Lenzburg-Seetal

«Provokation gehört zum Alltag»: Repol-Chef Ferdinand Bürgi über Gewalt gegen Polizisten

Ferdinand Bürgi, Chef der Regionalpolizei Lenzburg spricht im Interviem mit der «Schweiz am Wochenende» über Bussenfallen, die zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber den Gesetzeshütern und den Umgang der Polizei mit dieser Entwicklung.

Ruth Steiner
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Mit Sorge beobachtet Repol-Chef Ferdinand Bürgi die steigende Respektlosigkeit und Gewalt gegenüber Polizisten.

Mit Sorge beobachtet Repol-Chef Ferdinand Bürgi die steigende Respektlosigkeit und Gewalt gegenüber Polizisten.

Chris Iseli

Seit zehn Jahren leitet der 57-jährige Ferdinand Bürgi die Regionalpolizei Lenzburg. Sie ist seit Anfang 2015 mit der Regionalpolizei Seetal fusioniert und in 22 Gemeinden für die Sicherheit von 55 000 Menschen zuständig. Mit der Fusion ist das Korps von 16 auf 27 Mitarbeitende gewachsen.

Die Kantonspolizei will der zunehmenden Gewaltbereitschaft und Bedrohung mit dem Kauf eines Panzerfahrzeugs entgegentreten. Die Regionalpolizei Zofingen und die Stadtpolizei Baden schaffen neue Sturmgewehre an. Was macht die Regionalpolizei Lenzburg (Repol)?

Auch die Repol hat sich den gegebenen Umständen angepasst und die Ausbildung in diesem Bereich mit der Kantonspolizei intensiviert. Gewehre haben wir aber noch keine angeschafft.

Stress, Überforderung: Das Konfliktpotenzial in der Gesellschaft ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Wie ist das im Polizei-Alltag zu spüren?

Die Polizeiarbeit ist anspruchsvoller geworden. Die Umgangsformen sind heute rauer, Wutausbrüche und Provokationen gehören zur Tagesordnung. Die zunehmende Respektlosigkeit ist ein Phänomen, das sich aber nicht nur bei der Polizei abzeichnet, es ist auch bei andern Berufsgattungen feststellbar. Es ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Die Uniform hat ihre schützende Wirkung verloren. Wie gehen die Beamten damit um?

Die Uniform hat nach wie vor eine schützende Wirkung, aber der Respekt vor ihr hat nachgelassen. Diesem Umstand begegnen wir so, dass wir mit dem Gegenüber respektvoll und verhältnismässig umgehen. Sollten jedoch Verstösse passieren, werden sie zur Anzeige gebracht.

Was heisst das?

Wenn Polizisten angepöbelt, beleidigt, beschimpft oder angegriffen werden und sich das Gegenüber nicht zur Räson bringen lässt, bleibt nur noch die Anzeige.

Weshalb dieses rigorose Vorgehen?

Verbale Aussetzer waren früher oft die Folge von übermässigem Alkoholkonsum. Heute kommen noch andere Substanzen und eben ungebührliches Verhalten dazu. Übergriffe erfolgen massiver ohne Rücksicht auf Gesundheit und Menschenwürde der Beamten. Anspucken, üble Kraftausdrücke oder gar Tätlichkeiten lassen wir uns nicht bieten. Das gibt eine Anzeige.

Welcher Einsatz hat Sie als Repol-Chef am meisten bewegt?

(Überlegt lange) In meiner Funktion bin ich nicht mehr an vorderster Front dabei. Doch jeder Fall, hinter dem ein menschliches Schicksal steckt, bewegt mich sehr. Vor allem dann, wenn Kinder oder Jugendliche betroffen sind. Solche Fälle bleiben oft Tage und Wochen präsent. Da kann es schon vorkommen, dass man mitten in der Nacht erwacht und sich fragt, wo da die Gerechtigkeit bleibt.

Wie gehen Sie mit diesen Emotionen um?

Normalerweise gelingt es mir, selbst Vorfälle, die mich stark bewegen, allein zu verarbeiten. Ohne dabei allzu spirituell wirken zu wollen, bin ich überzeugt, dass es so etwas wie eine dritte Macht gibt. Man könnte es auch Schicksal nennen. Aber auch das Gespräch mit meinen Mitarbeitenden hilft, solche Ereignisse besser zu verarbeiten.

Chris Iseli

Welche Rolle spielt in diesen Momenten die Familie?

So gut wie möglich, versuche ich den Beruf und die Familie zu trennen. In der Familie kann ich auftanken und neue Kraft schöpfen.

