Zungenflattern und Headbangen

Sabrina Sauder schwingt die Haare und die Querflöte zu Rockmusik. Jetzt wird für die St. Gallerin ein Traum wahr: Am Montreux Jazz Festival spielt sie zusammen mit Ian Anderson, dem Sänger und Rockflötisten von Jethro Tull.

Roger Berhalter
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«Das Instrument gibt noch mehr her»: Rockflötistin Sabrina Sauder alias Sophie Solena. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Das Instrument gibt noch mehr her»: Rockflötistin Sabrina Sauder alias Sophie Solena. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sie hatte nur etwa 30 Sekunden Zeit. «Ich wusste, das ist meine Chance, jetzt muss ich mit ihm reden», sagt Sabrina Sauder. Zuvor hatte sie vergeblich versucht, am Security-Mann vorbei in den Backstagebereich des Zürcher Volkshauses zu kommen. Dann versuchte sie es am Hintereingang, wartete lange, zusammen mit anderen Fans. Dann endlich kam er zur Tür heraus: Ian Anderson, Sänger der Band Jethro Tull und weltweit bester Rockflötist.

In nur 30 Sekunden schaffte es die St. Gallerin, die Aufmerksamkeit des Weltstars zu erregen. So sehr, dass sie nun am kommenden Montag einen Workshop am Montreux Jazz Festival mit ihm zusammen gestalten darf. «Wir sind in regem Mailkontakt», sagt Sauder und kann es selber noch nicht fassen. Vielleicht werde sogar der Festivalgründer Claude Nobs mit der Mundharmonika mitspielen. Auf jeden Fall werde sie mit Ian Anderson «musizieren und dem Publikum zeigen, wie man Rockflöte spielt».

Mehr als nur schöne Melodien

Zwei Jahre zuvor hatte sie Ian Andersons Flötenklang inmitten von verzerrten Rockgitarren entdeckt. Ein Bekannter spielte ihr einen Song von Jethro Tull vor. Seither ist sie nicht mehr von der Band und deren Flötisten losgekommen. «Anderson ist sozusagen mein Lehrer. Von ihm habe ich gelernt, wie man's macht», sagt Sauder. Plötzlich war mit ihrem Instrument so viel mehr möglich, als «nur» schöne Melodien zu spielen: In die Flöte hineinsingen oder -sprechen, Zischlaute machen, mit der Zunge flattern, vielleicht sogar ein bisschen Headbangen. «Ich habe gemerkt: Es gibt keine Grenzen», sagt Sauder.

«Drecklen» statt sauber spielen

Dabei kommt die 27-Jährige ursprünglich aus der Klassik. Seit 18 Jahren spielt sie Flöte, nahm zuerst zwölf Jahre klassischen Unterricht, und sie hat in dieser Zeit in verschiedenen Orchestern mit Laien und Profis zusammengespielt. Bei aller Liebe zur Klassik war ihr die ständige Suche nach dem noch schöneren Klang irgendwann zu wenig. «Ich wollte mehr und fragte mich: Gibt dieses Instrument nicht noch mehr her?» Sie fing an zu improvisieren statt stur nach Noten zu spielen, und suchte sich Jazzlehrer, um von ihnen das freie Spielen zu lernen. Doch auch so wurde Sauder nicht glücklich. Das wurde sie erst mit Flötenrockmusik. «Ich spiele noch immer gerne klassische Stücke. Nur muss nicht immer alles so sauber sein, finde ich. Ich mag es auch, auf der Flöte zu <drecklen>.»

Heute versucht sie, beide Welten zu verbinden, Klassik und Rock. Ihr Song «Se arreglará» zum Beispiel, den sie auch in Montreux spielen wird, beginnt mit einem Klassikmotiv und kippt dann in einen Rocksong. Genau so stellt sie sich das vor. Bald möchte sie auch zusammen mit einer Cellistin Stücke von Bach «verrocken».

Mit toupierten Haaren

Um ihre neue Rockleidenschaft auszuleben, hat Sauder vor knapp zwei Jahren eine neue Kunstfigur erfunden. Sophie Solena heisst sie, ist zwei Jahre jünger als Sauder und trägt die Haare nicht brav am Kopf, sondern wild toupiert. «Sabrina ist auch Geschäftsfrau, Sophie will nur Musikmachen», erklärt Sauder den Unterschied. Als Sophie Solena könne sie Verrücktes tun, ein bisschen die Sau rauslassen. «Aber keine Angst, ich bleibe anständig», sagt Sauder und lacht.

Als Sophie Solena setzt sie konsequent auf Social Media. Sie stellt regelmässig YouTube-Videos online, in denen sie Songs von AC/DC, Jethro Tull und Mozart, aber auch eigene Stücke mit der Querflöte interpretiert. Auf Facebook hat sie Fans aus aller Welt, auf Twitter Tausende von Followern. «Ich bekomme Feedbacks aus Mexiko, Amerika, von überall.»

Mit YouTube zum Erfolg

Sauder ist überzeugt: Nur dank ihrer YouTube-Videos konnte sie Ian Anderson überzeugen. «Es war die einzige Möglichkeit, ihm zu zeigen, was ich mache.» Soziale Netzwerke seien für Musiker heute auch «der einzige Weg, um die eigenen Songs weltweit zu verbreiten». Soeben hat Sauder eine App für Android-Handys herausgebracht, bald soll es auch für iPhone-Nutzer erhältlich sein. Mit dem Progrämmchen erfährt man alle Neuigkeiten rund um Sophie Solena, kann ihre Videos anschauen und ihre Musik hören – auch als Karaoke-Version zum Mitsingen. Ob auch Ian Anderson die App schon heruntergeladen hat, wird Sabrina Sauder am Montag in Montreux erfahren.

www.sophiesolena.com