Kölliken
Hinter der Sondermülldeponie wohnt es sich fast wie unter dem Eiffelturm

Im Quartier hinter der Sondermülldeponie lebt ein ganzer Familienclan – und das erstaunlich glücklich. «Uns stört die Sondermülldeponie heute nicht mehr», sagt Samuel Erismann.

Aline Wüst
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Ein Familienclan lebt hinter der SMDK: Ruth und Peter Dennler, Alice Erismann, Jacqueline und Samuel Erismann mit Florian (v.l). Toni Widmer

Ein Familienclan lebt hinter der SMDK: Ruth und Peter Dennler, Alice Erismann, Jacqueline und Samuel Erismann mit Florian (v.l). Toni Widmer

Hübsch eingerahmt stehen die Fotos auf der Kommode im Wohnzimmer der pensionierten Dennlers. Sie zeigen Hochzeitsbilder und Schnappschüsse ihrer Kinder, die schon längst selber Kinder haben. Sie zeigen ihr Leben.

Ein Leben, das eng verknüpft ist mit einem der grössten Umweltskandale – der Sondermülldeponie Kölliken (SMDK), deren Rückbau vor den Augen der Quartierbewohner und doch im Verborgenen geschieht. Viel zu lange mussten sie den fauligen Gestank und den Staub der Deponie ertragen. Sie litten unter Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel, bis die Deponie 1985 endlich geschlossen wurde. Verbittert sind sie deswegen nicht. Im Gegenteil: Die Nachbarn der Sondermülldeponie sind erstaunlich lustige Leute. «Das ist jetzt so, fertig Schluss. Amen», sagt Ruth Dennler. Sich aufregen, das bringe nichts mehr.

Vielleicht haben sie diese Gelassenheit im Blut. Denn hinter der SMDK im Quartier Hof wohnt ein ganzer Familienclan – Tür an Tür. Grosseltern, Eltern und Enkelkinder, verteilt in den Häusern entlang der Hofstrasse. Aber auch sonst kennt man sich untereinander in dem runden Dutzend Häuser. Man weiss, wer in den Ferien ist und sogar, wohin die Reise führt. Das Quartier ist ein kleiner friedlicher Flecken Erde mit einem hoch giftigen Nachbarn.

«Unverschämt schön»

Ruth Dennler hat einen ganzen Ordner mit Artikeln und Informationsblättern über die Sondermülldeponie. Gern zeigt die 66-Jährige ihr Haus auf den vergilbten Zeitungsausschnitten. Es ist oft zu sehen.

«Wie ein Spinnennetz sieht das weisse Bogentragwerk aus», findet sie. Und im Herbst, wenn es Nebel hat und die Sonne hindurchscheint, dann sehe es manchmal unverschämt schön aus. Ihr Mann Peter (70) meint: Lieber hier wohnen als weiter unten, wo man nur an die Mauer des nächsten Einfamilienhauses sieht.» Hier habe man wenigstens Luft und sehe den Wald hinter dem 6300 Tonnen schweren Bogentragwerk, und der sehe jeden Tag ein bisschen anders aus.

Der Bruder von Ruth Dennler wohnt übrigens im übernächsten Haus. Man ist hier aufgewachsen, bleibt hier – trotz allem.

Gigantisches vor der Haustür

Alle sehen sie aus ihren Fenstern die grossen Metallbögen der SMDK, die heute eine der grössten Sondermülldeponien Europas ist. Rückgebaut wird sie im grössten stützenfreien Hallenkomplex Europas, dessen imposante Bogenkonstruktion wiederum vom zweitgrösste Kran Europas hochgehievt wurde. Superlative im Einfamilienhaus-Quartier. Alle Mitglieder der grossen Familie berichten, wie sie tagelang die Aufrichtung der Halle beobachtet haben.