Hat das Polizeikorps in belastenden Situationen die Möglichkeit, professionelle psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Ja. Es besteht ein Abkommen mit der Kantonspolizei, dass wir deren Psychologen und Polizeiseelsorger beiziehen können. Möglich ist auch externe Hilfe von andern Fachpersonen.

Wird der Termin beim Psychologen vom Chef verordnet?

Nein, jeder Mitarbeiter reagiert in belastenden Situationen anders. Je nach Ereignis erkundige ich mich nach dem Befinden und wir entscheiden, ob externe Hilfe nötig ist oder nicht. Wichtig ist, dass ich meine Leute gut kenne und auf gewisse «Botschaften» oder Verhaltensänderungen rasch reagiere.

Zur Polizeiarbeit gehören Geschwindigkeitskontrollen. Laut Statistik hat die Repol in Lenzburg im vergangenen Jahr zwar mehr Kontrollen durchgeführt, jedoch weniger Temposünder überführen können.

Ordnungsbussen oder Anzeigen, die daraus resultieren, sind in der Bevölkerung immer ein rotes Tuch. In der Praxis ist es so, dass in den 22 Gemeinden, welche der Regionalpolizei Lenzburg angeschlossen sind, pro Monat rund drei Stunden Geschwindigkeitskontrollen gemacht werden.

Zur Person Ferdinand Bürgi (57) ist seit 2007 Chef der Regionalpolizei Lenzburg. Er ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Söhnen und wohnt in Gränichen. Bürgi war zuvor Einsatzleiter bei der Mobilien Einsatzpolizei in Schafisheim. (str)

Zur Person Ferdinand Bürgi (57) ist seit 2007 Chef der Regionalpolizei Lenzburg. Er ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Söhnen und wohnt in Gränichen. Bürgi war zuvor Einsatzleiter bei der Mobilien Einsatzpolizei in Schafisheim. (str)

Chris Iseli

In Lenzburg ist es so, dass der oft dichte Verkehr innerorts eine ganz natürliche Bremswirkung hat. Geschwindigkeitsexzesse, wie man sie in den Medien liest, passieren oft ausserorts. Diese fallen in den Zuständigkeitsbereich der Kantonspolizei. Natürlich gibt es auch innerorts Strassenabschnitte, auf welchen zu schnell gefahren wird. Hier erhalten die Tempobolzer einen Einzahlungsschein nach Hause geschickt.

Wo sind die grössten Bussenfallen in der Region?

Die gibt es nicht. Wenn dem so wäre, müssten sie mit baulichen Massnahmen aufgehoben werden.

In Lenzburg wird kolportiert, dass die Polizei sich zum Beispiel in der Nähe von Bahnübergängen wie an der Aarauerstrasse «versteckt», um Sündenböcke zu überführen.

Wir führen an vielen Orten Kontrollen durch, ohne «Versteckspiel» zu machen. Es kann durchaus sein, dass das Rotlicht an der Aarauerstrasse überwacht wird. Gerade Rotlichter werden oftmals missachtet und es wird noch gefahren, wenn man längst stoppen müsste. Das Gesetz ist klar: Wenn das Blinklicht leuchtet, muss angehalten werden.

Wie sieht es mit den Einbrüchen in der Region aus?

Die neusten statistischen Zahlen zeigen, dass sich die Einbruchs-Situation eher etwas entschärft hat. Man kann davon ausgehen, dass die vermehrten Patrouillenfahrten von Regional- und Kantonspolizei in den Quartieren Wirkung zeigen. Aber auch die heutigen technischen Möglichkeiten wie das computergestützte Precobs («Pre Crime Observation System») oder die Zusammenarbeit mit andern Institutionen helfen, Delikte zu verhindern. Es ist aber auch gut möglich, dass ganz einfach gewisse Tätergruppen ausgeblieben sind.

Ist es tatsächlich so, dass in Gebieten entlang der Autobahn mehr eingebrochen wird?

Ja, das ist so.

Mit andern Worten: Im reichen Seetal wohnt es sich sicherer?

(Schmunzelt) Auch dort ist man nicht von einem Einbruch gefeit.

In der Bevölkerung ist die Aufgabenteilung zwischen Regional- und Kantonspolizei oftmals nicht ganz klar.

Wer wofür zuständig ist, ist klar geregelt, und mittlerweile kann ich sagen, dass die Bevölkerung weiss, an wen sie sich im Notfall wenden muss. Erster Ansprechpartner ist die Repol. Wir machen die Triage und geben den Fall je nach Situation an die Kapo weiter. In Notsituationen ist Hilfe über die Telefon-Nummer 117 anzufordern.