Iran greift religiöse Minderheit an

In Iran hat ein Schauprozess gegen die grösste religiöse Minderheit begonnen. Die Führung der Bahai-Gemeinde soll spioniert und religiöse Gefühle beleidigt haben. Ein zynisches Ablenkungsmanöver des angeschlagenen Regimes.

Walter Brehm
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Schauprozess gegen Irans Bahai-Führung: Fariba Kamalabadi, Jamaloddin Khanjani, Afif Naeimi, Saeid Rezaie, Mahvash Sabet (stehend von links), Behrouz Tavakkolo und Vahid Tizfahm (vorne sitzend). (Bild: pd/Bahai)

Schauprozess gegen Irans Bahai-Führung: Fariba Kamalabadi, Jamaloddin Khanjani, Afif Naeimi, Saeid Rezaie, Mahvash Sabet (stehend von links), Behrouz Tavakkolo und Vahid Tizfahm (vorne sitzend). (Bild: pd/Bahai)

Ein Regime schlägt um sich – nicht blindwütig, sondern geplant. Die Mächtigen in Teheran sind nicht gewillt, die Ursachen für die seit Monaten anhaltende Unruhe im Land im eigenen Wirken zu suchen. Statt Verantwortung zu übernehmen, präsentieren sie immer neue Sündenböcke. In diesem Kontext ist der Schauprozess gegen die Führer der Bahai-Religion zu sehen, der am Dienstag begonnen hat.

Die Anklagen gegen sie sind stereotyp – austauschbar und letztlich auf alle Iraner und Iranerinnen anwendbar, die sich erfrechen, Kritik am Regime zu üben: «Spionage für Israel» und «Beleidigung religiöser Gefühle».

Anspruch auf letzte Wahrheit

Das Teheraner Regime wird nicht müde, sich seiner Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten zu rühmen. Für Juden, Christen und Zoroastrier sind sogar Sitze im Parlament reserviert. Zwar ist diese Toleranz im Alltag oft das Papier nicht wert, auf der sie garantiert wird.

Doch dieses Papier ist immerhin der Koran, dessen Empfänger Mohammed sich in der Tradition jüdischer und christlicher Prophetie sieht. Allerdings als Siegel derselben, also als Künder der letztgültigen göttlichen Offenbarung. Darin liegt das Kernproblem der Bahai-Religion in islamischen Ländern. Sie ist nachkoranisch und stellt mit ihrem Begründer Baha'ullah einen weiteren Propheten in diese Tradition.

Für islamische Fundamentalisten sind die Bahai deshalb nicht einfach Andersgläubige, sondern ungläubige Gotteslästerer. Sie stellen den unteilbaren globalen Wahrheitsanspruch des Islam in Frage.

Angebliche Toleranz – wertlos

Die hochgepriesene Toleranz des iranischen Regimes endet also dort, wo sie sich beweisen müsste – im Aushalten eines Widerspruchs. Doch solch philosophische Feinheiten sind den Machthabern in Teheran nicht wichtig.

Seit sich der Protest gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Juni immer deutlicher gegen seinen angeblich «gottgewollten» Führungsanspruch richtet, ist jeder Sündenbock wohlfeil, der die Opposition als von Gotteslästerern gelenkt erscheinen lässt.

Im Falle der Bahai lässt sich der Vorwurf des Terrors gegen die islamische Republik zudem trefflich mit dem Ansinnen verbinden, diese religiöse Gemeinschaft als Ganzes auszulöschen.

Mit weltweit über 7,5 Millionen Gläubigen sind die Bahai nicht nur anerkannte Weltreligion, sie stellen mit ungefähr 350 000 Gläubigen auch die grösste religiöse Minderheit in Iran. Das Teheraner Regime allerdings empfindet die Bahai seit der islamischen Revolution als Pfahl im Fleisch. 1983 wurde sie offiziell verboten. Die nun vor Gericht gezerrten sieben Mitglieder des Geistigen Rates der Bahai sind aber nur ein Teil der Inhaftierten dieser Religion.

«Terrorvorwurf – eine Lüge»

Derzeit sollen 48 Bahai-Gläubige in iranischen Gefängnissen sitzen. Anlass zur letzten Verhaftungswelle boten die Proteste der Opposition. Den sieben Führungsmitgliedern konnte die Schuld an den Unruhen schlecht in die Schuhe geschoben werden – sie sitzen seit Mai 2008 im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. So wurden am 3.

Januar dieses Jahres 13 weitere Bahai verhaftet – zum Teil Familienangehörige oder aber Mitarbeiter der Angeklagten. Sie sollen Proteste mitorganisiert und Videofilme davon ins Ausland verschickt haben. Staatsanwalt Abbas Dolatabadi verkündete: «Sie wurden nicht als Bahais verhaftet, sondern weil sie Terroristen sind. In ihren Häusern wurden Waffen und Munition gefunden.

» Dazu sagt Diane Alai, UNO-Repräsentantin der Bahai-Religion: «Der Vorwurf, bei den Verhafteten seien Waffen und Munition gefunden worden, ist einfach unfassbar, eine glatte Lüge. Absolute Gewaltlosigkeit ist ein Grundprinzip der Bahai-Religion.»

Durchsichtig, aber nützlich

Insgesamt muss der Bahai-Prozess als zwar durchsichtiges, aber für das Regime Irans nützliches Ablenkungsmanöver gesehen werden.

Beide Hauptanklagepunkte bedrohen die Angeklagten mit der Todes- oder mit langen Haftstrafen So oder so wären die in den Untergrund gedrängten Bahai für viele Jahre ohne bekannte Führung. Der Prozess wird zwar international einige Proteste auslösen. Im Gegensatz zu den offen politischen Schauprozessen gegen Oppositionelle garantiert aber in Iran allein der Vorwurf der Gotteslästerung, dass eine Mehrheit der schiitischen Moslems das Verfahren widerspruchslos hinnehmen wird.

Das zynische Kalkül beinhaltet auch, dass der Vorwurf der Spionage für Israel selbst Oppositionelle dazu verleiten könnte, den Schauprozess zu goutieren.

Er ist auch ohne Beweise leicht zu unterstellen, da das religiöse Zentrum der Bahai-Religion in der israelischen Stadt Haifa liegt.