Analyse

Die Chance der Randregion Zurzibiet

Der Wirtschaftsraum Zurzibiet ist stärker als sein Ruf. Das zeigt eine neue Studie auf. Wie also steht es um die wirtschaftlichen Aussichten im Bezirk? Die Analyse.

Daniel Weissenbrunner
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Blick auf das Untere Aaretal: Bei den sieben Faktoren der Standortqualität liegt der Bezirk Zurzach in sechs Bereichen über dem Schweizer Mittel.

Blick auf das Untere Aaretal: Bei den sieben Faktoren der Standortqualität liegt der Bezirk Zurzach in sechs Bereichen über dem Schweizer Mittel.

Flugaufnahme: Gerry Thönen

Wer im Schloss Böttstein einen Anlass organisiert, befindet sich in aller Regel in Feierlaune. Das einstige Adelshaus ist ein beliebter Ort für Hochzeiten, Geburtstage und Firmenanlässe. Regelmässig treffen sich hier in den altehrwürdigen Mauern auch die Wirtschafts- und politischen Meinungsführer aus der Region zum Austausch. Das Frühstück des Wirtschaftsforums Zurzibiet ist eine Netzwerkplattform und dient als konjunkturelles Stimmungsbarometer für den Bezirk.

Nebst Kaffee und Gipfeli bekamen die mächtigsten Zurzibieter letzten Mittwoch Zahlen serviert, die Appetit machen. Eine Studie der Neuen Aargauer Bank (NAB), die erstmals ausschliesslich den Wirtschaftsraum Zurzibiet unter die Lupe genommen hat, zeigt, dass der Bezirk im kantonalen Vergleich zwar nach wie vor nur zum Mittelmass gehört, in Bezug auf Standortqualität schweizweit aber eine hohe Attraktivität geniesst. Bei den sieben Faktoren der Standortqualität liegt der Bezirk Zurzach in sechs Bereichen über dem Schweizer Mittel. Für ein Gebiet, das sich oft – und unnötigerweise in einem abwertenden Unterton – als Randregion bezeichnet, sind das erfreuliche Neuigkeiten.

Rand-, und im Falle des Zurzibiets auch Grenzregionen, haften per se ein negatives Etikett an. Sie ringen um Anerkennung und fühlen sich nicht selten benachteiligt. Zuletzt kam das bei der Abstimmung um den neuen Finanz- und Lastenausgleich zum Ausdruck. 15 von 22 Zurzibieter Gemeinden müssen ihren Steuerfuss anheben, 10 davon auf den Maximalsatz von 127 Prozent.

Die Wirtschaft ist mit beträchtlichen Herausforderungen konfrontiert: Der Werkplatz kämpft gegen den starken Franken. Der Detailhandel leidet am Einkaufstourismus. Der Bezirk mit seinen knapp 34'000 Einwohnern bleibt von Firmenschliessungen, Stellenabbau, Umsatzrückgang nicht verschont. Meldungen wie jüngst die Schliessung der H. Erne Metallbau AG in Leuggern drücken den Leuten aufs Gemüt.

Der Kanton Aargau ist seit 2003 hinter dem Kanton Zürich in der Schweiz am zweitstärksten gewachsen. Die Beschäftigung nahm in diesem Zeitraum um über 25 Prozent zu. Am stärksten profitiert haben die Ballungszentren. Da der Platz in Zürich und Baden allmählich erschöpft ist und die Preise weiter steigen, drängen Firmen und Wohnungssuchende in die Peripherie. Daraus gilt es für das Zurzibiet Kapital schlagen.

Mit einer geschickten Siedlungs- und Raumplanungspolitik kann das Gebiet Aare-, Rhein- und Surbtal zu den künftigen Gewinnern gehören. Das Surbtal bekommt diesen Trend bereits zu spüren. Jüngstes Beispiel ist die Etiketten-Firma CCL Label AG, die nach Lengnau zieht und in der Gemeinde 120 Arbeitsplätze schafft.

Erstmals seit 2001 sind mehr Personen aus der Schweiz in den Bezirk Zurzach eingewandert als ausgewandert (+200). Die Zuzüger kommen vor allem aus den Zürcher Bezirken Dielsdorf, Bülach und Uster, jenen Bezirken, die dank ihrer guten Anbindung ans Strassen- und öV-Netz Firmen anlockten und neuen Wohnraum schufen.

In diesem Bereich besitzen grosse Teile des Zurzibiets noch Nachholbedarf. Im Ballungsraum unteres Aaretal stösst der Verkehr schon heute an seine Kapazitätsgrenze. Wer den Weg von Klingnau Richtung Baden unter die Räder nimmt, sehnt sich nach einer baldigen Lösung. Dieser fromme Wunsch wird sich in absehbarer Zeit nicht erfüllen. Im Gegenteil, in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird sich dieses Problem noch verschärfen. Der Aargau sucht zusammen mit den Gemeinden nach Lösungen, wie das Verkehrsaufkommen langfristig bewältigt und die Attraktivität gesteigert werden kann. Zeithorizont ist das Jahr 2040.

So lange warten geht freilich nicht. Mit Innovationskraft sowie dem nötigen Selbstbewusstsein kann auch eine Randregion im harten Wettstreit bestehen. Etwas, das man im Zurzibiet zuweilen noch vermisst.