Jugend-Sinfonieorchester
Was Wagner mit «Star Wars» verbindet

Auf dem Schloss Hallwyl startet bei «Wilhelmina» die Sommertournee des Jugend-Sinfonieorchesters Aargau. Im Gepäck: grossformatige Musik für alle.

Elisabeth Feller
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Dirigent Hugo Bollschweiler übt mit 69 jungen Musikerinnen und Musikern ein Konzert mit «Treibstoff».

Dirigent Hugo Bollschweiler übt mit 69 jungen Musikerinnen und Musikern ein Konzert mit «Treibstoff».

zVg

Dass man bereits am Morgen Gänsehaut bekommt, liegt nicht an einem Kälteeinbruch im Sommer. Sondern an Richard Wagners «Tristan und Isolde – Prélude und Liebestod». Nein, wir befinden uns nicht auf dem Grünen Hügel der Wagner- Hochburg Bayreuth, sondern auf einem in Boswil. Dort oben lockt zwar kein Festspielhaus, sondern eine Alte Kirche, die schon viele gehört hat. Zum Beispiel das Jugend-Sinfonieorchester Aargau (JSAG), das sich unter der künstlerischen Co-Leitung von Dirigent Hugo Bollschweiler und Projektleiterin Stefanie Braun auf einem Höhenflug befindet.

Beide setzen die Ziele hoch; beide haben in der jüngeren Vergangenheit durch eine kluge, die Musikerinnen und Musiker motivierende Programmdramaturgie Zeichen gesetzt, die nicht zu übersehen sind. Jahr um Jahr zu erleben, wie sehr die Ensemblemitglieder am etablierten Orchesterrepertoire sowie an neu Entdecktem wachsen.

Wie sehr ist es doch 2020 vermisst worden. Klar, die Pandemie machte vor nichts und niemandem halt. Sie ist noch nicht vorbei, dennoch oder gerade deshalb treten 69 junge Menschen nach ihrem Musiklager im Künstlerhaus Boswil an, um das Publikum auf einer Tournee mit Musik-Treibstoff von Giacomo Puccini, Richard Wagner und John Williams zu versorgen.

Rundum erfreuende Momente für jede Generation

Das Motto will erklärt sein. Treibstoff, so Hugo Bollschweiler, habe vor allem Richard Wagner geliefert, der so viele Komponisten inspiriert, verführt und verwirrt habe: den als Opernkomponisten bekannten Giacomo Puccini ebenso wie den Zeitgenossen John Williams, ohne dessen Musik ein Hollywood-Blockbuster wie «Star Wars» kaum denkbar wäre. Dass der Amerikaner dem üppig-betörenden Wagnerklang anheimgefallen und ihn verinnerlicht und für viele Soundtracks eingesetzt hat, ist verständlich. Auch die Zuhörerin kann sich Wagners Wispern, Raunen und Aufblühen nicht entziehen.

Kann man eine in jeder Beziehung grossformatige Musik wie jene von Wagner überhaupt in der Alten Kirche, die kein Festspielhaus ist, spielen? Das hätte sich die Besucherin früher gefragt. Heute weiss sie: Man kann. Weil das JSAG dank spezieller, sowohl an den Seitenwänden wie in der Nische platzierter Akustik-Vorhänge eine feine Unterstützung bekommt. «Diese Vorhänge deckeln gewissermassen den Klang. Wir befinden uns in einer akustischen Testphase», sagt Stefanie Braun.

Tatsächlich wirkt der Klang nun gerundeter, die Bläser sind stimmig ins Orchestergeschehen integriert und laute Partien erklingen nicht etwa knallig, sondern schlicht kräftig. So lassen sich denn mit einer neuen Leichtigkeit jene fast endlos erscheinenden Bögen spinnen, die Wagner-Fans entzücken. «In unserem Sommer-Programm», so Stefanie Braun und Hugo Bollschweiler, «stellen wir mit Werken von Puccini und Wagner die klassische Musik und deren Re-Interpretation in Form von Williams’ Filmmusik zu ‹Star Wars› vor. Wenn das keine erfreulichen Momente für jede Generation sind.»

Das richtige Zuhören üben mit Kafka

Egal, ob diese am Samstag im Innenhof des Schlosses Hallwyl im Rahmen von «Wilhelmina – Fest der Künste» sowie danach in Boswil, Zürich und Aarau zu erleben sind, «richtig zuhören» will man ihnen allemal. Wie wäre es, wenn man sich schon tags zuvor mit «Höre ich richtig?» darauf einstimmte? Nicht mit Wagner, dafür mit spätromantischer Musik für zwei Violinen und Texten von einem Grossen der Literatur: Franz Kafka. Der Schauspieler Peter Ender sowie die beiden Geigerinnen Eszter Major und Agata Lazarczyk – beide spielen im Argovia Philharmonic – wollen das Publikum mit einer Expedition durch die Windungen des Schlosses Hallwyl locken.

Zwei Violinen führen mit Kafkas «Der Bau» durch das Schloss Hallwyl.

Zwei Violinen führen mit Kafkas «Der Bau» durch das Schloss Hallwyl.

zVg

Verwirrung ist garantiert, mitunter glaubt man, mehr als nur zwei Violinen und eine Sprechstimme zu hören. Denkbar, dass man sogar überzeugt ist, jenes Geräusch entdeckt zu haben, das Kafkas Ich-Erzähler in «Der Bau» – ein dachsähnliches Tier – zwar an jedem Ort des Baus gleich laut hört, ohne es orten zu können. Besucherinnen und Besucher der musik-theatralischen Schlossführung werden sich früher oder später wohl die Frage stellen: «Höre ich richtig?» Wenn sie dabei leise seufzen und nicht mehr weiterwissen, sollten sie sich in Erinnerung rufen, wie Franz Kafkas Erzählung abbricht: «Aber alles blieb unverändert, das –.»

Wilhelmina – Fest der Künste Treibstoff: 7. 8., Höre ich richtig: 6.,11.,18.,25. 8. Schloss Hallwyl

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