Östliches Berlin

LESBAR BELLETRISTIK Von Oktober 2010 bis Juli 2011 war Ilma Rakusa, in Zürich lebende Schriftstellerin, am Wissenschaftskolleg Berlin. In dieser Zeit führt sie ein «Berlin-Journal». Mit «Aufgerissenen Blicken» wandert sie durch diese Stadt, das «Scharnier zwischen Ost und West».

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LESBAR BELLETRISTIK

Von Oktober 2010 bis Juli 2011 war Ilma Rakusa, in Zürich lebende Schriftstellerin, am Wissenschaftskolleg Berlin. In dieser Zeit führt sie ein «Berlin-Journal». Mit «Aufgerissenen Blicken» wandert sie durch diese Stadt, das «Scharnier zwischen Ost und West». Doch Rakusa, aufgewachsen in der Ljubljana, Budapest und Triest, sucht und findet vor allem das osteuropäische Berlin, «eine Stadt, die mir meine Herkunft aus dem Osten bewusst macht und gleichzeitig Zukunft bereithält». Hellwach zieht Ilma Rakusa durch die Strassen, nutzt das rege Kulturleben, trifft Freunde, viele von ihnen Künstler wie sie mit osteuropäischem Hintergrund. Manche wie Michail Wladimir Schischkin oder Imre Kertesz nennt sie mit vollem Namen, andere hingegen nur mit den Vornamen, so bleiben sie privat, fast anonym. Das verstärkt den Eindruck, dass der Text nicht für uns Leser geschrieben wurde, sondern eben Tagebuch ist. Wir gehen mit der Autorin auf die Berlinale, in Ausstellungen oder ins Theater, erfahren mit ihr von den Neuigkeiten in den Tageszeitungen (Tsunami in Japan, Arabischer Frühling), treffen auf viel zu viele Obdachlose und trinken immer wieder Latte Macchiato in den Cafés der Stadt. Manche Erzählung berührt uns nicht, manche nicht mehr. So ist «Aufgerissene Blicke» ein Buch für Rakusa-Kenner, das Einblick in ihr Schaffen gibt und sie beim Sprachforschen zeigt. Ein Buch aber auch, das seine Leser an vielen Stellen vor der Tür stehen lässt.

Ilma Rakusa: Aufgerissene Blicke, Berlin-Journal, 118 S., Fr. 24.90

Kärnten zweisprachig

Der in Zürich lebende Autor Hugo Ramnek wuchs im kärntnerischen Bleiburg auf, eine zweisprachig österreichisch-slowenische Stadt vier Kilometer von der Grenze entfernt. Und so liest sich dieses Buch von der einen Seite als «Kettenkarussell», von der anderen als «Semanji vrtiljak». Zudem ist die kurze Erzählung, die Ramnek auch im letzten Jahr zum Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vorlas, mit kräftigen Bleistift-Skizzen von Werner Berg illustriert. Beide Kunstformen zeigen den alljährlich stattfindenden Wiesenmarkt als wildes, quirliges, hektisches Ereignis. Nach einer kurzen Einleitung taucht Ramnek direkt ein in das flirrend-erotische Fest, auf dem sich die Ereignisse so hektisch überstürzen wie die Autoscooter aufeinander knallen oder sich das Kettenkarussell dreht. Mit seiner Echse in der Tasche trifft der Jugendliche auf das schöne Mädchen, den Albinojungen und Milan. Sie alle sind von jenseits der Wiese, «verbohrte Slowener», wie die Leute sagen. Souverän übersetzt Autor Hugo Ramnek die Feststimmung und den schwelenden Rassismus in Sprache.

Hugo Ramnek: Kettenkarussell, deutsch und slowenisch, mit Wiesenmarktskizzen von Werner Berg, Wieser 2012, 70 S., Fr. 24.20

Valeria Heintges