Boniswil

«Was ich wissen will, das weiss ich»

Marco Luongo findet es halb so wild, dass in seinem Dorf nie etwas los ist. Denn am Frischmarkt auf dem Parkplatz davor läuft für die Boniswiler Jugend auch so einiges.

Aline Wüst
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«Bin in 10 min beim Fm», steht in der SMS, die der Boniswiler Marco Luongo, 17, kurz nach sechs Uhr am Freitagabend schreibt. Kurzmitteilungen dieser Art sind in Boniswil wohl keine Seltenheit. Denn «Fm» steht für Frischmarkt und dort, oder zumindest auf dem Parkplatz davor, trifft sich die Boniswiler Jugend.

Eine Viertelstunde später sitzt der Maurerlehrling Marco dann auf dem Bänkli vor dem Frischmarkt, zieht hastig an seiner Zigarette und erklärt, warum das der beliebteste Treffpunkt der Gemeinde ist. «Man hat von hier den Bahnhof im Auge und sieht gleichzeitig, wer auf der Strasse vorbeifährt», erklärt Marco. Zudem könne man sich im Frischmarkt mit Getränken eindecken. Viele kämen nach dem Arbeiten vorbei, bevor sie nach Hause gehen, und am Wochenende treffe man sich hier vor dem Ausgang erzählt der Boniswiler.

Sehen und gesehen werden

Marco sitzt neben einem anderen Jugendlichen auf der Holzbank vor dem Frischmarkt. Ab und zu wechseln sie ein paar Worte, ihr Blick bleibt dabei starr auf die Seetalstrasse gerichtet. «Es ist ein bisschen langweilig in Boniswil – also eigentlich läuft hier gar nichts», sagt Marco und lacht. Es sei ein Glück, dass Boniswil wenigstens den See habe, meint er. Im Sommer grilliere er dort oft. Was fehlt im Dorf? Ein Plätzchen, wo man sich treffen kann, zum Beispiel ein Pärkchen. «Aber ich verstehe, dass es nichts hat. Boniswil ist ein kleines Bauerndorf.» Man könne hier nichts machen – ausser «hängen».

Zürich statt Boniswil

Marco wohnt mit seiner Mutter zusammen, der Vater lebt in Italien. Wichtig sind für den 17-Jährigen vor allem seine Freunde und der Ausgang. Jedes Wochenende fährt er nach Zürich, um dort in einem der Klubs, bevorzugt im Oxa («geile Lasershow!»), bis in die Morgenstunden zu feiern. Wenn er dann am Morgen wieder in Boniswil eintrifft, schläft er bis zum Nachmittag, verabredet sich gegen Abend mit Freunden und dann wiederholt sich das Prozedere am Samstagabend nochmals. Am Montagmorgen sitzt er dann mit vom vielen Tanzen müden Beinen in der Berufsschule.

Die Berufsfächer interessieren Marco. Dort schreibt er gute Noten. Weniger Verständnis hat der Maurerlehrling für das Fach Allgemeinbildung. «Für mich ist doch wichtig, dass ich mich zum Beispiel in Zürich zurechtfinde. Was die im Parlament erzählen, das geht mich nichts an», meint er und bringt seine Meinung auf den Punkt: «Was ich wissen will, das weiss ich. Das andere interessiert mich nicht.» Seine Maurerlehre hat er gewählt, um draussen arbeiten zu können. Stolz ist er, wenn ein Haus, an dem er mitgearbeitet hat, fertig ist und es gut geworden ist.

Neben Arbeiten, Ausgang und mit Freunden rumhängen macht Marco nicht viel. Von Freizeitgestaltung aus Erwachsenensicht hat er klare Vorstellung: «Die Erwachsenen denken immer, man müsse ein Hobby haben, zum Beispiel Wandern. Aber warum soll ich wandern, wenn ich bereits die ganze Woche am Arbeiten bin?»

Immer wieder klingelt das Handy. «Ich muss das abklären, wäisch», sagt Marco ins Telefon und spricht das «wäisch» aus wie ein Zürcher und nicht wie einer, der in Boniswil geboren und aufgewachsen ist. In Zürich sei vieles besser. Die Leute legen zum Beispiel mehr Wert auf ihr Aussehen als in Boniswil, wo viele mit ungemachten Haaren aus dem Haus gehen, sagt Marco. Er hingegen trägt Schuhe, auf denen sein Name eingestickt ist, und sein Gilet sitzt perfekt. «Mir ist das Äussere extrem wichtig.» Am Wochenende investiert Marco bis zu eineinhalb Stunden, um sich ausgehtauglich zu machen.

Kommen und Gehen

Es ist nun kurz nach sieben Uhr. Auf dem Parkplatz stehen die jungen Menschen in kleinen Grüppchen zusammen, trinken Red Bull oder essen ein Sandwich. Eine junge Frau fährt mit dem Velo vorbei. «Kommst du später noch?», ruft ihr einer zu. «Vielleicht», schreit sie und ist bereits aus dem Blickfeld der Frischmarkt-Jugendlichen entschwunden.

Marco hat keine Angst vor der Zukunft. Er lebe im Augenblick und es bringe sowieso nichts, sich zu sorgen. Nur vor einer Sache fürchtet er sich ein bisschen: alt und faltig zu werden. Alt ist dabei für einen 17-Jährigen wie Marco bereits, wer die 30 überschritten hat.