Rupperswil-Prozess

Verteidigerin von Thomas N.: «Mein Klient ist therapiefähig und therapiewillig»

18 Jahre Freiheitsentzug: Die Verteidigerin des mutmasslichen Vierfachmörders von Rupperswil AG hat am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Lenzburg ihre Anträge gestellt. Sie machte verschiedene Aspekte einer Strafmilderung geltend. Eine lebenslängliche Verwahrung sei nicht gerechtfertigt.

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Verteidigerin Renate Senn zeichnete von ihrem Mandanten das Bild eines zutiefst zerrissenen Menschen, der praktisch Opfer seiner selbst wurde. Diese Zerrissenheit habe an jenem 21. Dezember 2015 "ein tragisches Ende genommen".

Der heute 34-Jährige habe eine erfolgreiche Zukunft vor sich gehabt, bis er etwa zwanzig Jahre alt war, sagte Senn. Seine vor der Aussenwelt verheimlichte Pädophilie habe ihn aber immer schwerer belastet und zunehmend aus dem Gleichgewicht gebracht, er sei süchtig geworden nach einschlägigen Bildern und Filmen im Internet.

Irgendwann sei der Wunsch aufgekommen, seinen Trieb in der Realität auszuleben, auch wenn er dies bekämpft habe: "Es kann nicht sein, es darf nicht sein."

Nach langen Gedankenspielen, nach Zögern und Hadern habe er dem Drang nachgegeben - eher widerstrebend, so Senn. Er habe beim Haus der späteren Opfer geklingelt, sei eingelassen worden und habe den Tatplan nun verwirklichen müssen.

Die Bilder vom Rupperswil-Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.
31 Bilder
Thomas N. wird zu einer lebenslänglichen Haft verureilt, das Bezirksgericht Lenzburg ordnet zudem eine ordentliche Verwahrung an. Im Bild ist der Angeklagte mit seiner Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag zu sehen.
Opferanwalt Markus Leimbacher in seinem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Thomas N. kann auch Richter, Therapeuten und Gutachter manipulieren.»
Nach dem ersten Prozesstag Ein ziviles Polizeifahrzeug der Kantonspolizei Aargau verlässt mit Thomas N. im Wagen die Tiefgarage der Mobilen Polizei.
Staatsanwältin Barbara Loppacher in ihrem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Er redet sich und die ganze Welt schön.»
Zwischenfall während der Mittagspause am Dienstag: Ein religiöser Eiferer fordert lautstark die Todesstrafe für Thomas N. und wird von der Polizei abgeführt.
Staatsanwältin Barbara Loppacher: «Es liegt keine psychische Störung vor, mit der die Morde erklärt werden können. Somit liegt keine Störung vor, die therapiert werden kann. Der Beschuldigte ist folglich untherapierbar.»
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Er wünsche sich eine Therapie, gibt er zu Protokoll.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Thomas N. (Mitte) verfolgt den Prozess neben seiner Anwältin Renate Senn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Thomas N. vor Gericht.
Die Richter hören Gutachter Josef Sachs zu.
Thomas N. wird zu einer lebenslänglichen Haft verureilt, das Bezirksgericht Lenzburg ordnet zudem eine ordentliche Verwahrung an. Im Bild ist der Angeklagte mit seiner Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag zu sehen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten Thomas N. (rechts aussen).
Vor dem Prozessbeginn: Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Aargau, begrüsst Opferanwalt Markus Leimbacher begrüssen sich.
Tim Hemmi, ehemaliger FC-Aarau-Profi, beobachtet den Prozess als Jus-Student.
Roland Wenger, Sprecher der "Seetal Selection", einem Verbund der Juniorenteams des SC Seengen und des FC Sarmenstorf, wo Thomas N. als Koordinator tätig war.
Ein Gerichtszeichner skizziert erste Szenen vor dem Gebäude.
In den Räumen der Mobilen Polizei in Schafisheim findet der Prozess statt.
Journalisten vor dem Eingang.
Aufmarsch der Kantonspolizei Aargau.
Zuschauerin Annina Sonnenwald.
Der Prozess gegen N. dauerte vier Tage.
Weitere Bilder aus Schafisheim.

Die Bilder vom Rupperswil-Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.

Marco Tancredi

"Spontan gehandelt"

Der Schweizer habe "spontan vor Ort gehandelt", sagte die Verteidigerin. Zwar habe er "grob einen Plan" entworfen, auch Vorbereitungen getroffen, Details habe er nicht geplant. Es habe eine gewisse Eigendynamik ergeben.

Getötet habe er, um seine Taten zu vertuschen, nicht aus Lust am Töten. Gehandelt habe er aus drei Gründen: zur sexuellen Befriedigung, aus Scham und aus finanziellen Gründen.

Sein pädophiler Drang wollte ausgelebt werden. Und weil er nicht den Mut hatte, seiner Mutter sein Scheitern an mehreren Unis und seine Lügen über ein angeblich erfolgreiches Leben zu gestehen, musste er Geld beschaffen.

Gegensteuer zu lebenslänglicher Verwahrung

Senn betonte mehrmals, Anlassdelikt sei ein Sexualdelikt aufgrund der ausgeprägten Pädophilie ihres Mandanten gewesen. Und ohne die festgestellten narzisstischen und zwanghaften Züge wäre er nie in die damalige Situation gekommen, zu töten. Damit gab sie Gegensteuer zur staatsanwaltlichen Forderung nach lebenslanger Verwahrung, die eine dauerhafte Untherapierbarkeit voraussetzt.

Laut den Gutachtern kann nämlich eine Pädophilie mit einer Therapie zwar nicht geheilt werden, der Betroffene kann aber lernen, deliktfrei damit umzugehen. Auch die Persönlichkeitsstörungen sind behandelbar. Die Staatsanwältin hatte argumentiert, es sei keine Störung Ursache der Tat - damit könne eine solche auch nicht behandelt werden.

Faires Urteil

Die Öffentlichkeit fordere eine drakonische Bestrafung ihres Mandanten - dieser gehöre "für immer weggesperrt". Dies dürfe aber nicht die Entscheidung des Gerichts beeinflussen, dieses müsse fair ausfallen. In der Schweiz seien Freiheitsstrafen in der Regel endlich. Eine Verwahrung dagegen sei keine Bestrafung, sondern solle die Öffentlichkeit schützen, so lange ein Täter gefährlich sei.

Schliesslich machte Senn verschiedene Gründe für eine Strafmilderung geltend: Zugunsten ihres Mandanten müsse gewertet werden, dass dieser nach seiner Verhaftung sofort gestanden und sich kooperativ gezeigt habe. Er sei sich bewusst, mit seiner Tat viel Leid verursacht zu haben und empfinde Reue. Senn las einen Brief des Beschuldigen an die Opferfamilien vor, in dem er schrieb, wie leid ihm alles tue.

Zudem übte sie Behörden- und Medienschelte: Die tendenziöse Art der Information durch die Strafbehörden nach der Verhaftung habe eine "mediale Treibjagd" und Vorverurteilung ihres Mandanten ausgelöst.