Kreative und Fremde: Aussersihl ist anders

Menschen aus hundert Nationen, viele Künstler: Zürich Aussersihl ist etwas besonderes. Das zeigt ein Gang durchs Quartier und der Blick in eine Ausstellung.

Bernadette Conrad
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Judith Peters: 2-2, 2010 (Bild: pd)

Judith Peters: 2-2, 2010 (Bild: pd)

«Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.» Es ist ein Dienstagmorgen, man läuft die Langstrasse im Zürcher Kreis 4 hinunter. Auf einem Schild über dem Trottoir, dort, wo normalerweise die Beizen oder Clubs oder Geschäfte für sich werben, steht dieser Satz von Samuel Beckett; – eine Kunstinstallation. Ein Mann lehnt in der Tür der Bar daneben, lächelt. Kunst hat im Zürcher Quartier Aussersihl eben einen festen Platz. Bars auch.

Schräg gegenüber steht ein betagter Herr mit langem Bart gefährlich hoch auf einer Leiter und vervollkommnet das eindrucksvolle Biotop auf zwei Balkonen. Pflanzen wuchern zur Strasse herunter. Schaut man den Fassaden der meist vier- oder fünfstöckigen schönen Altbauten entlang, fallen schadhafte oder zugeklebte Fenster in den Blick. Noch dominieren Phantasie und Improvisation vor dem grossen Geld.

Geheimnisse und Geschichten

An der Ecke im «Perla-Moden» üben zwei Paare im Schaufenster Tanzschritte. Bücher liegen, wie zufällig liegengelassen, in der Auslage. Im Schaufenster eines Coiffeurs sind uralte, martialisch aussehende Instrumente ausgestellt. Man könnte tagelang durch den Kreis 4 streifen, fasziniert von der Kleinteiligkeit, Individualität, von Krimskrams, Geheimnis, Geschichten.

Andersartigkeit ist schon seit seinen Anfängen ein Kennzeichen des Zürcher Stadtteils Aussersihl gewesen. Bis heute. Und Kreativität. Auf den Cafestühlen vor dem Volkshaus kann man Gedanken und Blicke schweifen lassen.

Denn zu sehen gibt es viel: Öffentliche Kunst ist in Aussersihl nicht zu knapp – Graffiti, Wandbilder, bemalte Brandmauern – aber so gut wie keine bürgerlich-repräsentative Kunst.

Von der Bevölkerung initiiert

«Kein anderes Quartier verfügt über derart viele Arbeiten, die von der Bevölkerung selbst initiiert oder realisiert worden sind», schreibt Bernadette Fülscher im Begleitbuch einer Ausstellung im Zürcher Helmhaus, die der hochaktiven Aussersihler Kunstszene eine umfassende Sichtbarkeit geben soll: «Grösser als Zürich – Kunst in Aussersihl».

Der Titel ist wörtlich gemeint: Als Aussersihl 1893 eingemeindet wurde, war die Bevölkerungszahl grösser als die von Zürich. Heute leben Menschen aus hundert Nationen im Kreis 4, darunter viele Künstler. Dass die dicht nebeneinander gehängten Bilder, die Installationen und Filme, Vorhänge und Collagen von 223 Kunstschaffenden die Ausstellungsräume im Helmhaus nicht sprengen, wundert angesichts der Menge des Gezeigten. Aber Guido Magnaguagno, langjährig erfahrener Ausstellungsmacher und hier ebenfalls Kurator, hat mit gutem Blick aus den grossen Räumen lichte farbige Gesamtkunstwerke gemacht. Und so findet sich die Vielfalt des Quartiers hier verdichtet – eines Quartiers, in dem «die Armen und die Arbeitslosen leben, die Armen, die Ausländer, die Katholiken, die Nichtgetauften, die Andersgläubigen, die Illegalen, die Straffälligen und die Künstler».

Wer kommt nach Aussersihl?

Nur die Auftraggeber der Kunst leben meist woanders! Grosse Ausnahme ist Silvio R. Baviera, jener Künstler, Verleger und Galerist, der auch die aktuelle Ausstellung initiierte und kuratiert. Baviera wuchs im Kreis 4 auf – und vermisste ihn später so sehr, dass er zurückkam in diese «Heimat für Menschen ohne Lebensmittelpunkt», wie Dieter Meier sagt. «Aussersihl ist bis heute ganz anders als alles andere in Zürich.»

Vielleicht ein Abschied

Wird er das auch morgen noch sein? Am Beginn der Ausstellung nimmt ein Modell der im Bau befindlichen Anlage Europaallee viel Platz ein. Der Komplex mit Büro- und Wohnräumen, Bars, Geschäften, wird das Quartier verändern. «Womöglich ist das, was wir hier machen, die Abschiedsfeier des alten Aussersihl», sagt Helmhaus-Leiter Simon Maurer.

Grösser als Zürich – Kunst in Aussersihl. Helmhaus Zürich, bis 22. April. Das gleichnamige Buch ist im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen.