Postauto-Drama Endingen

Vater von toter Lehrtochter über LKW-Fahrer: «Er hat keine Einsicht, keine Reue»

Der Vater der 18-jährigen Lehrtochter, die beim schweren Postauto-Unfall verstarb, kritisiert das Urteil als zu milde. Der Lastwagen-Chauffeur, der die Kollision verursachte, war wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden.

Rosmarie Mehlin
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Der Postauto-Unfall in Endingen
18 Bilder
Im November 2014 kam es zum Unfall zwischen einem Postauto, einem Lastwagen und einem Personenwagen.
Beim Unfall kamen zwei Menschen ums Leben.
Die Todesopfer sassen im Postauto.
So verlief der Unfall
Der Lastwagen ist samt Anhänger umgekippt.
Das Postauto steht gerade auf der Strasse.
Der Lastwagen ist nach der Kollision mit dem Personenwagen umgekippt.
Der Lastwagen samt Anhänger kippte beim Unfall.
Der TCS-Heli hebt ab.
Der Personenwagen ist komplett zerstört.
Zerquetsches Auto beim Horrorunfall in Endingen.
In diesem Postauto starben zwei Menschen.
Der Lastwagen samt Anhänger kippte beim Unfall auf die Seite.
Das Postauto wurde seitlich aufgeschlitzt.
Ein Wunder, dass die beiden Personen in diesem Auto überlebt haben.
Der umgekippte Lastwagen
Vier verschiedene Feuerwehren waren am Unfallort im Einsatz.

Der Postauto-Unfall in Endingen

Sandra Ardizzone

Das Gericht folgte im Schuldspruch und im Strafmass vollumfänglich dem Staatsanwalt und verurteilte den Lastwagen-Chauffeur Stefan H. zu 2 Jahren Freiheitsstrafe bedingt sowie zu einer Busse von 5000 Franken.

Nach dem Urteil auf dem Korridor: Stefan H., seine Partnerin, deren Freundin und seine Verteidigerin unterhalten sich und lachen plötzlich. Markus S., der Vater der getöteten Gina, steht alleine abseits. Er hat Tränen in den Augen, kann das Urteil nicht fassen: «Er hat keine Einsicht, keine Reue, eine bedingte Strafe ist doch einfach zu milde.» Den 56-Jährigen und seinen 23-jährigen Sohn hat das Schicksal besonders hart getroffen, ist doch die Frau und Mutter vor wenigen Monaten gestorben.

Kontakt mit den Hinterbliebenen der Getöteten und den Verletzten hatte er nicht aufgenommen. Bis vor rund sechs Wochen. Da hat er ihnen geschrieben, dass es ihm leidtue. Und sagte er auch gestern in seinem Schlusswort.

Morgens kurz vor 6 Uhr

Rückblick: Es war ein schrecklicher Unfall, der am 11. November 2014 die Surbtalbewohner in Schockstarre versetzte: Drei Sekunden hatten unermessliches Leid über sechs Familien gebracht.

Kurz vor 6 Uhr morgens war Stefan H. mit seinem Lastenzug von Lengnau talabwärts gefahren, als das 25-Tonnen-Gefährt 300 Meter nach dem Judenfriedhof mit seinen rechten Rädern ins Wiesland geriet. Stefan H. korrigierte nach links. «Plötzlich hets g’chroset», sagte er gestern Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zurzach.

Mit einem in 3-D-Technik erstellten Gutachten war der Ablauf des Unfalls rekonstruiert worden. Es ergab, dass Stefan H. den Laster nach 3,5 Sekunden von der Wiese zur Strassenmitte gesteuert und das entgegenkommende Postauto erst 0,3 Sekunden vor der Kollision realisiert hatte. Danach war der Lastenzug mit einem dahinterfahrenden Auto kollidiert (siehe Grafik unten). Dessen beide Insassen erlitten schwerste, kurzzeitig lebensbedrohliche Verletzungen.

