Mackies ruhmreiches Finale

Freilufttheater Bettler betteln, Diebe stehlen, Huren huren. Ein Theatermacher macht Theater: See-Burgtheater. In Kreuzlingen zeigt Leopold Huber, der Charmeur alter Schule, Brechts «Dreigroschenoper». Brigitte Elsner-Heller

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Mackie Messer wagt ein Tänzchen mit seiner Braut Polly (Giuseppe Spina, Carin Lavey). (Bild: pd)

Mackie Messer wagt ein Tänzchen mit seiner Braut Polly (Giuseppe Spina, Carin Lavey). (Bild: pd)

Da ist er wieder, der gute Herr Brecht. Diesmal ist seine berühmte «Dreigroschenoper» am Bodenseeufer angekommen, ein- oder eher angerichtet von Leopold Huber und dem See-Burgtheater in Kreuzlingen. Die wie vielte Inszenierung des Stückes es wohl sein mag? Völlig unerheblich, denn von Leopold Huber ist man gewöhnt, dass er sein eigenes Ding durchzieht, ohne sich von bereits Gesehenem gängeln zu lassen. Dass es bei Brecht eingangs heisst «Ein Moritatensänger singt eine Moritat», verführt dazu, Leopold Huber diese Rolle zuzuschreiben. Über den Tag, die einzelne Moritat, hinaus.

Armselig-fahle Gestalten

Noch ist es hell, und der Wind mischt das Wasser des Bodensees auf, als sich die Bettlerarmee von Jonathan Peachum auf der Seebühne direkt am Ufer breit macht. Es sind armselig-fahle Gestalten, wie uniformiert in eher brave Dessous verpackt, die aufs Menschliche, Allzumenschliche anspielen. Schliesslich werden auf der Bühne später auch Huren gebraucht, Diebe, Mörder und Polizeikräfte. Ein wenig Rot für die Damen, Schwarz für die Ordnungskräfte und Grau fürs kriminelle Milieu, und schon ist die Belegschaft fürs Theaterunternehmen fertig, für die Moritat vom Geld und den Verhältnissen, die nie so sind, wie sie sein sollten.

Könnte es also sein, dass sich die Parteien von Ordnungsbrechern und Ordnungshütern gar nicht grundlegend unterscheiden? Klaus Hellenstein sind diese Kostüme zu verdanken und auch ein Bühnenbild, wie es sprechender nicht sein könnte. Quer durchs Bild zieht sich der berühmte Haifisch mit seinen Zähnen, während sich alles, was einigermassen behaust daherkommt, einen Überseecontainer teilt und alle anderen aus dem Untergrund auftauchen. Daneben, ebenfalls in einem Container, sorgt die Dreigroschenband unter Leitung von Volker Zöbelin für einen frohgemuten Umgang mit dem Weillschen Liedgut, das übrigens bei der Uraufführung 1928 so grossen Erfolg beim Publikum hatte, dass Brecht fürchtete, in seiner Gesellschaftskritik nicht ernst genommen zu werden. Wer weiss, ob da nicht auch das Ego in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Lieben muss man sie alle, diese Gauner diverser Couleur, die sich auf der Seebühne tummeln und mit dem abnehmenden natürlichen Licht weiter ins Rampenlicht gerückt werden. Zunächst Peachum, der sich darauf spezialisiert hat zu vermitteln, wie professionell aus Mitleid Kapital zu schlagen ist. Erich Hufschmid füllt die Rolle des «Spendensammlers» gut aus, erfreut dadurch, dass der Text auch gut zu verfolgen ist, wenn er gesungen wird.

Peachums Gegenspieler ist Macheath, genannt Mackie Messer, der sich mit dreistem Charme ins Herz von Peachums Tochter Polly (duftig: Carin Lavey) einnistet. Wie schon in «Black Rider» im vergangenen Jahr überzeugt Giuseppe Spina in der Rolle des Verführers. Macheath lässt lieben: nach Polly, die in einer wunderbar skurrilen Szene mit leibhaftigem Pfarrer (Bastian Stoltzenburg) zu Mackies Frau erklärt wird, auch die Verflossenen Jenny (Astrid Keller) und Lucy (Stefanie Gygax).

Alles fügt sich aufs Beste

Die paar Huren nebenbei wären zu vernachlässigen, wäre nicht gerade diese «Sexuelle Hörigkeit», die mit einem Weill-Song besungen wird, der Grund, dass Mackie hinter Gittern landet. Übrigens sehr zum Verdruss des Polizeichefs Tiger Brown, der mit Mackie gut befreundet ist, vor allem wegen der langjährigen florierenden Geschäftsbeziehungen. Alexander Peutz überzeugt gesanglich und ist für Giuseppe Spina ein guter Partner auf der Bühne. Für die bunten Tupfer lässt Leopold Huber mal wieder die Puppen tanzen, will sagen: spielen. Neben den erwähnten Frauen verkörpert Franca Basoli die starke Frau Peachum.

So fügt sich alles aufs Beste. Wie von Leopold Huber gewohnt, streut er ein wenig Hier und Heute unter den alten Brecht, führt das Weltwirtschaftsforum ein und anstelle simpler Aktien einen Hedgefonds. Brechts grossartiges «Drittes Dreigroschen-Finale», in dem auf absurde Art und Weise Mackie vom Galgen gerettet und in den Adelsstand erhoben wird, führt auch in der Aufführung des See-Burgtheaters zu grimmigem Vergnügen. «Boni für alle!» wie auf einem Schild gefordert, wird zur ultimativen Botschaft des Moritatensängers Leopold Huber. Da schliessen wir uns doch gern an.