Zurzibiet

Selbstversuch in der Höhle der Schwinger endet mit Sägemehl und Ehrfurcht

Am Wochenende findet in Würenlingen das Aargauer Kantonalschwingfest statt. Nach dem Selbstversuch im Schwingkeller ist az-Redaktor Samuel Buchmann ziemlich erledigt - und voller Sägemehl.

Samuel Buchmann
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Daniel presst mir alle Luft aus den Lungen, als er mich mit Schwung aufs Kreuz legt und auf mir zu liegen kommt. Japsend liege ich im Sägemehl und weiss nicht, wie mir geschehen ist. Es ist eine mir völlig fremde Welt, in die ich mich hier begeben habe: Schwingen.

Noch vor zehn Jahren wurde der Schweizer Volkssport oft belächelt – stämmige Bauern in Edelweisshemden, die sich gegenseitig an den Hosen packen? Haha. Doch in letzter Zeit feierte das Schwingen eine Renaissance und erfreut sich auch bei den Jungen grosser Beliebtheit. Die grossen Feste werden live im Fernsehen übertragen und kommentiert, Schwingen ist zu einem Spitzensport auf hohem Niveau geworden. Wer heute Schwingerkönig wird, ist berühmt.

Kraft ist nicht alles

Doch zurück zu mir, dem völligen Schwing-Laien. Wir befinden uns in einem Keller unter der Turnhalle Döttingen: ein fensterloser Raum mit nichts als einer Bank und einer Grube voll Sägemehl. Die Wände sind mit Matten bekleidet, sollte mal jemand etwas zu weit fliegen. Hier trainieren die Aktiven des Schwingklubs Zurzach mindestens einmal pro Woche.

Die Schwing-Grundstellung
7 Bilder
Franz Kramer (in rot) und Daniel Inderwildi (in weiss) liefern sich einen Übungskampf.
Franz Kramer (in rot) und Daniel Inderwildi (in weiss) liefern sich einen Übungskampf
Keine Vogel-Strauss-Imitation, sondern eine Aufwärmübung für den Nacken
Nur ohne Gegenwehr möglich Redaktor Samuel Buchmann (in blau) legt Daniel Inderwildli (in weiss) aufs Kreuz
Sobald die Schwinger Ernst machen, hat Redaktor Samuel Buchmann keine Chance mehr.
Mutig: az-Redaktor Samuel Buchmann (blaues Shirt) mit Daniel Inderwildi im Sägemehl.

Die Schwing-Grundstellung

Otto Merki

Zwei von ihnen haben sich für meinen Selbstversuch zur Verfügung gestellt: Daniel Inderwildi und Franz Kramer sind heute meine Sparringpartner. Beide werden am kommenden vom Schwingklub Zurzach organisierten Aargauer Kantonalschwingfest in Würenlingen um Ruhm und Muni kämpfen. Beide haben deutlich breitere Schultern als ich (Format «Spargeltarzan», 73 Kilo auf 1,86 Meter Körpergrösse, nicht gerade die typische Statur eines Schwingers). Doch diesen Umstand lässt Daniel nicht als Ausrede gelten. «Gewicht und Kraft sind nicht alles, die Technik ist genauso wichtig.» Na dann. Ich steige in ein Paar Schwingerhosen.

Zuerst lerne ich die Grundstellung: Die rechte Hand am hinteren Hosenbund des Gegners, die linke Hand am «Gestöss» – das ist der Beinabschluss der Schwingerhose –, das rechte Bein nach vorne, das linke nach hinten. Dann zeigt mir Daniel drei Schwünge. Zunächst den einfachsten und häufigsten Griff: den «Kurz». Dabei stellt man das linke Bein nach vorne zwischen die Beine des Kontrahenten und versucht ihn mit einer Drehung auf den Rücken zu legen. Das klappt nach ein paar Versuchen ganz gut – solange sich Franz und Daniel nicht aktiv zur Wehr setzen. Der zweite Schwung ist etwas komplizierter, ich soll dem Gegner quasi ein Bein stellen und ihn so zu Boden bringen. Und zu guter Letzt lerne ich einen Griff, um einen schon auf allen Vieren kauernden Gegner noch auf den Rücken zu drehen.

Nicht ein Hauch einer Chance

Ok, das klappt einigermassen. Doch was, wenn sich meine Gegner nicht einfach wie willenlose Puppen umschubsen lassen? Ich bitte Franz, sich mal zu wehren. Sofort habe ich nicht mehr den Hauch einer Chance, ihn auch nur aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ich versuche beide gelernten Schwünge mehrmals in möglichst zufälliger Abfolge. Umsonst. Genausogut könnte ich an einem Felsblock rumzerren. Kein Wunder: Der 20-jährige Landmaschinenmechaniker trainiert meist drei Mal pro Woche und ist entsprechend standfest. «Ich schwinge seit zwölf Jahren, also seit ich acht war», sagt er.

Zu guter Letzt möchte ich natürlich noch wissen, wie sich ein «echter» Gang anfühlt. Ich trete an gegen Daniel – Grundstellung, Achtung, fertig, los. Der 24-Jährige lässt mich zuerst ein wenig an ihm rumzerren. Dann, ohne Vorwarnung, verliere ich plötzlich den Boden unter den Füssen und finde knalle rücklings ins Sägemehl. Wie beim Schwingen üblich klopft mir Daniel den Staub vom Rücken, wir schütteln uns die Hände – das gehört sich so, Fairness und Respekt werden im Schwingsport besonders gross geschrieben. Ich versuche noch ein paar weitere Gänge gegen meine beiden Sparringpartner, alle mit gleichem Ergebnis. Am Ende bin ich ziemlich erledigt, wer hätte gedacht, dass Schwingen auch ein Ausdauersport ist?

So endet mein Ausflug in die Schwingwelt – mit viel Sägemehl an allen möglichen Stellen und etwas Ehrfurcht vor all den starken Schwingern, die sich am kommenden Wochenende in Würenlingen messen werden.