Opfer starben auf der Unfallstelle

Im Postauto hatten der 24-jährige Jonas M., seit zwei Monaten verheiratet und seit zwei Wochen Vater einer Tochter, sowie die 18-jährige Lehrtochter Gina S. keine Chance: Sie starben noch auf der Unfallstelle. Zwei weitere Passagiere wurden gravierend, zwei leicht verletzt.

Stefan H. war der mehrfachen fahrlässigen Tötung, der mehrfachen fahrlässigen schweren Körperverletzung und des Nichtbeherrschens eines Fahrzeugs angeklagt. 25-jährig, schmal und zartgliedrig, ordentlicher Haarschnitt, Brille – damit entspricht er nicht eben dem Bild, das man sich gemeinhin von einem Trucker-Fahrer macht. Mit knabenhaft heller Stimme beantwortet er die Fragen von Gerichtspräsident Cyrill Kramer beflissen und emotionslos. Stefan H. übt seinen Beruf seit sechs Jahren aus, nur eineinhalb Monate nach dem Unfall hatte er sich wieder ans Steuer gesetzt. Im Militär ist er Lastwagenfahrer bei den Genietruppen. Dort und zivil hat er je einen Schleuderkurs absolviert.

Keystone

Chauffeur hat keine Erinnerung

Am Abend des 10. November 2014 war er nach 20 Uhr zu Bett gegangen, um 3.45 Uhr hatte der Wecker geklingelt, er hatte eine Tasse Kaffee getrunken, in Oberwinterthur den Laster beladen und war losgefahren «über Regensdorf, Dielsdorf, das Wehntal ins Surbtal.» Und dort, vor Endingen? «Da habe ich die Fahrt nicht präsent, weiss nicht, was passiert ist, habe keinerlei Erinnerungen.» Stefan H., bestens beleumundet, hatte 0,0 Promille im Blut, er hatte nachweislich nicht telefoniert. Was denn, so der Richter, seiner Meinung nach der Grund für den tragischen Unfall gewesen sei? «Ich kanns nicht sagen, ich weiss es nicht.»

Keystone

«Dass er noch fahren darf»

Der Staatsanwalt betont, der Beschuldigte sei «kein junger Hitzkopf, sondern grundsätzlich ein verantwortungsvoller Berufsmann». Für den Unfall aber sei er vollumfänglich verantwortlich; er habe «fahrlässig, unvorsichtig und pflichtwidrig» gehandelt. Überraschend sei, wie rasch der Beschuldigte sich vom Schock erholt hatte; störend, dass er nach dem Unfall keinen Kontakt zu den Hinterbliebenen und Opfern aufgenommen und sich erst vor wenigen Wochen schriftlich bei diesen entschuldigt hatte. 2 Jahre Freiheitsstrafe bedingt und 5000 Franken Busse, so der Antrag des Anklägers.

Die Anwältin der Hinterbliebenen von Jonas M. ging in ihrem Vortrag noch einen Schritt weiter: Sie forderte eine teilbedingte Strafe von 3 Jahren. Die Hinterbliebenen von Gina S. könnten, so deren Anwalt, nicht verstehen, dass Stefan H. weiter als LKW-Fahrer arbeitet und dass er dies überhaupt noch darf. «Eine geringere Strafe kommt keinesfalls infrage.»

Die Verteidigerin war pflichtgemäss anderer Ansicht. Sie wies darauf, dass die Schweiz kein Erfolgsstrafrecht kennt, dass in diesem Fall nicht die Tragik – die Toten und Verletzten –, sondern einzig das Fehlverhalten ihres Mandanten fürs Strafmass zähle. Das Verschulden wiege nicht schwer, eine bedingte Geldstrafe von 24 000 Franken sei angemessen.

Die Zivilforderungen werden zu einem grossen Teil von den Versicherungen übernommen. Stefan H. selber muss – abgesehen von allfälligen Regressforderungen – Schadenersatz-, Anwalts-, Verfahrens-, Untersuchungs- und Gerichtskosten übernehmen, was 100 000 Franken übersteigen dürfte.

Lesen Sie den Prozessverlauf in unserem Liveticker nach: