Glücklich enttäuscht

Lokremise Das Kollektiv Famed, erste Gastkünstler im Kulturzentrum am Gleis, zeigt in seiner Ausstellung in St. Gallen, wie das mit dem Berühmtsein geht, und weshalb es immer noch Spass daran hat. Ursula Badrutt Schoch

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Der Kreis schliesst sich: Famed, Sebastian Kretzschmar, Jan Thomaneck und Kilian Schellbach (von links), vor ihrer Kunst. (Bild: ky/Regina Kühne)

Der Kreis schliesst sich: Famed, Sebastian Kretzschmar, Jan Thomaneck und Kilian Schellbach (von links), vor ihrer Kunst. (Bild: ky/Regina Kühne)

Was zum Teufel soll das? Da fährt man in St. Gallen ein, erwartungsvoll, unternehmungslustig, und wird noch vor dem Verlassen des Zuges mit Worten begrüsst, die wie eine kalte Dusche auf alle Werbestrategien der Stadt wirken müssen: UNSAID, UNSEEN, FORGOTTEN, ungesagt, ungesehen, vergessen, ist in grossen weissen Lettern auf dem Billboard zu lesen. Mehr nicht; auch kein Name.

Lockmittel in die Lok

Immerhin sind Aufmerksamkeit und Neugierde in Form von Fragen geweckt. In Neon auf schwarzer Wand dann am Eingang zur Kunstzone in der Lokremise eine nächste fragliche Begrüssung: Will I Be Missed?

Famed, das Trio aus Leipzig, das seit einigen Wochen als Artistes in Residence sich in St. Gallen umgeschaut und nun in der Lokremise die Ausstellung mit dem seltsamen Titel «Vor den Dingen, nach dem Affekt» eingerichtet hat, bringt uns ins Schlingern. Sachte werden wir zurückgewiesen. Das wirkt als Lockmittel, reizt. Da sind drei Künstler am Werk, die in raffinierten Tönen der Selbstironie das Streben nach Anerkennung, Ruhm, Erfolg in minimalistische Arbeiten packen.

Ein leeres Büchergestell und ein in die Wand gestecktes Buch bilden einen weiteren Auftakt. Beim Gestell handelt es sich nicht um Judd, sondern um jene preisgünstige Ikea-Ikone, die vom «Zeit-Magazin» kürzlich zu einem der 100 guten Dinge im Leben gekürt worden ist.

Lust am Berühmtsein

Billy ist das Famed-Vorbild. Und als gelte es, ihm auf die Schliche zu kommen, den Weg zum Erfolg zu durchschauen, zeigen die Künstler Billy seines Furniers teilweise entblösst. Ein Selbstporträt? Hier setzt sich jemand in Szene, um Machenschaften des Marktes ebenso wie Existenzbedingungen nicht bloss zu entblössen, sondern ironisch zu unterwandern.

Beim Buch, das mit dem Kopf durch die Wand will, handelt es sich übrigens um Guy Debords «Gesellschaft des Spektakels»; Kritik an der Konsumgesellschaft tragen die drei aus dem ehemals kommunistischen Osten mit Nonchalance mit.

Was gibt es für Künstler zu tun, die sich der Konzeptkunst verschrieben haben, aber aus der Leipziger Schule kommen, wo Malerei schneller als frische Weggli über den Ladentisch gegangen ist? Sie gründen 2003 ein Kollektiv und nennen sich Famed, was zwar so viel bedeutet wie berühmt, aber in dieser grammatikalischen Form uns Deutschsprachigen auch an eine Futur-II-Form, an Passivität und die Vergänglichkeit des Ruhms erinnert: Sie werden berühmt gemacht gewesen sein.

Sebastian Kretzschmar, Kilian Schellbach und Jan Thomaneck nehmen mit ihrem Namen den Nachruhm vorweg und greifen die Bedingungen des Künstlerdaseins zwischen Kunsthochschule und Hollywood auf und führen sie ad absurdum. Eine ihrer ersten Arbeiten ist, sich das Logo «Famed» als Sammler auf die Haut zu tätowieren. Im Gegenzug entsteht 2004 die Konzeptarbeit «Your Name», bei der sich alle drei Künstler den Namen des jeweiligen Käufers in die Haut einschreiben lassen. Augenscheinlich schmerzhafter lässt sich das problematische Verhältnis zwischen Sammler, Kunst und Künstler nicht visualisieren. Die Arbeiten bleiben – ganz im Sinne konzeptueller Gültigkeit nach Lawrence Weiner – bis jetzt unausgeführt.

Längst sind wir in die Fänge von Famed geraten. Wo das Ende, wo der Anfang ist, bleibt ungewiss – wie der Ausgang beim Kreisen im Zitat Debords als runde Leuchtschrift: Was erscheint, das ist gut, was gut ist, das erscheint.

Hoffen auf Heimat

Doch dann die Panne. Man denkt, die Technik funktioniere wieder einmal nicht. Kein Bild, nur Ton – oder zirpt die Grille sonstwo in der Lokremise? Was nützen da die sichtlich sorgfältigen Arrangements ! Doch dann ertönt ein Automotor, und jetzt passiert es: Die bemalte Hartfaserplatte, die bis anhin wie ein monochromes Bild tat, wird zur Projektionsfläche, auf der ein Licht aufscheint, ein Hoffnungsschimmer. Die Scheinwerfer leuchten einen Mann am Strassenrand an, einen Autostopper mit einem Schild, auf dem sein Ziel geschrieben steht: HOME. Das Auto fährt weiter. Der Autostopper wird wieder von der Dunkelheit verschluckt.

Der Moment der Hoffnung ist vorbei, wir aber bleiben glücklich zurück; nicht, weil der Mann (und Künstler) weiter auf sein Glück, auf ein Zuhause auch im Sinne der Utopie warten muss, sondern weil wir gerade Zeuge eines wunderbar dichten Momentes geworden sind, wie fast nur die Kunst sie in dieser Knappheit zum Erlebnis bringen mag.

Die Situation steht für alle kleinen und ewig wiederkehrenden Enttäuschungen im täglichen Leben, aber auch für die grossen philosophischen und weltgeschichtlichen.

Die Romantik fällen

Auch schon haben die drei versucht, mit der Motorsäge einen Baum zu fällen, der eine Eiche in einem Caspar-David-Friedrich-Gemälde sein könnte, aber ein Exot in einer Videoarbeit ist. Sie sind gescheitert – am Anlassen der Motorsäge. So endet der Versuch, sich an der deutschen Kulturgeschichte metaphernreich zu vergreifen und sie zu Fall zu bringen, als Slapstick.

Bei allen intellektuellen Verrenkungen und kunsthistorischen Referenzen ist «Vor den Dingen, nach dem Affekt» auch ein schlichtes schieres Vergnügen in der Begegnung mit dem täglichen Scheitern, dem ewigen Wechselspiel zwischen Erwartung und Enttäuschung, dem Prinzip Hoffnung als Teil des Menschseins.

Lokremise St. Gallen, bis 14. Aug., Mo–Sa 13–20, So 11–18 Uhr; Katalog Revolver Verlag Ravensburg/Leipzig

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