Wie Sucht und Drogenpolitik im Westen die Taliban finanzieren

Eine Sorge haben die Taliban in Afghanistan nicht – leere Kassen. Rekordernten auf den Mohnfeldern und der florierende Drogenhandel füllen ihre Kriegskassen. Die weltweit verbreitete Sucht und die internationale Drogenpolitik tun das ihrige dazu.

Walter Brehm
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Mohnfelder im Süden Afghanistans soweit das Auge reicht. (Bild: Archiv)

Mohnfelder im Süden Afghanistans soweit das Auge reicht. (Bild: Archiv)

Die Opium-Mafia in Afghanistan, an der die Taliban massgeblich beteiligt sind, hat eigentlich nur ein Problem: Überproduktion. Die jährlich aus den üppigen Mohnernten hergestellten 7000 Tonnen Opium übersteigen den geschätzten weltweiten Konsum des daraus raffinierten Heroins um gut 2000 Tonnen.

So äufnet der afghanische Mohnanbau mit 90 Prozent der Weltproduktion gigantische Lagerbestände.

Der neueste Bericht der UNO-Agentur gegen Drogen und Kriminalität (UNODC) spricht von derzeit 12 000 Tonnen Opium. Doch der Überschuss macht die islamistischen Rebellen auch von kriegsbedingten Produktionsengpässen unabhängig.

Opium und Taliban-Arsenale

Der UNODC-Bericht «Abhängigkeit, Kriminalität und Aufstände – die internationale Bedrohung des afghanischen Opiums» erklärt: «Die Einnahmen der Taliban aus dem Drogenanbau und -handel übersteigen noch ihre Gewinne aus den 90er-Jahren, als sie in Afghanistan an der Macht waren.

Haben die Taliban und andere Kriegsmilizen vor zehn Jahren zwischen 75 und 100 Millionen Dollar aus dem Opiumgeschäft erwirtschaftet, fliessen derzeit 90 bis 160 Millionen jährlich in ihre Kassen.» Der Bericht hält weiter fest: «Die direkte Beteiligung der Taliban am Opiumhandel erlaubt es ihnen, ihre Waffenarsenale immer differenzierter und effektiver aufzurüsten.»

Mehr Heroin- als Kriegsopfer

Das UNO-Dokument geht dann vor allem auf die «verheerenden Auswirkungen» des afghanischen Opium- und Heroinbooms auf die Drogenkonsumenten in allen Teilen der Welt ein. Die Beispiele der UNODC reichen von Europa über Indien und China bis nach Russland. Wer angesichts der militärischen Rückschläge der Nato am Hindukusch fragt, was uns Afghanistan angehe, bekommt in dem Rapport ungewollt unbequem deutliche Antworten.

Allein in Russland zählt die UNO-Agentur derzeit jährlich 30 000 Drogentote. Das sind mehr Heroinopfer als gefallene Rotarmisten in den zehn Jahren der sowjetischen Besetzung Afghanistans. Eine ähnliche Bilanz zieht der Bericht für die Nato-Staaten: Gesamthaft stürben dort jedes Jahr 10 000 Menschen an einer Überdosis afghanischer Drogen – fünfmal mehr als gefallene Nato-Soldaten seit 2001.

Drogen und HIV-Epidemie

In Zentralasien hat der Drogenkonsum laut dem Rapport eine HIV-Epidemie ausgelöst, welche die Zahl der Aids-Toten rapide ansteigen lässt. «Opium hat seit seiner grossen Zeit vor 100 Jahren in China nie mehr so viel Leid ausgelöst wie heute», erklärt UNODC-Direktor Antonio Maria Costa.

Iran und die Heroinschwemme

Auswirkungen der Heroinschwemme, die der UNO-Bericht nicht einmal erwähnt, sind auch in Iran augenfällig.

So wie in Afghanistan die Heroinproduktion zu immer mehr Abhängigen in den urbanen Slums und den ländlichen Armutsgebieten führt, leidet auch das Transitland Iran an «billigem» Heroin, das auf seinem Weg über den Balkan nach Europa im Lande «hängen» bleibt.

In den Elendsquartieren im Süden der iranischen Hauptstadt Teheran ist ein Gramm Heroin heute günstiger als die entsprechende Menge des im Lande traditionellen illegalen Genussmittels Haschisch.

Dies führt nicht nur dazu, dass immer mehr verarmte erwachsene Iraner Opium rauchen oder Heroin spritzen. Wer zu wenig verdient, um den Hunger seiner Kinder zu stillen, hat oft wenigstens genug Kleingeld übrig, um diese mit Heroin oder Opium ruhig zu stellen. Iranische Städte haben heute weltweit die grösste Anzahl minderjähriger Drogenabhängiger.

Schmuggel und Terror

In der Provinz Sistan-Belutschistan an der Grenze zu Pakistan vermischt sich der Drogenschmuggel zudem mit dem religiösen Konflikt zwischen der schiitischen Staatsmacht und der sunnitischen Minderheit.

Die sunnitische Terrororganisation Jundullah, die vor einigen Tagen mit einem spektakulären Anschlag gegen hohe Offiziere der iranischen Revolutionsgarden international Schlagzeilen machte, gilt als Mitakteur im Transitgeschäft mit afghanischem Opium und Heroin.

Internationalen Beobachtern fällt auf, wie sich die kleine islamistische Guerilla in jüngster Zeit mit modernsten Waffen aufrüsten konnte.

Gefährlicher als Jihadismus

Ohne die Aufbauarbeit der westlichen Welt für die afghanische Infrastruktur, für Bildung und Agrikultur zu mindern, bleibt es eine Tatsache, dass vor allem der Anbau von Mohn die Existenz vieler afghanischer Bauern sichert. Dies hat auch mit repressiver Drogenpolitik zu tun.

Solange Heroin als illegale Droge der international organisierten Kriminalität Milliardengewinne garantiert, kann die mit den Aufständischen verbandelte Drogenmafia afghanischen Bauern mehr bieten als jedes Hilfsprojekt zum Anbau alternativer Agrarprodukte.

So wie die Sicherheit Europas laut Militärexperten auch am Hindukusch verteidigt werden muss, ist der Kampf gegen das lukrative Drogengeschäft umgekehrt auch in Europa zu führen.

Den Kampf gegen die Drogen allein als Krieg gegen die Produzenten und mittels Kriminalisierung der Konsumenten zu führen, unterminiert die Sicherheit westlicher Gesellschaften vielleicht schon stärker als die Gefahr des Jihad-Terrorismus.