeitung zum Alarm: «Riesenwelse erobern das Rheinknie. Sie kommen am Abend. Sie fressen Enten, Ratten, Hunde. Sie haben auch schon Menschen angegriffen.» Dazu perfide Fotomontagen von Ungeheuern in Bissnähe unter Rheinschwimmern – kein Wunder haben Bekannte neulich festgestellt, dass deutlich weniger Basler «den Bach ab» gingen als in den Sommern zuvor.

Die Mär von Menschenangriffen

Ebenso schnell zur Hand der legendäre Werbespruch für den 70er-Jahre-Horrorfilm «Weisser Hai», wie gemacht zur Ankurbelung des Bergtourismus: Don't go in the water. Wenn der grösste Räuber unter den Süsswasserfischen alles frisst, was ihm vor sein breites Maul kommt, nicht nur Karpfen, Hechte, Krebse, auch Blesshühner, Gänse, Jungschwäne, und in einem Fall jüngst im Main gar einen Fussball, warum soll er dann keine Menschen probieren? Prompt findet sich eine Story aus der slowakischen Donaustadt Bratislava, wo entsetzte Fischer beim Ausnehmen des Mageninhalts eines gigantischen Welses die Reste eines Knaben entdeckt hätten. Und in Ostdeutschland, auch dies angeblich keine Mär, soll ein Taucher bei der Untersuchung eines Brückenpfeilers fast ums Leben gekommen sein, als er einen Wels in dessen Revier störte: Der Fisch hatte sich mit derart heftigen Kopfstössen gewehrt, dass der Eindringling mehrere Rippenbrüche erlitt.

Horrorberichte, die einmal in zehn Jahren vorkommen, und im Fall des Knaben keine Attacke belegen, sondern «nur» die Vorliebe der Welse für Aas – der Bub lag längst ertrunken am Grund. Doch nährten solche Geschichten vielfach den Boden für Aberglauben und Furcht vor diesem Riesenfisch, schreibt Herbert Frei in einem formidablen Wels-Artikel im Internetmagazin unterwasserwelt.de. Sagenumwoben hause der Wels, lateinisch silurus glanis, in düsterer Umgebung – Dunkelheit und Schlamm, Höhlen und Schilf; «der Mythos, der diesen Fisch umgibt, lässt Geschichten, Märchen und Legenden ranken. Oftmals vermischen sich Dichtung und Wahrheit zu einem dichten Netz, in dessen Maschen sich die Fabeln wie Schwarmfische verfangen.» Auch weil Welse unter Wasser schwerlich zu verfolgen seien, bleibe manches ein Mysterium: «Wenn der Waller nicht will, dass man ihn sieht, besteht keine Chance. Er registriert mit seinem Seitenlinienorgan die Nähe von Schwimmern, Schnorchlern und Tauchern lange bevor diese ahnen, dass unser grösster Raubfisch in der Nähe liegt.»

Trophäen der Sportfischer

Was die Phantasie aller Menschen anregt, treibt erst recht die Sportfischer an. Massenweise finden sich Websites mit Galerien von stolzen Fischern mit Prachtfängen aus der Donau, aus bayrischen und Schweizer Seen, dem spanischen Ebro oder dem italienischen Po; zu zweit halten sie den Koloss in Händen oder legen sich zum Vergleich daneben. Und wenn da nicht nur die Längen- und Kiloangaben stehen – Trophäenjagd! –, ist oft noch von der Mühsal eines alle Kräfte raubenden Fangs die Rede. Moby Dick lässt grüssen; Herbert Frei erzählt von zwei Bodenseefischern, die von einem «Wallergiganten» im Ruderboot über den See gezogen wurden und nach einer elfstündigen «Höllenfahrt» als verschollen galten. Endlich gefunden, konnte ihnen nicht geholfen werden: «Der Fisch bäumte sich mit Urgewalt auf, riss sich den Haken aus dem Maul und verschwand wie ein Dämon in der Tiefe. Zurück blieben zwei erschöpfte Sportfischer, ratlose Helfer und eine Menge Fragen. War das einer der letzten Riesen im Bodensee?»

«Diss scheussliche Thier könnte wegen seiner Gestalt ein teutscher Wallfisch genennet werden», schrieb der Schweizer Naturforscher Conrad Wesner im 16. Jahrhundert über den Wels. Und tatsächlich stammen die Worte Wels und Waller aus derselben sprachlichen Wurzel wie Wal (Walfisch), das sich aus dem germanischen hwalis ableitet.

Die Spitze vom Eisberg

Doch bei allem Respekt: Auch ein – laut biologischen Hochrechnungen vorstellbarer – 100jähriger Wels von drei Metern Länge und 300 Kilogramm Lebendgewicht, das wäre allenfalls ein Mini-Wal. Den derzeitigen Wels-Boom spüren auch die Behörden: Michael Kugler vom St. Galler Amt für Fischerei rechnet «allein durch die Publizität mit 30 bis 40 zusätzlichen Patenten», die diesen Sommer beantragt werden – Wels-Fischer benötigen Ausnahmebewilligungen für Nachtfischerei und Lebendköder. Obwohl die gezieltere Fischerei das Bild verzerre, deute vieles darauf hin, dass es mehr Welse gebe in unseren Gewässern; möglich, dass der «Jahrhundertsommer» 2003 die Brut des wärmeliebenden Fisches begünstigt habe. Ansonsten relativiert der Experte die Rekordfänge als «Spitze des Eisbergs»: Lediglich «einer von tausend» könne vielleicht mal zwei Meter messen. Von den 175 Kilogramm (Berufsfischer) und 9 Kilogramm (Sport) gefangenen Welsen im 2007 seien die meisten wohl etwa einen Meter lang und 2 bis 4 Kilo schwer.

Zu denken geben Kugler allerdings weniger die Fischer als jene Leute, die aus Angst zum Telefon greifen. Zwar könne er das mulmige Gefühl verstehen, unter sich im trüben Wasser ein grosses Tier zu vermuten. Doch die völlig unbegründete Angst – «in der ganzen Schweiz ist noch nie ein Mensch von einem Wels angegriffen worden» – entspreche der «gesellschaftlichen Tendenz zur Entfremdung von der Natur: Viele Leute haben mittlerweile ein komisches, um nicht zu sagen krankes Verhältnis zur Natur.»

Buchthriller zum Schwumm

Die irrationalen Ängste dürften sich jene zunutze machen, die ihre Lieblingsbadeplätze am See oder Rhein unverhofft weniger bevölkert antreffen. Und dort ein druckfrisches Buch lesen, dessen Autor sich ins Fäustchen lacht: «Der Fisch», ein Bodensee-Ökothriller des Stuttgarters Ulrich Magin über das schwäbische See-Ungeheuer «Boddy». Derweil Spassvögel in Internetforen Schilder entwerfen, die vor «Monsterwelsen» warnen – Fischer, die nicht von Badenden gestört werden wollen. Marcel Elsener

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