Reinach
Nach Winterschlaf wird die Fabrikantenvilla zum Generationenhaus

Die Gautschi-Villa wird saniert. Im denkmalgeschützten Gebäude im Alzbach entstehen Wohnungen, ein Café und ein Kindergarten. Läuft alles nach Plan, zieht bereits im Sommer Leben in das Haus.

Rahel Plüss
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Das Fabrikantenhaus an der Alzbachstrasse wurde in den Jahren 1808–1812 erbaut. Nun wird das denkmalgeschützte Gebäude Teil des «Gautschi-Parks». Peter Siegrist

Das Fabrikantenhaus an der Alzbachstrasse wurde in den Jahren 1808–1812 erbaut. Nun wird das denkmalgeschützte Gebäude Teil des «Gautschi-Parks». Peter Siegrist

Peter Siegrist

Die Gautschi-Villa an der Alzbachstrasse wurde aus dem Dornröschenschlaf geholt – sofern denn bei den seit Monaten anhaltenden Bauarbeiten nebenan überhaupt an Schlaf zu denken war. Seit Februar 2015 wird nämlich unermüdlich am Gautschi-Park gebaut, einer Wohnanlage mit sechs Reiheneinfamilienhäusern sowie 25 Eigentums- und 32 Mietwohnungen. Die denkmalgeschützte Fabrikantenvilla aus dem frühen 19. Jahrhundert ist Teil des
30-Millionen-Projekts.

Stammhaus der Baumwollfabrikanten

Heinrich Gautschi, auch Müllerheinrich genannt, liess sich 1808–1812 im Alzbach ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus errichten. Das Baumwollgeschäft seiner Eltern, das er übernommen hatte, war Ende des 18. Jahrhunderts im ganzen Berner Aargau etabliert. Zwar spürte auch Heinrich Gautschi die Krisenjahre um 1800, doch er konnte sein Geschäft halten. Mehr noch: 1815 wurde er zudem Mitinhaber einer Spinnerei in Menziken. Ab den 1820er-Jahren behaupteten sich seine beiden Söhne, die unterdessen die Leitung des Betriebs übernommen hatten, als Hauptunternehmer der Baumwollbranche. 1855 wurde das Wohn- und Geschäftshaus von Heinrichs Sohn Johannes an den Enkel Heinrich überschrieben. Er liess das Gebäude im Jahr 1860 um ein Geschoss aufstocken, baute eine Laube an und nahm im Ausbau Verbesserungen vor. Diese Laube blieb im Brandkataster bis in die 1930er-Jahre erwähnt. Wahrscheinlich erhielt das Haus erst damals sein annähernd achsensymmetrisches Gesicht mit zentral angelegtem Haupteingang. Das vermuten Historiker und Denkmalpfleger. (az)

Dieser Tage haben nun die Sanierungsarbeiten am über 200-jährigen Gebäude begonnen, eine diffizile Sache. «Wir müssen sehr sorgfältig vorgehen, das alte Haus birgt Überraschungen», sagt Patrik von Arx, Geschäftsführer der Varem AG, Basel, die Bauherrin ist. Ziel und Auflage der Denkmalpflege sei es, das Gebäude innen wie aussen wieder möglichst nahe an den Originalzustand zu bringen. Daneben muss es bezüglich Statik wie auch energetisch den heutigen Anforderungen gerecht werden – eine Herkulesaufgabe, die ihren Preis hat: Drei Millionen Franken betragen allein die Erstellungskosten der Sanierung.

Anlässlich einer Renovation im Jahr 1987 – die Gautschi-Villa war damals noch nicht ins Inventar der schutzwürdigen Bauten aufgenommen – hatte man das zweite Obergeschoss und den Dachraum zu Wohnzwecken ausgebaut. Seither befindet sich in der südlichen Flanke des Walmdaches ein Balkoneinschnitt. Dieser wird nun zurückgebaut. Ende der 1980er-Jahre wurde im westlichen Hausteil von der unteren Küche her auch ein zusätzlicher Treppenaufgang ins Obergeschoss geschaffen und die Balkenlage der Böden partiell geöffnet. Dieser Aufgang wird ebenfalls zurückgebaut, die Böden geschlossen. Auch versuche man, so von Arx, die Raumeinteilung und die Materialisierung so weit wie möglich zu erhalten oder wieder herzustellen.

Die Aussenansicht mit den alten Fenstern und den Holzläden bleibt, wie sie ist. Strassenseitig werden keine Eingriffe an der Umgebungsgestaltung gemacht. Der Vorplatz mit seinem Gärtchen bleibt erhalten. Auf der Rückseite hingegen soll ein Park mit Spielplatz entstehen, ein Raum, der die verschiedenen Bauten des Wohnparks verbindet und auch Platz bietet für ein Gartencafé. Ins Erdgeschoss der Villa soll nämlich ein Gastrobetrieb kommen. Derzeit ist man auf Pächtersuche. Im ersten Obergeschoss werden zwei Kindergartenabteilungen der Schule Reinach einquartiert. Um welche es sich handelt, steht gemäss Auskunft von Gemeindeammann Martin Heiz noch nicht fest. In den beiden Stockwerken darüber sowie im Dachgeschoss entstehen Mietwohnungen.

Läuft alles nach Plan, sind die Umbauarbeiten der Gautschi-Villa im Juli abgeschlossen. Die Mietwohnungen in der Überbauung nebenan sind voraussichtlich Ende September bezugsbereit, das ganze Projekt soll Ende Jahr abgeschlossen sein.

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