Amnesty und die Islamisten

Die Menschenrechtsorganisation hat eine Abteilungsleiterin suspendiert, nachdem ein interner Konflikt in den Medien publik wurde. Die Mitarbeiterin hatte der Organisation mangelnde Distanz zu islamistischen Extremisten vorgeworfen.

Sebastian Borger
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Protest von Amnesty International: Demonstrant in Guantánamo-Häftlingskleidung in London. (Bild: epa/Andy Rain)

Protest von Amnesty International: Demonstrant in Guantánamo-Häftlingskleidung in London. (Bild: epa/Andy Rain)

London. In der Menschenrechtsorganisation Amnesty International gibt es erhebliche Meinungsunterschiede über den Umgang mit Islamisten und deren Unterstützung für Terrorverdächtige. «Wir haben nicht immer deutlich gemacht, dass wir zwar die Rechte aller Menschen verteidigen – von Terrorverdächtigen wie von Terroropfern –, aber nicht deren Ansichten», heisst es in einem internen E-Mail eines Amnesty-Regionaldirektors.

Gita Sahgal, eine Abteilungsleiterin der Londoner Hauptverwaltung der Menschenrechtsorganisation, hatte wochenlang intern gegen gemeinsame Auftritte mit einem britischen Islamisten protestiert.

Als der Konflikt von den Medien aufgegriffen wurde, suspendierte Amnesty die 53-Jährige unter dem Verdacht, sie sei die Informantin gewesen.

Hochverdiente Organisation

Amnesty International war 1961 vom Engländer Peter Berenson gegründet worden und erhielt für den gewaltfreien Kampf für politische Gefangene 1977 den Friedensnobelpreis.

Die Organisation kann heute auf mehr als zwei Millionen Unterstützer weltweit zählen.

Gita Sahgal setzte sich in der Organisation seit drei Jahrzehnten insbesondere für die Rechte von Frauen ein. Sie habe auch die Kampagne gegen das US-Gefängnis von Guantánamo Bay vollkommen unterstützt, berichtete die Aktivistin der BBC. «Aber der Kampf gegen die Folter sollte nicht der Legitimierung von Individuen und Gruppen des islamischen Extremismus dienen.»

Sahgal wendet sich vor allem gegen gemeinsame Auftritte von AI-Leuten mit dem früheren Guantánamo-Häftling Moazzam Begg und dessen «Cage Prisoners» («Gefangene im Käfig»). Begg war einer der Hauptredner auf einer Tournée gewesen, mit der Amnesty EU-Staaten zur Aufnahme von Guantánamo-Häftlingen ermuntern wollte. US-Präsident Obama hatte die Schliessung des Lagers angekündigt, die selbst gesetzte Frist bis Januar 2010 dann aber nicht einhalten können.

Anhänger der Taliban

Begg wuchs in Birmingham auf und gründete dort eine islamische Buchhandlung. 2000 nahm ihn der britische Staatsschutz unter Berufung auf Antiterrorgesetze kurzzeitig fest. Begg übersiedelte mit seiner Familie nach Afghanistan; in seinen Memoiren beschreibt er die damalige Taliban-Regierung als «das Beste, was Afghanistan in den 20 Jahren seit dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1979 erlebt hat». 2002 wurde er in Pakistan festgenommen und als Terrorverdächtiger nach Guantánamo gebracht.

Seit seiner Freilassung 2005, ohne dass eine Anklage gegen ihn erhoben wurde, spricht und schreibt Begg über seine Erfahrungen und setzt sich für islamistische Terrorverdächtige ein.

Seine Organisation Cage Prisoners werde «niemals die Tötung unschuldiger Zivilisten unterstützen – ob durch Awlaki oder Obama autorisiert». Der jemenitische Hassprediger Anwar al-Awlaki soll den Attentäter Farouk Abdulmutallab aufgestachelt haben, dessen Anschlag an Weihnachten auf einen Flugzeug über Detroit knapp fehlschlug.

Amnesty-Leitung verteidigt sich

Die suspendierte Amnesty-Mitarbeiterin Sahgal erklärte, es gehe ihr um die nötige Distanz der Menschenrechtsbewegung zu Gruppen wie Cage Prisoners, die Islamisten à la Taliban unterstützen und damit «systematischer Diskriminierung das Wort reden». Der interimistische Amnesty-Generalsekretär Claudio Cordone verteidigt die Zusammenarbeit mit Begg. Diese konzentriere sich «ausschliesslich auf die Menschenrechtsverletzungen» im US-Lager Guantánamo.

Begg spreche über seine eigenen Ansichten und Erfahrungen: «Er hat noch nie auf einer gemeinsamen Veranstaltung Einwände gegen die Rechte anderer erhoben.» Auch Amnesty-Regionaldirektor Zarifi, dessen internes E-Mail der «Sunday Times» zugespielt worden war, nahm Begg in Schutz.

Führende britische Intellektuelle wie Nick Cohen und Christopher Hitchens fordern dagegen, die suspendierte Amnesty-Mitarbeiterin Gita Sahgals umgehend zu rehabilitieren.