Das Grollen der SMDK

Weniger fasziniert haben sie in den Jahren zuvor aus ihrem Wohnzimmer beobachtet, wie Industrie, Pharmafirmen und Abfallentsorger rund 457000 Tonnen Sondermüll ankarrten. Sondermüll, der heute unter strengsten Sicherheitsvorschriften in einer hermetisch abgedichteten Halle abgebaut wird. Der Müll ist hochexplosiv. Niemand ist zu Fuss unterwegs im Abbaugebiet. Alles wird in gepanzerten Fahrzeugen ausgeführt. Davon bekommen die Quartierbewohner nebenan wenig mit. «Manchmal tönt es aus den Hallen wie ein entferntes Donnern», sagt Peter Dennler, der selber in seinem Haus den Abfall ganz korrekt trennt. Glas, Blech, Zeitung und Kompost – alles wird separat entsorgt. Einerseits, weil sich das gehört, und andererseits, weil Abfall viel kostet. «Ich will nicht, dass der Kübel in der Küche immer gleich voll ist», sagt seine Frau Ruth. Ein 35-Liter-Sack kostet in Kölliken schliesslich 2.70 Franken. Die korrekte Abfalltrennung in der Sondermülldeponie wird bis zum voraussichtlichen Abbauende im Jahr 2016 rund 770 Millionen Franken verschlungen haben. Aktuell ist Halbzeit beim Rückbau (die Aargauer Zeitung berichtete aus diesem Anlass in einer Serie über die SMDK).

Der Nachbar heisst Sondermüll

Und wie ist die Sondermülldeponie heute als Nachbar? Weihnachtskarten gibt es keine. Hin und wieder werden die Quartierbewohner eingeladen und informiert. Das letzte Mal, nachdem sie dem Lokalfernseher Tele M1 klagten, dass sie kaum mehr darüber Bescheid wüssten, was in der Halle geschehe. Drei Tage später lag ein unfrankiertes Couvert im Briefkasten: eine Einladung der SMDK zur Besichtigung. Dennler erzählt, dass es bei Einladungen der Deponie jeweils auch etwas zu essen gebe. «Obwohl, ehrlich gesagt, es immer bescheidener wird.» Anfangs wurden noch richtige Menüs serviert. «Jetzt sind es eher Häppchen.»

Fast wie der Eiffelturm

Wenn Alice Erismann jemandem beschreiben muss, wo sie wohnt, sagt sie: «Auf den Bögen.» Die sieht die 80-Jährige von ihrem Wintergarten aus. Besucht hat sie die Deponie schon länger nicht mehr. «Ich würde gerne wieder einmal schauen, wie weit sie jetzt sind», sagt sie. Die letzte Besichtigung der SMDK fand Alice Erismann zwar nicht besonders speziell. «Es war, wie soll ich sagen, man ist halt einfach eingesperrt dort drin.» Ihr Mann ist vor vier Jahren gestorben. Alice Erismann wohnt aber nicht allein im Haus: Oben wohne eine Frau mit zwei Hündchen, im Estrich ein älterer Mann, und die Werkstatt neben dem Haus sei auch vermietet. Vom Zins lebe sie gut. Erismann sagt aber auch: «Das Haus ist nichts mehr wert, wegen der Deponie.» Finanziell entschädigt wurden die Anwohner nie – eine Klage wurde abgewiesen und eine Steuererleichterung gab es nicht. «Wir haben nur ab und zu etwas zu essen bekommen», sagt Alice Erismann und fügt lachend an: «Zumindest hat es geschmeckt.»

Ihr Sohn Samuel Erismann (48) ist begeistert von der Konstruktion des Dachs. «Leute, die unter dem Eiffelturm wohnen, bezahlen viel Geld dafür», sagt er. «Uns stört die Sondermülldeponie heute nicht mehr.»

Hinter der SMKD, in der unter anderem Phosphor, alte Armeebatterien und hoch entzündliches Magnesium vermischt mit Schlacke aus Kehrichtverbrennungsanlagen liegt, lebt es sich also trotz allem ziemlich unbeschwert.

Während in der Halle Kubikmeter um Kubikmeter Erde umgegraben werden, fährt die Familie Erismann gemeinsam mit den Ski den Hang neben dem Haus hinunter. Der selbst gebaute Skilift macht den Winterspass perfekt. Die Wangen der Kinder jedenfalls sind abends fast so rot wie die Sonne, die langsam hinter der Deponie versinkt.