Digitale Erweckung

Der digitale Umbruch im Kino ist mittlerweile Tatsache. Doch berühren uns die digitalen Filmbilder gleich wie die analogen? Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt sucht darauf Antworten. Andreas Stock

Drucken
Teilen
Dreharbeiten zum Kurzfilm «Parachutes» von Wendy Pillonel. Einem von drei Filmen, die speziell für das Forschungsprojekt entstanden. (Bild: Zürcher Hochschule der Künste)

Dreharbeiten zum Kurzfilm «Parachutes» von Wendy Pillonel. Einem von drei Filmen, die speziell für das Forschungsprojekt entstanden. (Bild: Zürcher Hochschule der Künste)

Die Diskussion wurde ähnlich bereits einmal geführt. Damals, als die CD auf den Markt kam, und nochmals, als komprimierte Musikformate wie MP3 populär wurden. Die Frage nämlich, ob digital aufgenommene und abgespielte Musik weniger Wärme und Emotionalität zu vermitteln vermag, als analoge Aufnahme- und Wiedergabeverfahren. Nun stellt sich diese Frage auch fürs Kino: Unterscheidet sich die emotionale Wirkung beim Publikum, wenn eine 35-mm- Filmprojektion oder eine Digitalprojektion präsentiert werden?

Synchrone, identische Filme

Im interdisziplinären Forschungsprojekt «Analog vs. Digital» wird diese Frage derzeit untersucht. Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und die Universitäten Bern (Institut für Psychologie) und Zürich (Seminar für Filmwissenschaft) erarbeiten gemeinsam diesen bisher unerforschten Aspekt.

Kürzlich informierten die Beteiligten in Zürich über ihre Zwischenresultate und stiessen dabei auf grosses Interesse. Im beinahe vollbesetzten Kinosaal sassen neben Filmstudenten und -interessierten zahlreiche Produzenten, Kameraleute und Regisseure wie Marcel Gisler, Samir, Fredi Murer und Markus Imboden.

Um die unterschiedlichen Verfahren vergleichen zu können, haben Studierende der Fachrichtung Film der ZHdK drei Kurzfilme gedreht. In drei spezifischen Genres und dank einer speziellen Konstruktion synchron mit einer digitalen und einer analogen Kamera. Beim aufwendigen Prozess entstanden zwei identische Filme, die sich ausschliesslich im Aufnahmeverfahren unterscheiden.

Körniges Bild, später eingefügt

Bei der Präsentation im Zürcher Kino Abaton bekamen die Anwesenden die drei Filme in Ausschnitten sowie am Stück zu sehen – und durften jeweils raten, welches die digitalen und welches die analogen Aufnahmen waren. Eine Mehrheit lag dabei meist richtig. Das analoge Bild, dem beispielsweise Pierre Mennel, erfahrener Schweizer Kameramann und Lehrer an der ZHdK, eine «lebendigere Wirkung» und eine «emotionale Lesbarkeit» attestiert, unterscheidet sich vom digitalen Bild. Aber es gab noch eine dritte Variante: Eine digitale Aufnahme, die so bearbeitet wurde, dass sie fast wie eine analoge Aufnahme aussieht: mit einem digital eingefügten, körnigen Bild und leichtem Flackern, wie es eben auf Celluloid-Aufnahmen üblich ist. Sprich: Die technischen «Mängel» des analogen Materials werden dem digital «sauberen» Bild künstlich hinzugefügt. Tatsächlich wird es so schwieriger, den Unterschied zwischen digitaler und analoger Aufnahme zu erkennen.

Über 140 Fragen beantwortet

Doch nimmt ein Kinopublikum diese Unterschiede überhaupt wahr, und wie? Miriam Loertscher vom Institut für Psychologie der Uni Bern präsentierte Zwischenergebnisse der zweiteiligen Untersuchung. Im ersten Teil wurden zwei Feldversuche in einem Kino in Zürich und in Bamberg durchgeführt, dort vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Rund 350 Versuchspersonen haben sich jeden Film in einer anderen Version angesehen und danach ihre subjektive Wirkung in einem Fragebogen mit über 140 spezifischen Fragen beantwortet. «Wir sind noch mitten in den statistischen Auswertungen», sagte Loertscher, aber erste Ergebnisse konnte sie doch bereits vorlegen. Dabei zeigte sich: Das Aufnahmeverfahren hatte auf die emotionale Wirkung keinen Einfluss – im Gegensatz zur Projektionsweise: Die emotionale Wirkung ist bei analoger Projektion tendenziell höher. Beim direkten Vergleich von analogem und digitalem Bild zeigte sich beim Zürcher Publikum eine klare Präferenz für das analoge Bild. Das Publikum in Bamberg gab hingegen den digitalen Aufnahmen den Vorzug. Ein Grund für die unterschiedliche Wahrnehmung könnte das Alter der Versuchspersonen sein, vermuten die Projektleiter. Das Zürcher Publikum war im Schnitt älter als jenes in Bamberg, das sich möglicherweise bereits an digitale Projektionen gewöhnt hat.

Das Gedächtnis mag Digital

Ein interessantes Resultat zeigten auch die Gedächtnisfragen: Bei der digitalen Projektion konnte sich das Testpublikum besser an Details aus den Filmen erinnern. Beispielsweise, welche Farbe die Schuhe einer Darstellerin hatten. Neben weiteren statistischen Auswertungen wird im Herbst eine zweite Versuchsreihe durchgeführt. Bei der sollen nach der subjektiven Wahrnehmung auch noch objektive Daten erhoben werden. Unter anderem sollen Augenbewegungen und physiologische Messungen (minimale Bewegungen im Gesicht) erfasst werden.

Als das Forschungsprojekt vor drei Jahren initiiert wurde, schien das digitale Kino noch Zukunftsmusik. Schneller als erwartet ist dieser Umbruch aber mehrheitlich bereits vollzogen: Die meisten Kinos in der Schweiz projizieren ihre Filme mittlerweile mit einem digitalen Projektor.

Ein grosser digitaler Aufwand

Einen faszinierenden Einblick, was das für die moderne Filmproduktion bedeutet, war an der Präsentation in Zürich ebenfalls zu sehen. Mit Florian Martin, Lead Colorist bei der renommierten Firma ARRI, war eine Koryphäe der Branche zu Gast. Florian Martin hat beispielsweise die Farbgebung bei Peter Jacksons «Lord of the Rings»-Trilogie verantwortet. Er hat für die drei Kurzfilme der ZHdK die Postproduktion besorgt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn man sieht, mit welch grossem Aufwand den bleichen, etwas künstlich wirkenden Digitalbildern mit allerlei Effekten nachgeholfen wird, um sie «filmischer» wirken zu lassen. Das kommt einem wie künstliche Aromen in Fertigprodukten vor. Eine Art digitaler Erweckungskuss. Noch stellt sich freilich das Problem, dass eine qualitativ hochstehende digitale Nachbearbeitung sehr kostspielig ist.