Der Bekehrte in der Zwickmühle

In seiner Heimatregion im Norden Malis hat der Tuareg Iyad ag Ghali lange als Respektsperson gegolten, als Rebell, der zum Kompromiss mit der Regierung in Bamako bereit war.

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Burkinabe Foreign Minister Djibrille Bassole (R), who is leading the search for a way out of the 20-week-old emergency that has seen Islamists seize Mali's north, gestures on August 7, 2012 as meets with the Ansar Dine Islamist group leader Iyad Ag Ghaly (L), next to Al Ghabass Ag Intalla (C), prince of Kidal and member of Ansar Dine in Kidal, at the Kidal airport in northern Mali. Ghaly, who wants to see Mali adopt sharia law, vowed on August 7 to support regional mediation efforts to resolve the political crisis in the ruptured west African nation.   AFP PHOTO / ROMARIC OLLO HIEN (Bild: ROMARIC OLLO HIEN (AFP))

Burkinabe Foreign Minister Djibrille Bassole (R), who is leading the search for a way out of the 20-week-old emergency that has seen Islamists seize Mali's north, gestures on August 7, 2012 as meets with the Ansar Dine Islamist group leader Iyad Ag Ghaly (L), next to Al Ghabass Ag Intalla (C), prince of Kidal and member of Ansar Dine in Kidal, at the Kidal airport in northern Mali. Ghaly, who wants to see Mali adopt sharia law, vowed on August 7 to support regional mediation efforts to resolve the political crisis in the ruptured west African nation. AFP PHOTO / ROMARIC OLLO HIEN (Bild: ROMARIC OLLO HIEN (AFP))

In seiner Heimatregion im Norden Malis hat der Tuareg lange als Respektsperson gegolten, als Rebell, der zum Kompromiss mit der Regierung in Bamako bereit war. 1990 hatte er einen Friedensvertrag mit der Regierung abgeschlossen, weil er deren Zusagen glaubte, sie werde die vernachlässigte Tuareg-Region Azawad entwickeln.

Iyad ag Ghali wurde enttäuscht und stand plötzlich in der Kritik anderer Tuareg-Führer. Es wurde still um ihn.

Vom Nationalisten zum Jihadisten

Im Jahr 2000 tauchte Ghali wieder auf und bot sich als Vermittler an, nachdem algerische Islamisten im Grenzgebiet zu Mali ausländische Touristen entführt hatten. Diese Rolle spielte er bis 2007 mehrmals. Der Regierung in Bamako wurde ihr Vorzeige-Tuareg mit den guten Kontakten zur Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) zunehmend unheimlich. Sie lobte ihn aus dem Weg ins malische Konsulat in der saudi-arabischen Stadt Jidda. Die diplomatische Karriere dauerte jedoch nicht lange. 2010 war Iyad ag Ghali wieder zurück.

Offiziell hiess es damals, der Tuareg sei auf Wunsch des Aussenministeriums in Bamako zurückgekehrt. Tatsächlich aber hatten ihn die saudischen Behörden des Landes verwiesen. Selbst den fundamentalistischen Wahhabiten waren Ghalis auffällig gute Kontakte mit bekannten Jihadisten aus Pakistan zu gefährlich geworden. Der Tuareg-Nationalist hatte sich endgültig zum radikalen Islamismus bekehren lassen.

Heute gilt Iyad ag Ghali als Kopf der islamistischen Tuareg-Organisation Ansar al-Dine, die zusammen mit der Aqim und der Bewegung für Einheit und Jihad in Westafrika (Mujao) gegen die malische Regierung kämpft.

Als Jihadist hat sich Iyad ag Ghali zuvor die angeblich im Koran festgeschriebene Erlaubnis nutzbar gemacht, dass Ungläubige belogen werden dürfen. Anfang 2012 hatte er sich mit Kämpfern der Ansar al-Dine dem Aufstand der nationalistischen Tuareg-Rebellen der Nationalen Befreiungsbewegung für Anzawad (MNLA) angeschlossen.

Erst als die MNLA fast den ganzen Norden Malis erobert hatte, liess Ghali seine Islamisten von der Leine und führte den Nationalisten mit brutaler Gewalt vor, dass sie nur seine Steigbügelhalter für den Jihad um ganz Mali gewesen waren.

Die Jihad-Kumpanen wollen mehr

Das Ränkespiel aber setzte der Islamist fort. Blaise Compaoré, dem Präsidenten Burkina Fasos, der inzwischen als Vermittler in der Mali-Krise eingesetzt worden war, machte Ghali vor, er habe jeder Form des Terrorismus abgeschworen und sei erneut ernsthaft an Verhandlungen mit der Regierung in Bamako interessiert. Doch die angebliche Mässigung hatte einen anderen Zweck. Die Zeit der Verhandlungen nutzte Ghali mit seinen Verbündeten der Aqim und der Mujao, um die Offensive auf die Stadt Konna und damit auf den Süden Malis zu planen.

Nun aber steht der Ansar-al-Dine-Chef plötzlich wieder in der Kritik. Seine Jihad-Kumpanen werfen ihm vor, er habe sich verspekuliert, habe die Gefahr einer französischen Militärintervention nicht ernst genommen. Den Jihadisten geht es dabei weniger um die gefallenen Kämpfer, die schon zu Dutzenden von den Franzosen getötet wurden. Aqim und Mujao haben jedoch im Gegensatz zu Ghali strategische Pläne, die über Mali hinaus auf ganz Westafrika zielen. Das Eingreifen der Franzosen gefährdet diese und vor allem deren Finanzierung über den Drogenschmuggel.

Iyad ag Ghali hat anscheinend erneut auf die falschen Freunde gesetzt, zu seinem und vor allem zum Nachteil der Tuareg, deren Traum vom eigenen Land nun dem Krieg gegen den Terrorismus zum Opfer fällt. Walter Brehm