Kolumne: Ukrainerin in der Schweiz
Von fitten Schweizer Senioren, mühsamen Bankgeschäften und der Gnade des Matterhorns

Sie findet es komisch, wenn Schweizer die Pasta vom Vortag aufwärmen und versteht nicht, warum es so lange dauert, an ein Bankkärtli zu gelangen: Vitalina Kantseliarenko, neue AZ-Kolumnistin, ist vor ein paar Monaten aus der Ukraine nach Attelwil geflüchtet.

Vitalina Kantseliarenko*
Drucken
Vitalina Kantseliarenko ist aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet und wohnt jetzt auf dem Hof der Familie Strub in Attelwil.

Vitalina Kantseliarenko ist aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet und wohnt jetzt auf dem Hof der Familie Strub in Attelwil.

Valentin Hehli

Um die Besonderheiten seiner Nationalität und Denkweise zu erkennen, muss man einige Zeit in einem anderen Land leben. Erst so wurde mir klar, wie sehr ich mich sich als Ukrainerin identifiziere. Es ist üblich, dass wir zum Frühstück, Mittag- und Abendessen Borschtsch mit Schmalz und Knoblauch essen – und zum Dessert Knödel (süsse Ravioli) –, aber ich verstehe nicht, warum die Schweizer die Nudeln von gestern nochmals in der Pfanne aufwärmen, und ein paar fermentierte Milchprodukte sind mir auch fremd. Es ist ein Glück, dass es in der Schweizer Nationalküche Raclette gibt. In meiner persönlichen Bewertung der leckersten lokalen Gerichte liegt es auf Augenhöhe mit Borschtsch, der manchmal so fehlt ...

Zur Person

Vitalina Kantseliarenko (20)

Vitalina Kantseliarenko (20)

ist Journalismusstudentin aus Kiew. Sie musste vor dem Krieg flüchten. Aktuell lebt und arbeitet sie auf einem Bauernhof in Attelwil. Hier lesen Sie mehr.

Aus Sicht einer Ukrainerin fehlt es hier auch an unkomplizierten Bankkarten, mit denen die Zutaten für Borschtsch bezahlt werden könnten. Die Ukrainer sind es sich gewohnt, dass die Ausstellung einer Bankkarte nur eine Stunde ihrer Zeit in Anspruch nimmt, danach können sie die Karte sofort verwenden und Bankgeschäfte erledigen. Anders in der Schweiz, wo die Ausstellung einer Karte eine echte Herausforderung ist. Anstelle einer praktischen App, mit der man sofort den Kontostand der Karte überprüfen, Geld senden oder die Stromrechnung mit ein paar Klicks bezahlen kann, fühlt man sich hier wie ein Mitarbeiter einer geheimen Organisation, und muss eine Reihe von Identifikationsmassnahmen durchlaufen. Auf die Frage «Warum machen sie hier keine bequemen Apps?», höre ich die Antwort: «Wir konzentrieren uns auf Sicherheit und Zuverlässigkeit.»

Vitalina Kantseliarenko mit Christa Strub, bei der sie im Moment lebt und arbeitet.

Vitalina Kantseliarenko mit Christa Strub, bei der sie im Moment lebt und arbeitet.

Valentin Hehli / ARG

«Sprache ist der genetische Code einer Nation.» Die Schweiz hat erneut ihre Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt und ein komplexes Passwort generiert: vier Amtssprachen. In der Ukraine ist alles einfach - eine Landessprache und Sie werden in jedem Teil des Landes verstanden. In der Schweiz muss man polyglott sein. Meine Versuche, dies zu werden, behindern Laute wie «üe». Sie kommen im Ukrainischen nicht vor, sind aber allzu charakteristisch für Schweizerdeutsch. Der Name des Attelwiler Nachbarn beispielsweise ist wie ein Stock im Rad. «Hansrüedu». Erst nach wochenlangem Üben gelang es mir endlich, ihn auszusprechen. Übrigens: Trotz des komplizierten Namens ist Hansrüedu kein komplizierter, sondern ein freundlicher Mensch: Jeder Auszubildende bekommt von ihm ein Paar neue Stiefel, die Lieblinge sogar zwei oder mehr. Grossvater Willi wohnt auch nebenan. Sein Charakter ist schon komplexer: Nimm seine Werkzeuge – lauf davon! Ein Lächeln und ein Morgengruss sind jedoch der Schlüssel zu seinem Herzen. Trotz seinen 85 Jahre strahlt der Grossvater viel Kraft aus. Ob Redbull ihm Flügel verleiht, oder ob er tatsächlich so kräftig ist, bleibt sein Geheimnis. Sowieso ist die Vitalität im Alter wohl im genetischen Code der Schweizer verankert: Manchmal scheint es, als könnten sie mit dem Fahrrad aufs Matterhorn fahren und über den Genfersee schwimmen. In der Ukraine lassen es ältere Menschen viel ruhiger angehen, weshalb ich wahrscheinlich von den sportlichen Schweizer Pensionierten so überrascht bin.

Um auf das Matterhorn zurückzukommen: Den Berg zu sehen, ist eine Ehre – weil man ihn nicht einfach besteigen kann und auch, weil er sich oft hinter Wolken versteckt. Letztes Jahr habe ich es geschafft, Zermatt zu besuchen, und nun habe ich einen Ratschlag: Vergessen Sie für den Fall der Fälle nicht, eine Toblerone mitzunehmen, damit Sie den Gipfel wenigstens so sehen können. Und wenn Sie keine ungewollte Bräune bekommen und eine Woche lang mit rotem Gesicht herumlaufen wollen – vernachlässigen Sie den Sonnenschutz nicht.