Der Krieg nebenan

WARTH. Das Kunstmuseum Thurgau zeigt Kunst aus der Ostschweiz im Banne des Zweiten Weltkriegs. Während einige Künstler die bedrohliche Stimmung frühzeitig aufgreifen, ficht das andere überhaupt nicht an – sie bleiben der Idylle treu.

Florian Weiland
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Mit dem Weltkrieg verdüstern sich Carl Walter Liners Farben, die Lebensfreude verschwindet aus seinen Bildern. (Bild: Reto Martin)

Mit dem Weltkrieg verdüstern sich Carl Walter Liners Farben, die Lebensfreude verschwindet aus seinen Bildern. (Bild: Reto Martin)

Gelb glüht der Horizont. Der Himmel scheint zu brennen. Was passiert am deutschen Ufer? Ist das 1939 von Adolf Dietrich gemalte Bild eine düstere Vision, in der das kommende Unheil des Zweiten Weltkriegs vorweggenommen wird? Mitnichten. Der Berlinger Maler ist 60 Jahre alt, als der Krieg ausbricht. Auf seine Kunst wird dieses tiefgreifende Ereignis keine Auswirkung haben. Und so zeigt das Gemälde, das auch als Ausstellungsplakat dient, nur eine friedliche, winterliche Bodenseelandschaft. Die Lichtstimmung ist fraglos dramatisch. Gleichwohl ist nur ein Sonnenuntergang über der Höri zu sehen. Da ist kein Hinweis auf eine tiefere Botschaft.

Die Schweiz igelt sich ein

Das Kunstmuseum Thurgau geht der Frage nach, ob – und wenn ja, wie – Künstler und Künstlerinnen aus der Ostschweiz auf den Zweiten Weltkrieg reagiert haben. Auch wenn die Schweiz von Kampfhandlungen weitgehend verschont bleibt, herrscht eine gespannte Ruhe im Land.

Das Leben geht weiter. Lebensmittelknappheit, Flüchtlingsströme und die unsichere Nachrichtenlage bestimmen den Alltag. Fotografen wie Hans Baumgärtner oder Theo Frey, der als Reporter im offiziellen Auftrag der Schweizer Armee unterwegs war, geben uns Einblick. Die Schweiz versucht sich aus allem rauszuhalten und igelt sich ein. Der Krieg findet jenseits der Grenze statt.

Eindeutig Stellung bezogen

Mit dem Weltkrieg verdüstert sich Carl Walter Liners Farbpalette. Die Welt erscheint in dunklen Farben. Die Lebensfreude ist aus seinen Bildern verschwunden. Höhepunkt dieser Entwicklung ist eine abstrakte Komposition, in der man einen Totenschädel erkennen kann. Allein, auch dieses Bild, das zu den eindrucksvollsten Exponaten der Ausstellung gehört, hat einen kleinen Schönheitsfehler: Liner hat es 1959 gemalt, lange nach Kriegsende.

Andere Künstler greifen die bedrohliche Stimmung frühzeitig in ihren Gemälden auf. Hedwig Scherrer oder Frans Masereel beziehen in ihren Werken schon vor Kriegsausbruch eindeutig Stellung. Die in St. Gallen aufgewachsene Künstlerin prangert in ihren Plakaten die «Mordindustrie» des Krieges an, während der Belgier Masereel in einer 57teiligen Holzschnittserie die Auswüchse des Kapitalismus aufzeigt, die seiner Meinung nach unweigerlich in die Katastrophe führen mussten. Exemplarisch werden auch Arbeiten von Käthe Kollwitz gezeigt.

Doch zurück zu den Schweizer Künstlern: Robert Wehrlin kommentiert in bissigen Karikaturen den Einfall der deutschen Wehrmacht in Polen. Mit spitzer Feder kommentiert der Appenzeller Carl Böckli (Bö) das Lavieren der Schweiz für den «Nebelspalter». Ernst Graf beklagt in seinen Aquarellen das Elend der Flüchtlinge.

Fiktives Kriegstagebuch

Ein faszinierender Sonderfall bleibt Jakob Greuter, ein Aussenseiterkünstler, der bei der Müllabfuhr St. Gallen arbeitet und sich sein eigenes Bild vom Krieg malt. Über 60 akribisch ausgearbeitete Aquarelle schmücken den langen Korridor, der die Ausstellungsräume miteinander verbindet. Ein fiktives Kriegstagebuch und ein einmaliges Zeugnis. Anregung lieferten ihm Fotografien und Illustrationen aus Zeitschriften wie dem deutschen Propagandablatt «Signal», die er im Abfall fand, und seine eigenen Erlebnisse als Gebirgspionier.

Aus dem Rahmen fallen auch die Porträts von Ernst Emil Schlatter. Er malt NS-Gegner wie Thomas Mann ebenso wie bekannte NS-Sympathisanten. Was für ein Mensch Schlatter wohl gewesen sein mag? Und wo ist er politisch einzuordnen? Es wäre lohnend, der Biographie dieses hochbegabten Künstlers weiter nachzugehen.

Idylle pur bei Adolf Dietrich

Texttafeln ziehen sich durch die Ausstellung. Wesentliche Daten werden genannt, doch ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wichtiger als eine genaue Chronologie der Ereignisse ist es dem Museum, die damals herrschende Stimmungslage zu vermitteln. Drei Hörstationen, in denen Auszüge aus Briefen und Tagebüchern der Künstler gelesen werden, helfen, ein authentisches Bild der Zeit zu gewinnen. Kriegszeiten treffen Künstler in besonderer Weise. Wer denkt schon an Kunst, wenn das Leben existenziell bedroht ist?

Am 1. April 1944 werfen amerikanische Flugzeuge irrtümlich Bomben über Schaffhausen ab. Am helllichten Tag. 40 Menschen sterben, 270 werden zum Teil schwer verletzt. Der Schrecken des Krieges ist auf einmal ganz nah und real. Auch Stein am Rhein wird bombardiert. Adolf Dietrich ficht auch das nicht an. Die Ausstellung schliesst mit einem weiteren Bild des Berlinger Malers. Es zeigt einen Gartenpavillon, auf dem ein Schweizer Fähnchen weht. Idylle pur.