Unwetter-Schäden
Was der Hagel den Aargauer Bauern übrig liess

Die Unwetter von diesem Sommer werden in die Geschichte eingehen als die folgenschwersten des Jahrzehnts im Kanton Aargau. Insbesondere die Landwirte, respektive deren Ernten haben gelitten unter dem Hagel. Doch alles halb so wild.

Daniel Meyer
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Nicht nur die Traubenernte litt in dieser Saison unter den Unwettern

Nicht nur die Traubenernte litt in dieser Saison unter den Unwettern

Keystone

Immer und immer wieder jammern die Bauern, so der häufige Eindruck bei den Nicht-Bauern. Milchpreis, Fleischpreis, Konkurrenz aus dem EU-Raum und Grossverteiler machen den hiesigen Landwirten zu schaffen. Nun kamen dieses Jahr diverse Unwetter mit Hagel dazu. Diesmal war den Bauern unser Mitleid gewiss und wir stimmten mit ein in den Klaggesang. Doch der Schein trügt; alle Bauern, mit denen die az über die Unwetterschäden dieses Sommers sprach, sagten ausnahmslos: «Wir wollen nicht jammern.» Und das taten sie auch nicht.

Eines vorneweg: Den Bauern, der 100 Prozent seines Einkommens mit dem Anbau einer einzigen Pflanze, Frucht oder Obst bestreitet, gibt es nicht. Zu unsicher ist die wirtschaftliche Lag dafür, zu abhängig von nur einem Gut würde sich ein Bauer machen, um davon dauerhaft leben zu können. Auch ist daher die Chance kleiner, dass ein Landwirt bei einem einzigen Unwetter alles verlieren kann. Beispielsweise darum, weil bei einem Hagelsturm zwar seine Reben kaputt gehen können, er aber die Kirschen schon geerntet hat. Hinzu kommt auch die Tatsache, dass die Hagelstürme sehr lokal sind, sodass es «links und rechts der Strasse nicht gleich aussieht», wie ein Experte sagt.

Alles halb so wild?

Zudem kann sich heute ein Bauer auch gegen jedes Unwetter versichern, sodass er bei einem Gewitter nicht um seine Existenz bangen muss. Hinzu kommen noch Schutzmassnahmen wie beispielsweise Hagelnetze, die jedoch bewilligungspflichitg sind. Also alles halb so wild?

Es ist davon auszugehen, dass es die Obst-Bauern am schlimmsten getroffen hat, da diese auch spät in der Saison noch Erntegut auf den Feldern liegen haben. Von den Bauern, die im Ackerbau oder in der Futterwirtschaft tätig sind, sind nicht so arg betroffen - bei ihnen bewegt sich der Ausfall zwischen 20 bis 40 Prozent. Zudem ist die Wertschöpfung bei Obstbauern höher als bei anderen Bauern.

Hagel als Chance

Auch geht bei den Bauern etwa mal der Spruch, dass ein Hageljahr finanziell gar kein schlechtes sein muss: Holt ein Landwirt verhältnismässig wenig aus seinem Boden, verdient er mit der Entschädigung der Hagelversicherung nicht schlecht. Holt der Landwirt jedoch viel aus dem Boden, ist er aufgrund der Standardisierten Verträge der Hagelversicherung im Falle eines Unwetters benachteiligt, wie ein Experte erklärt. Doch müsse man auch in die Rechnung miteinbeziehen, dass der Hagel Folgeschäden fürs nächste Jahr hinterlasse, beispielsweise daher, dass bei Weizen die Körner ins Erdreich gelangen und nächstes Jahr der Landwirt mit Ausfall-Getreide zu kämpfen hat, was ein Mehraufwand bedeutet.

Weder Netz noch Versicherung

Wie sieht die Situation bei einem betroffenen Obst-Bauern aus? «Wir haben weder Hagelnetze noch Versicherungen», sagt Markus Gseller, Bauer aus Zofingen, der zwei Drittel seiner Ernte bei dem Unwetter Mitte Juli verloren hat, «und wir werden künftig auch nichts davon in Betracht ziehen». Gseller rechnet vor, dass die Prämie der Versicherung etwa 10 Prozent des Ertrags betragen würde, folglich hätte man nach 10 Jahren einen ganzen Ernteertrag mehr eingenommen. Dies rechnet sich aber nur, wenn nicht regelmässig Hagl vom Himmel fällt - Gseller hatte in den letzten 20 Jahren keine Hagelschäden.

