Alles dreht sich ums Licht

Eine ungewöhnliche Kombination: Das Kunstmuseum St. Gallen stellt unter dem Titel «Es werde Licht» moderne Lichtkunst einigen Meisterwerken des Impressionismus an die Seite. Ein direktes Zusammenspiel entsteht aber nicht.

Florian Weiland
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Wechselspiel der Lichter: Zu den unterschiedlichen Lichtinstallationen kommt das einfallende Tageslicht dazu. (Bild: Ralph Ribi)

Wechselspiel der Lichter: Zu den unterschiedlichen Lichtinstallationen kommt das einfallende Tageslicht dazu. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Es ist eine äusserst spartanische Installation. Sie besteht lediglich aus einer Glühbirne und einem ihr Strom zuführenden Kabel. Die Glühbirne liegt am Boden – sie beleuchtet nichts anderes als sich selbst. Ein Werk von Bill Bollinger, einem der Hauptvertreter der sogenannten Postminimal Art. So einfach wie radikal.

Am Ende des Ausstellungs-Rundgangs findet sich eine Arbeit, die direkt Bezug auf Bollingers Installation nimmt – und sie zugleich parodiert. Die Situation scheint zunächst die gleiche zu sein. Erneut sehen wir eine Glühbirne am Boden liegen. Ihre Funktionslosigkeit wird noch zusätzlich gesteigert, indem das Stromkabel – völlig sinnlos – bis an die Decke und wieder zurück geführt wird. Ein Beitrag des Künstlerkollektivs «Famed», das von der Absurdität seiner Inszenierung lebt.

Als Gegenstand und Medium

Von hier aus den Bogen zurück zu den Künstlern des Impressionismus zu spannen scheint nicht unbedingt naheliegend. Und doch: auch bei ihnen dreht sich alles ums Licht. Mit einem entscheidenden Unterschied – die Impressionisten malen das Licht und versuchen, seine flüchtige Erscheinung in ihren Bildern festzuhalten. In der Gegenwartskunst ist dagegen das Licht selber das Medium.

Das Kunstmuseum kombiniert in seiner diesjährigen Sammlungsausstellung Werke des Impressionismus mit moderner Lichtkunst. Parallel dazu sind sieben Gemälde – herausragend: Ferdinand Hodler und vor allem Felix Vallotton – aus der Stiftung von Charlotte und Simon Frick zu sehen.

Im Rampenlicht

Gleich zu Beginn steht der Betrachter plötzlich selber im Rampenlicht. Sobald man die Ausstellungsräume betritt, wird man vom Licht eines Scheinwerfers erfasst und darf sich ein bisschen als Star fühlen. Nur keine Schwellenangst! Es handelt sich um eine Installation von Michel Verjux, die perfekt in das Thema der Ausstellung einführt. Die Schau verspricht, Altbekanntes aus der Sammlung in ein neues Licht zu setzten. Ob dem Ausstellungsbesucher ein Licht aufgehen wird?

Genug der Wortspiele. Später stossen wir auf eine weitere Lichtinstallation des französischen Künstlers, von dem zurzeit auch in der Lokremise Arbeiten zu sehen sind. Diesmal ist ein grosser Theaterscheinwerfer auf ein Fenster gerichtet und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen Kunstlicht und dem einfallenden natürlichen Tageslicht.

Das Licht der Impressionisten

Die wechselnden Lichtstimmungen fesselten auch die impressionistischen Maler. Mit schnellen, spontanen Pinselstrichen skizziert Claude Monet einen Palast in Venedig. Der Canale Grande nimmt mehr als die Hälfte des Bildes ein. Im sanft bewegten Wasser spiegelt sich die Architektur als flüchtiges Bild. Ein weiterer Monet – eine Leihgabe aus Privatbesitz – zeigt Antibes und die Seealpen im Licht der Abenddämmerung. Ein stimmungsvolles Gemälde. Auf weiches Licht und verschwommene Umrisse setzt auch Camille Corot, während Alfred Sisley das atmosphärische Spiel des Lichts in einem Garten einfängt.

Strenge und chaotische Lichter

Die Impressionisten stehen weitgehend für sich. Ein wirkliches Zusammenspiel gibt es nicht. Der Kontrast zur Gegenwartskunst könnte freilich auch kaum grösser sein. Nicht stimmungsvoll, sondern extrem nüchtern kommen die Installationen mit Neonröhren daher. Dan Flavin ordnet sie in strenger Choreographie an, bei John M. Armleder stapeln sie sich in einem chaotischen Haufen. Der St. Galler Künstler Urs Burger hat unzählige Neonröhren zu einem bunten Teppich gruppiert. Der weisse Boden und die Wände reflektieren die Farben und tauchen den Raum in ein faszinierendes Licht. Keith Sonnier variiert mit zeichenhaften Formen und freien, fast malerischen Inszenierungen.

Einleuchtende Silvie Defraoui

Bethan Huws lässt die Bilder im Kopf des Betrachters entstehen. Ihre aus Neonröhren geformte Textarbeit behauptet, dass am Grunde des Denkens ein Brunnen existiert. Weitaus kürzer und einleuchtender geht es bei der in St. Gallen geborenen Künstlerin Silvie Defraoui zur Sache: Das Wort «Luna» ist jedoch nur aus einem bestimmten Blickwinkel zu entziffern. Exklusiv für die St. Galler Ausstellung hat die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury eine neue Arbeit realisiert: «Radiant» führt Elemente aus den Arbeiten von Flavin und Huws zusammen.

Während der Vernissage tanzte ein leicht bekleideter Go-Go-Tänzer auf einer von Glühbirnen gesäumten Bühne. Jetzt liegt die Installation von Felix Gonzalez-Torres verlassen im Raum. Es bleibt die Erinnerung. Weitaus mehr Action findet sich bei Monica Bonvicini. 150 immer schneller blinkende Glühbirnen verändern die Wahrnehmung des gesamten Ausstellungsraumes. Nicht weniger irritierend der Titel der Arbeit: «Not for You». Ein moderner Werbeslogan, der den Betrachter gezielt ausgrenzt. Aber vielleicht auch ein subtiler Verweis auf den modernen Kunstmarkt, wonach Kunst nicht für jedermann erschwinglich ist?

Bis 25. Oktober, Kunstmuseum St. Gallen; Di– So 10–17 Uhr, Mi bis 20 Uhr

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