Lenzburg

«Trotz Verbot wurden 50 Altstadthäuser zerstört»

Strafrechtsprofessor und SP-Einwohnerrat Martin Killias verlangt schärfere Richtlinien für die Sanierung historischer Bauten.

Ruth Steiner
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Das Stadtgässli 18 mit der ehemaligen Schreinerei Hächler soll abgerissen und durch ein modernes Wohn- und Geschäftshaus ersetzt werden. Martin Killias ist das ein Dorn im Auge.

Das Stadtgässli 18 mit der ehemaligen Schreinerei Hächler soll abgerissen und durch ein modernes Wohn- und Geschäftshaus ersetzt werden. Martin Killias ist das ein Dorn im Auge.

Chris Iseli

Eine zeitgemässe Altstadt, die in erster Linie dem menschlichen Zusammenleben zu dienen habe. So äusserte der Stadtrat an der Sitzung des Einwohnerrats vorgestern seine grundsätzliche Haltung zur Entwicklung der Innenstadt.

In diesem Sinne hat er zwei Anfragen von SP-Einwohnerrat Martin Killias und Unterzeichneten beantwortet. Konkret ging es um die «Entwicklung des Stadtbildes im Raum Stadtgässli-Burghaldenstrasse-Aavorstadt» und die «Zerstörung des Hauses zum ‹Törli› an der Kirchgasse», wie Killias seine Anfragen betitelt hatte. Mit Vehemenz setzt sich der linke Einwohnerrat ein für den Erhalt historischer Bausubstanz. Entsprechend enttäuscht zeigt er sich über die stadträtliche Reaktion.

SP-Einwohnerrat Martin Killias Emeritierter Kriminologieprofessor der Universitäten Zürich und Lausanne bearbeitet weiter eines seiner Lieblingsfelder: Die Jugend-Delinquenz.

SP-Einwohnerrat Martin Killias Emeritierter Kriminologieprofessor der Universitäten Zürich und Lausanne bearbeitet weiter eines seiner Lieblingsfelder: Die Jugend-Delinquenz.

Keystone

Herr Killias, Sie waren mit den Antworten des Stadtrats auf Ihre Anfragen nicht zufrieden und haben sich im Einwohnerrat entsprechend artikuliert.

Martin Killias: Ich möchte es so sagen: Die Antworten des Stadtrates haben gezeigt, dass er das Problem nicht sieht und Bau- beziehungsweise Abbruchbewilligungen in der geschützten Altstadt-Zone mit einer unglaublichen Nonchalance erteilt werden.

Was ist so schlimm daran, wenn hinter historischer Kulisse Wohnraum geschaffen wird, der den heutigen Ansprüchen Genüge tut?

Schon diese Frage ist eine Provokation. Sie suggeriert, dass heutiges Wohnen nur möglich ist, wenn historische Bausubstanz zerstört wird. Dabei zeigen unzählige Beispiele in andern Städten, dass Respekt vor 500-jährigen Häusern und moderner Komfort sich überhaupt nicht ausschliessen.

Der Stadtrat spricht sich nicht grundsätzlich gegen den Erhalt schützenswerter historischer Bausubstanz aus. Er verlangt jedoch Bereitschaft zum Kompromiss von allen Seiten. Sind Sie zu kompromisslos?

Wir leben in einem Rechtsstaat. Lenzburg untersteht dem ISOS, das ist das Inventar schützenswerter Ortsbilder in der Schweiz. Demnach besteht in der Altstadt ein Abbruchverbot. Trotz dieser klaren Regelung wurden über die letzten 30 Jahre zirka 50 von etwas über 70 Altstadthäusern zerstört. Krasser könnte man die geltenden Regeln nicht missachten.

Offensichtlich lässt die aktuell gültige Bau- und Nutzungsordnung (BNO) derartige Bewilligungen zu. Könnte man diese «Schlupflöcher» bei der BNO-Revision korrigieren?

Theoretisch ja. Praktisch wird das aber schwer zu finanzieren sein. Nach der Bewilligung eines grossen Klotzes am Stadtgässli 18 (Anm. Redaktion: Abbruch der ehemaligen Schreinerei Hächler und Neubau eines modernen kubischen Wohn- und Geschäftshauses) kann den Besitzern der sehr schönen aber kleinen Liegenschaften in der Nachbarschaft kaum verboten werden ebenso grosse Blöcke hinzustellen.

Weshalb nicht?

Will man dies mit einer entsprechenden Anpassung der neuen BNO verhindern, wird dies hohe Ansprüche wegen materieller Enteignung auslösen. Hätte der Stadtrat die Baubewilligung für das Stadtgässli nicht erteilt, könnte Lenzburg diesen Schutz gratis haben.