Bad Zurzach
Alles Dada? Träumereien und bittere Realitäten von Hans Arp

Eine Musikalische Lesung mit Gedichten von Hans Arp verblüffte mit brennender Aktualität. Der Künstler, Dichter und Vertreter des Dadaismus in Zürich – zweifelt an dem, was an der Tagesordnung ist.

Tabea Baumgartner
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Roswita Schilling (links) und Hansrudolf Twerenbold lesen Gedichte von Hans Arp, musikalisch umrahmt von Nicoleta Paraschivescu. Tabea Baumgartner

Roswita Schilling (links) und Hansrudolf Twerenbold lesen Gedichte von Hans Arp, musikalisch umrahmt von Nicoleta Paraschivescu. Tabea Baumgartner

«Wann haben die Fortschrittler genug geschritten?» – Hans Arps (1886–1966) Worte schweben nicht in der Oberen Kirche in Bad Zurzach, wie der Titel der Lesung «Sinnende Flammen» vermuten lässt. Sie sitzen. Die Stimme des Schauspielers Hansrudolf Twerenbold verleiht ihnen vom ersten Moment an eine Intensität, die durch Mark und Bein geht. Arps Gedanken sind brandaktuell – erschreckend aktuell, zumal er sie bereits vor Jahrzehnten als Gedichte niedergeschrieben hat. Am Münsterkonzert am Sonntagabend wurde niemand mit leichter Kost verwöhnt. Vieles wird infrage gestellt

Ganz ruhig wird es, als die beiden Lesenden Hansrudolf Twerenbold und Roswita Schilling sich erheben und das Cembalo verstummt. «Die Tollwut des Verstandes, der Mechanisierung, der Übermenschen» liest Twerenbold. Was als erstrebenswert gilt – Fortschritt, Leistung, Entwicklung –, wird von Hans Arp infrage gestellt. «Wir sind gegen die Überaufklärer, gegen die Übermaschinen.» Das Wort «Atom», das momentan in aller Munde ist, fällt erstaunlich oft an einem Abend, an dem Gedichte eines längst verstorbenen Künstlers gelesen werden.

«Jene, die die Märchen durch atomare Lautsprecher ersetzen wollen» – Hans Arp schreibt von einer Welt, die am Rande des Abgrunds steht. Eine Welt, in der die Menschlichkeit mehr und mehr abhandenkommt. «Sollen wir bei lebendigem Leibe verschlungen werden? Hilfe, Hilfe!» Die Schlagkraft von Arps Worten ist umso mächtiger in den Tagen, in denen die menschlichen Errungenschaften ins Wanken geraten. Dieser aktuelle Bezug ist nicht absichtlich entstanden: Die Gedichte wurden von den beiden Lesenden schon vor ein paar Monaten ausgewählt.

Sprachliche Direktheit

Hans Arp – ein Künstler, Dichter und Vertreter des Dadaismus in Zürich – zweifelt an dem, was an der Tagesordnung ist: Fortschrittsstreben, Normen, Leistungsdruck. «Mit Geld kann man nur zerbrechliche und lächerliche Dinge kaufen.» Er benutzt eine klare Sprache, die einen mit ihrer unverblümten Direktheit überrumpelt. Während seine Worte in der Kirche nachhallen, lässt Nicoleta Paraschivescu das Cembalo wieder erklingen. Eine Atempause, in der die Gedanken in den Köpfen des Publikums weitergesponnen werden. Die Melodien suchen nach einer Tiefe – sinnend nicht nur im Himmelszelt, in den Träumen, sondern ebenso in den Tiefen des menschlichen Denkens. Keiner würde ihr die Ernsthaftigkeit absprechen wollen.

«Wie lange ist die Schönheit schon fort?» Roswita Schilling liest mit einer beflügelten Leichtigkeit in der Stimme. «Ohne die Hilfe von Engeln kann die Erde nicht mehr gerettet werden», schreibt Arp. «Wo sind die Engel? Warum wollen die Menschen ganz menschenleer werden? Wo sind die lieben Bäume, die lieben Vögel?»

«Vielleicht sind die Vögel Engel»

Arp lässt die Zuhörer nicht in dieser Hoffnungslosigkeit. «Träumt wieder» fordert Arp in seinen Gedichten auf. «Hört mit den Augen, seht mit den Ohren» – da irgendwo scheint ein Hoffnungsschimmer zu liegen. «Vielleicht sind das gar keine Vögel. Vielleicht sind die Vögel Engel.» Manche Zuhörer halten die Augen geschlossen, während das Cembalo einen Tanz der Vögel zu vollführen scheint, die Stimmen von Hansrudolf Twerenbold und Roswita Schilling leise ausklingen.

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