«Ein Idol zu töten ist Massenmord»

Ein verwirrter Fan, der ein Idol einer ganzen Generation ermordet: Gibt das Stoff her für ein Bühnenstück? In der Lokremise stand «Heros» dreimal auf dem Programm. Der Monolog bringt auf packende Art eine düstere Kehrseite des Starkults auf die Bühne.

Hansruedi Kugler
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Ein Mörder – kein Held. (Bild: pd)

Ein Mörder – kein Held. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Man kann es geschmacklos finden, den Mörder von John Lennon zur Hauptfigur eines Theaterstücks zu machen. Man kann es auch für überflüssig halten, weil Mark David Chapman die fünf Schüsse am 8. Dezember 1980 in einem psychotischen Schub abgefeuert hat. Mehr Erklärung brauchte es dann nicht, und ein Theaterstück sollte ja schliesslich etwas anderes oder zumindest mehr bieten als eine Darlegung psychiatrischer Befunde.

Porträt eines Gescheiterten

Aber wenn man die Optik eines verwirrten Fans mit missglücktem Leben auf die Wurzeln seiner Phantasmen befragt, könnte man daraus ein aufschlussreiches Porträt eines Gescheiterten zeichnen und ein Porträt einer Generation, die ihre Ideale und Selbstentwürfe aus Liedzeilen übernimmt, die Kunst und Leben nicht mehr auseinanderhalten kann.

Ein solch riskantes und gelungenes Projekt ist das Theaterstück «Heros». Das Stück des deutschen Autors Björn Steiert aus dem Jahr 2008 stand an den vergangenen drei Abenden als Gastspiel auf dem Programm der Lokremise.

«Nowhere man» im Kopf

Auch wenn am Freitag nur gerade zwanzig Zuschauer im Saal sassen: Überflüssig war der Abend nicht und geschmacklos auch nicht – wenn man mal von der Kleidung des Mörders absieht. Aber das musste als Zeichen so sein: Hellbeige Buntfaltenhosen mit Netzmuster, Wintermantel mit Fellkragen, abgetragene rote Handtasche – der Mann hat weder Stil noch eine Identität. Ein verwirrter Kauz, ein biederer Verlierer.

Zum Helden wird er im Verlauf des Stücks nicht, er bleibt ein Würstchen. «Niemand» nennt er sich denn auch. Michael Buseke lässt die Figur in seinem Monolog selbstgerecht und kühl planend, gleich danach voller Selbstmitleid taumelnd und mit wütenden Verschwörungstheorien geifernd auf dem Klappstuhl hocken: Ein gekränkter Narziss, der nach einer höheren Rechtfertigung für seine Mordtat sucht. Er summt und schreit Liedfetzen aus Lennons Liedern: «I'm a loser», «Nowhere man» – er fühlt sich darin erkannt.

Ausgelöschte Ideale

John Lennon – nicht der Prophet von «Give Peace a Chance», sondern ein eitler, heuchlerischer Narr, der eine ganze Generation zu Drogenkonsum verführt und falsche Ideale gepredigt habe. So sieht es der Niemand. Seine Ermordung wäre geradezu «eine moralische Pflicht». Er selbst sei diesen Idealen gefolgt, dabei aber immer einsamer geworden. Seine terroristische Ideologie: «Ein Idol zu töten, bedeutet, einen Massenmord zu begehen.» Also eine Generation und deren Ideale auszulöschen. Peace? Für Niemand: lächerlich.

Unbeholfene Antworten

Am Freitag wollte nur ein Häuflein Zuschauer «Heros» sehen. Lag es am St. Galler Fest oder am Desinteresse, über den Lennon-Mörder nachzudenken? Noch die Hälfte der ohnehin wenigen Zuschauer blieb zum anschliessenden Publikumsgespräch und diskutierte jene Frage, auf die sie während des Stücks direkt angesprochen nur unbeholfene Antworten geben konnten: «Warum hätte ich John Lennon nicht töten sollen?»