Stehparty bei Pharao

Jetzt hat auch der Pfäffikersee sein Klassikfestival: «La Perla» will in der ersten Reihe mitspielen. Seine «Aida»-Produktion bietet aber nur verstaubte Opernkost von vorgestern. Braucht's das?

Tobias Gerosa
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Paolo Battaglia als Il Re, Herrscher Ägyptens. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Paolo Battaglia als Il Re, Herrscher Ägyptens. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Monate im Voraus hingen die Plakate des Festivals La Perla in den Bahnhöfen, die letzten Tage war die Radiowerbung – Entschuldigung, Veranstaltungshinweise – kaum zu überhören. Man baute ein hübsches Festivalgelände an die Seepromenade am kleinen Pfäffikersee im Zürcher Oberland, setzt sympathisch auf lokale und regionale Zulieferer, auf Nachhaltigkeit und bezieht die Gemeinde möglichst ein. Doch beim künstlerischen Personal greift man bei sehr gestandenen Recken in Italien zu, garniert mit einem einheimischen, aus dem TV bekanntem Namen und einem eigens gecasteten (lauten) Chor.

Misstöne im Vorfeld

Die grosse Kelle, mit der man anrührt, bekommt der Suppe künstlerisch nicht, das zeigte die vom Wetter perfekt unterstützte Premiere am Freitag. Misstöne hatte es allerdings schon im Vorfeld gegeben. Was bei den Salzburger Festspielen von der Sängerin Elisabeth Kulman als «art, but fair» angestossen viel Öffentlichkeit fand, schwelt auch in Pfäffikon: Die Löhne, die man den Musikern zahlt, liegen deutlich unter den Tarifverträgen. Ein osteuropäisches Orchester wäre noch viel günstiger, hiess es darauf. Eine unverhüllte Drohung. Dann waren auch zu den abgemachten Ansätzen genügend Musiker bereit, im «Symphonischen Orchester Zürich» die «Aida» zu spielen. Bei beidem kann man sich fragen, ob es für die Schweiz als Musikland spricht. Lag es nun an der Motivation, dass die rund achtzig Instrumentalisten bei der Premiere so grob und ungenau spielten, oder daran, welche Musiker man für welchen Betrag bekommt?

Hat für eine Regie, die diesen Namen verdient, auch das Geld gefehlt oder wollte man nicht mehr als Händeringen? Nicht einmal, dass die Bühne am Seeufer steht, wird ausgenutzt. Den Standard setzt die erste Szene: Radames tritt auf. Kaum singt er: Drehung frontal zur Rampe. Spiel gibt es höchstens ohne Töne in Ansätzen. Dass man ohne Verstärkung arbeitet, fördert dieses überwunden geglaubte Opernsänger-Verhalten wohl zusätzlich.

Noemi Nadelmanns Versuch

Die Hebebühne quietscht genau getimt in jedes zweite Piano. Für die Massenauftritte müssen Pausen eingebaut werden, weil nur ein Zugang zur Bühne besteht. Verdi prangert die Kriegsgeilheit an? Nichts zu sehen ausser einer banalen Balletteinlage. So geht es weiter, bis die Aufführung genau dann endet, wenn der Extrazug, mit dem die überregionalen Züge erreicht würden, abfährt. Immerhin versucht Noemi Nadelmann als «Aida» sängerisch eine interessante Figur zu formen. Sobald die Rolle grössere Töne und mehr Durchschlagskraft verlangt, reicht ihre gute Fokussierung aber schlicht nicht aus.

Plädoyer für feste Theater

Den Bregenzer Festspielen gelingt regelmässig der Spagat zwischen Spektakel und Kunst. In Pfäffikon (zugegeben mit andern Bedingungen) wird noch nicht einmal klar, wie man sich zwischen Show und Musiktheater positionieren will. Wer so zum ersten Mal eine Oper sieht, bekommt ein ganz falsches Bild, was diese Kunstform leisten kann. Die dürftige Qualität hört hoffentlich auch ein durchschnittlicher Besucher. Für die stolzen 249 Franken einer «Aida»-Karte der ersten Kategorie bekommt man im Opernhaus Zürich einen sehr guten Platz, in Bregenz zwei und im Theater St. Gallen sogar fast drei. So werden Aufführungen wie diese zum Plädoyer für die Arbeit der festen Theaterbühnen und ihre Subventionen.