Dünnhäutig und erregbar

Anna Stüssi wirft einen differenzierten analytischen Blick auf die jungen Jahre des Menschen Ludwig Hohl und dessen Entwicklung zu einem der bedeutendsten und ausgefallensten Schriftsteller der Schweiz.

Erika Achermann
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Schreiben als innere Nötigung: Schriftsteller Ludwig Hohl (1904–1980) (Bild: Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern. Nachlass Ludwig Hohl)

Schreiben als innere Nötigung: Schriftsteller Ludwig Hohl (1904–1980) (Bild: Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern. Nachlass Ludwig Hohl)

Die 16jährige Gertrud Züllig fragt den 18jährigen Gymnasiasten Ludwig Hohl: «Was bist Du eigentlich für ein Mensch?» Eine berechtigte Frage, denn der junge Hohl wurde aus dem Frauenfelder Gymnasium geworfen, weil er eine «Gefahr für die Mitschüler» sei. Er hatte die «unsympathische Gewohnheit», seine Lehrer und Freunde in einer Skala von «überragend» bis «unbedeutend» einzustufen. «O Hölderlin, grosser Hölderlin! Du hättest mich verstanden!» schrieb er in sein Tagebuch. In Zürich besucht er 1922 die «Minerva» und findet mit Gertrud Züllig die erste «Komplizin der Extreme».

Kauziges Gebaren und Alkohol

Ja, was war der Erzähler und Aphoristiker Ludwig Hohl für ein Mensch? Diese «Ur-Frage» beantwortet seine Biographin Anna Stüssi mit Respekt für einen Mann, der zur Legende wurde, weil er durch «sein kauziges Gebaren faszinierte und seinen Alkoholkonsum irritierte». Er hause aus materieller Not in einem Kellerraum in Genf, hiess es. Auf Fotos sieht man ihn verschanzt hinter Bergen von Büchern vor einer Wäscheleine mit Manuskriptblättern. Eine wunderbare Selbstinszenierung zur Legendenbildung. Oben im selben Haus hatte Ludwig Hohl eine Wohnung, er war verheiratet. Im Keller arbeitete er nur. Die Medien stilisierten ihn zum Einzelgänger. Das war er auch, aber es mangelte ihm nicht an Charisma. Er war fünfmal verheiratet. Das ist Rekord unter den Schweizer Schriftstellern.

Arbeiten als innere Nötigung

Dennoch: «Arbeit», das war ihm das wichtigste im Leben, obwohl er seinen Lebensunterhalt damit nicht zu verdienen vermochte. Die Frauen, Freunde und die Familie, oft widerwillig, haben ihn finanziell unterstützt. Unter Arbeit verstand Hohl nicht das Streben nach Lohn und Leistung, er folgte einer inneren Nötigung. Selbstverwirklichung war dabei nicht das Ziel, sondern die Erweiterung des Bewusstseins.

Wie kam es zu dieser in der Schweiz einzigartigen Schriftsteller-Existenz? Die Berner Literaturkritikerin und Psychologin Anna Stüssi näherte sich Ludwig Hohl und seinem Umfeld auf bewundernswerte Weise. Die Biographie der Jahre 1904 bis 1937, die sie «Unterwegs zum Werk» nennt, ist nicht nur wegen ihres differenzierten analytischen Blicks auf den Menschen und dessen Entwicklung vom Kind zum Schriftsteller, sondern auch als Dokument der Zeitgeschichte lesenswert. Denn Hohl bietet sich als exzentrische Künstlerfigur mit eigenwilligen und anrührenden Charaktereigenschaften als «Romanfigur» an. Und er zieht rastlos durch Europa, bevor er sich in Genf niederlässt.

Im glarnerischen Netstal wurde er als Arnold Ludwig Hohl im Pfarrhaus geboren. Dort begann seine Liebe zu den Bergen, zur erhabenen Natur. Aber auch die Abneigung gegen die geizige Mutter, die er später «das Weib des Pfaffen» nennen wird. Hohl war nie zimperlich.

Gymnasium in Frauenfeld

1910 zog die Familie ins thurgauische Sirnach, ins «jämmerliche Topfland». 1918 wechselte er aufs Gymnasium in Zürich. Schon der 22-Jährige wusste: «Ich bin schwach im Leben, einzig Schreiben wird mein Reich sein.» Den Cafés von Wien und Paris schenkte er seine Zuneigung. Aus einer Mischung von Stolz und Minderwertigkeitsgefühl ignoriert er allerdings seine Zeitgenossen Picasso, Giacometti, André Gide und Paul Valéry, die in denselben Cafés verkehrten. Weitere Stationen waren Marseille und Den Haag.

Im holländischen Exil schreibt er ab 1934 fast ohne Korrekturen die mehr als 1000 Seiten der «Notizen». Sie bringen endlich Anerkennung. Friedrich Dürrenmatt meinte: «Hohl ist notwendig, wir sind zufällig. Wir dokumentieren das Menschliche, Hohl legt es fest». 1937 kehrt Hohl in die Schweiz zurück und lässt sich nicht zufällig in Genf nieder, denn er liebte die Nähe zu Paris und verabscheute den schweizerdeutschen Dialekt.

Keine Glorifizierung

Anna Stüssi dokumentiert auch die Liebesleidenschaften von Ludwig Hohl. Im Archiv in Bern waren die Briefe der Frauen erhalten geblieben, die ihn zunächst verehrten, aber das Leben an seiner Seite doch als zermürbend erfahren mussten. Hohl hat der Frau als solche zwar eine «praktische» Intelligenz zugesprochen, aber damit könne sie «niemals ein Verständnis von Welt oder von Geist ermöglichen», denn ihnen fehle «abstrakte Intelligenz». Anna Stüssi verbindet in ihrer feinfühligen Biographie über das Phänomen Hohl praktische und abstrakte Intelligenz und meidet die Glorifizierung des Künstlers als einsames Genie.

Anna Stüssi: Ludwig Hohl. Unterwegs zum Werk. Eine Biographie der Jahre 1904 bis 1937, inkl. 40 Abb. Wallstein 2014, 399 S., Fr. 40.–