Mpanga/Teufenthal

Aargauer Paar schafft Lebenswerk mit 50 Jobs in Tansania: «Zurück in die Schweiz kommen wir nicht mehr»

Wie Bruno (66) und Margrit (70) Wicki fern der alten Heimat über 50 Jobs geschaffen haben.

Melanie Eichenberger
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Teufenthaler helfen in Tansania
6 Bilder
Micha Hediger aus Reinach mit den Nähschülerinnen.
Bruno und Margrit Wicki inmitten ihrer Angestellten und Schüler.
Bruno und Margrit Wicki leben seit 15 Jahren in Tansania.
Eine Nähschülerin an der Arbeit.
In Afrika werden noch Tretnähmaschinen gebraucht. Dass es Strom gibt, ist nie sicher.

Teufenthaler helfen in Tansania

zvg

«Gestern hat es so stark geregnet, dass die Internetverbindung den ganzen Tag nicht funktionierte», entschuldigt sich Bruno Wicki am Telefon. «Dann saufen jeweils die Generatoren ab.» Jetzt funktioniert die Verbindung einwandfrei und Wicki kann vom Leben als Entwicklungshelfer in Tansania – 570 Kilometer westlich der Hauptstadt Dar es Salaam – erzählen.

Dass zwei Teufenthaler seit Jahrzehnten ein funktionierendes Hilfsprojekt im afrikanischen Kilomberotal führen, ist nur wenig bekannt. Das Projekt heisst MUMAU, der aus dem Wynental agierende Verein HST (Hilfe zur Selbsthilfe Tansania). Bruno (66) und Margrit (70) Wicki leben aktuell das ganze Jahr über in Tansania und leiten dort das Projekt. «Wir sind uralt», sagt Bruno Wicki auf ihr Alter angesprochen. Ein Generationenwechsel stehe bevor, aktuell seien sie daran eine Nachfolgelösung vor Ort aufzugleisen. «Zurück in die Schweiz kommen wir aber nicht mehr», sagt der ehemalige Garagist. «Wir wollen nicht, dass unsere jahrelange Arbeit ‹verbrösmelet›.»

Ursprünglich nicht so geplant

In den Siebzigerjahren sind Bruno und Margrit Wicki aus Teufenthal schon mal nach Tansania gereist, um zu helfen. Sie als Pflegerin, er als Mechaniker. Dass es sie ins Kilomberotal verschlagen hat, reiner Zufall. Rund vier Jahre sind sie geblieben. Zwei von ihren vier mittlerweile erwachsenen Kindern sind in Afrika geboren. Dann kamen sie zurück, Bruno Wicki eröffnete eine Autogarage in Teufenthal. Schon damals war für das Ehepaar klar, wenn sie wieder einmal Zeit hätten, würden sie wieder helfen gehen wollen. 2003 starteten sie «MUMAU». «Ein katholischer Pfarrer hat uns in Mpanga ein Reisprojekt schmackhaft gemacht», erzählt Wicki. Bereits im ersten Jahr habe dieser aber das ganze Jahresbudget «abgegrast». Obwohl es nicht geplant war, haben sie die Zügel schliesslich selber in die Hände genommen. Während sieben Jahren verbrachten Wickis jeweils drei Monate in Tansania und bauten das Hilfsprojekt auf. Bis der jüngste Sohn Markus alt genug war, um die Teufenthaler Garage zu übernehmen. Seit 2008 leben die 14-fachen Grosseltern in Afrika. «Ursprünglich wollten wir nur zehn Jahre bleiben», sagt Wicki.

50 Stellen geschaffen

Die Teufenthaler haben in den letzten Jahren einiges erreicht. Dank der von ihnen initiierten Nähschule können junge Frauen eine eineinhalbjährige Ausbildung machen. Nach Abschluss erhalten sie eine eigene Nähmaschine – wegen des oftmals fehlenden Stroms eine Tretmaschine. Ausserdem werden die Schülerinnen in Hygiene, Ernährung und generell im Haushalt geschult. Viele der Maschinen wurden mit Spendengeldern aus der Schweiz finanziert.

Mittlerweile haben dank des Hilfsprojekts 50 Personen eine Arbeit, sei es in der Reparatur-Werkstatt, im von Wickis aufgebauten Spital oder in der Nähschule. Dazu kommen all die Absolventinnen der Nähschule, die sich eine Selbstständigkeit aufbauen konnten. Trotzdem: «Alles, was wir hier machen, ist defizitär», sagt Bruno Wicki. In der Werkstatt seien sie mit vielen Instandstellungsarbeiten beschäftigt und hätten extrem viel Arbeit. «Wir helfen so den Bauern, damit sie ihre Reisfelder bestellen können», sagt Wicki. Für ihre Dienste im Spital oder in der Werkstatt verlangen sie zwar eine Bezahlung, das decke jedoch bei weitem nicht die Kosten. Die Löhne für die Angestellten kommen dazu. Dafür sind sie auf Spenden angewiesen.

Neues Projekt lanciert

Bruno und Margrit Wicki bestreiten ihren Lebensunterhalt mit der AHV. Nebst ihren eigenen vier Kindern, die allesamt in und um Teufenthal wohnen, haben sie in Afrika weitere Kinder adoptiert. Die Lebensumstände in Mpanga sind herausfordernd. So gibt es erst seit rund einem Jahr regelmässig Strom und seit einiger Zeit auch Internet. Das gefährlichste in Tansania seien nicht etwa die Krokodile, Seepferde oder Kobras, sondern der Autoverkehr. «Jedes Mal wenn wir in die Hauptstadt fahren, sehen wir mindestens drei schwere Unfälle pro Weg», erklärt der 66-Jährige.

Wenn die Wickis auf die vergangenen 15 Jahren zurückschauen, sind sie vor allem stolz darauf, dass ihre Arbeit Früchte getragen hat. «Wegen unserer Arbeit laufen wir zwar oft Gefahr, nur das zu sehen, was nicht funktioniert», sagt der Teufenthaler. Wickis verbringen die Festtage mit ihren Adoptivkindern am Malawisee. Ihre eigenen Kinder und Grosskinder sehen sie wenig. «Die Reise nach Mpanga ist beschwerlich.» Dafür kommen immer wieder Leute aus dem Wynental, die mitanpacken. So etwa der Reinacher Micha Hediger (26), der seit einigen Monaten in Tansania arbeitet. Aktuell lanciert «MUMAU» ein neues Projekt: Die Nähschule soll vergrössert werden und ein dazugehöriges Internat entstehen. Nicht nur in Afrika macht man sich fit für die Zukunft: Dank des Vereins HST geht die neue Website von Mpanga in den nächsten Tagen online.