Nun kann Gseller lediglich einen Drittel seiner Früchte als Tafel-Obst verkaufen, doch hat er, um diese zu ernten, einen Mehraufwand. «Ich habe mehr Aufwand bei geringerem Ertrag», so Gseller. Auch sein Wald (50 Prozent) und ganze Obstbäume (40 Stück) sind zerstört. Das Holz könne nur noch als Brennholz verwendet und wiederum mit Mehraufwand geerntet werden. «Doch ich will nicht jammern.»

Totalausfall bei den Reben

Ähnliches erzählt auch Kurt Mathys, Obst-, Gemüse- und Weinbauer aus Villnachern. Er sei zwar vom Unwetter Mitte Juli nur schwach betroffen gewesen, doch machte ihm der Hagel vom 26. August zu schaffen. Noch 10 - 20 Prozent der Trauben sind noch zu gebrauchen als Mostobst, mehr hat der Hagel nicht übrig gelassen. «Eine ganze Sorte ernten wir gar nicht erst, denn es hat keinen Zweck, da sie bereits zu faulen begonnen haben», dies aufgrund des Fruchtzuckers bereits, der zu einem so späten Zeitpunkt innerhalb der Saison schon vorhanden ist. Dies wiederum ist eine offene Einladung für allerlei Insekten, die auch die noch gesunden Trauben in Mitleidenschaft ziehen. «In diesem Hinblick ist ein Unwetter zum Ende der Saison schlimmer als zu Beginn», sagt Ueli Gremminger vom Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg in Gränichen.

Auch seien bei diesen Unwettern die Hagelkörner nicht nur gross, sondern auch scharfkantig gewesen, was einen grösseren Schaden für die Früchte bedeutet. Doch dürfe man jetzt «nicht verschrecken», warnt Mathys, «wir wollen nicht jammern, die letzten 25 Jahre waren bei uns wettertechnisch relativ ruhig.» Gewiss fehlten dieses Jahr 30 Tonnen Äpfel, doch habe man in den letzten Jahrzehnten die Versicherungsprämie sparen können, von der nun einen Teil zum Leben verwendet werden könne.

Ein Viertel aller Äpfel kaputt

Ebenso gelitten haben die Reben von Thomas Schwarz, Weinbauer aus Rüfenach, am 17. August. Nur die Hälfte seiner Äpfel sind mit Hagelnetzen geschützt; insgesamt ging ein Viertel aller Äpfel kaputt. Auch die Reben sind mit 20 Prozent betroffen, doch rechnet er hier noch mit einer einsetzenden Fäulnis, die noch einen erheblichen Teil der Reben unbrauchbar machen wird.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen hat Schwarz die Reben, die nicht von Hagelnetzen überdeckt sind, versichert. Trotzdem hat Schwarz nun 10 Tonnen Most-Äpfel hat, die sonst Tafel-Äpfel gewesen wären. Insgesamt ist ihm ein Schaden von 7 bis 10 Tausend Franken entstanden. Doch die nächsten 10 Jahre, so hofft Schwarz, werde er wieder Ruhe haben bezüglich Unwetter. Schliesslich habe er 11 Jahre keine Unwetterschäden mehr gehabt - und liefert damit auch gleich die Antwort, warum er seine Ernte versichert oder mit Hagelnetzen schützt.

Psychologisch ungünstiger Zeitpunkt

Womit Schwarz am meisten hadert, ist der Zeitpunkt des Unwetters: Komme das Unwetter früh, könne man sich die Arbeit, die man noch in die Ernte investieren wird, gleich sparen. «Das ist, wie wenn man bei einem Fussballmatch in der letzten Minute drei Gegentore kassiert, ohne etwas dagegen unternehmen zu können.» Denn zu diesem Zeitpunkt habe er als Bauer schon viel Mühe in die Kulturen gesteckt und sehe die fertigen Früchte an den Bäumen, die er dann entsorgen oder unterpreisig verkaufen müsse. Beispielsweise musste er 2 Tonnen Birnen aufs Feld kippen, «das tut dann schon weh». Doch das Wetter sei eben unberechenbar und daher manchmal frustrierend. Zudem einige Kulturen grosses Erholungspotenzial hätten. Ebenso wie im Sport müsse man auch in der Landwirtschaft mit Niederlagen umgehen können. Aber er wolle ja nicht jammern.

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