Lenzburg

Nach 27 Jahren: In der «Oberstadt» geht eine Ära zu Ende

Pia und Toni Peterhans verlassen die Beiz «Oberstadt» in Lenzburg nach einer gefühlten Ewigkeit.

Peter Weingartner
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Pia (61) und Toni Peterhans (66) vor ihrem Restaurant, der «Oberstadt».

Pia (61) und Toni Peterhans (66) vor ihrem Restaurant, der «Oberstadt».

Peter Weingartner

Kurz nach 14 Uhr betritt Ulrich Siegrist, ehemaliger Regierungs- und Nationalrat (einst SVP, zuletzt Forum Liberale Mitte) die «Oberstadt» in Lenzburg und bestellt ein «Waldfest». Kalte Cervelat und Brot. Er ist Stammgast im Restaurant, dessen Wirtsleute, Pia (61) und Toni Peterhans (66), das Haus an Investor Heinz Walti aus Untersiggenthal verkauft haben und am 15. und 16. Dezember geladene Gäste zur Uustrinkete einladen. Dann wird das Restaurant umgebaut; Hotel und Bar bleiben derweil offen.

Vom Geissenstall zum Hotel

«Ich wäre gerne Architekt geworden», sagt Toni Peterhans. Als ältester Metzgerssohn hatte er kaum eine Wahl. Er machte eine Metzgerlehre, später die Meisterprüfung und die Handelsschule. Doch das Bauen ist seine Leidenschaft. «Hobby», sagt er. Er untertreibt. Er kauft Häuser und baut sie um, als Bauführer. Seine erste Akquisition, er lacht verschmitzt, sei ein Geissenstall im Maggiatal gewesen, als er als 21-Jähriger im Tessin im Gastgewerbe gearbeitet hat.

Wenn er ans Ende als Gastwirt denkt, kommt etwas Wehmut auf: «Der Kontakt mit den Leuten wird mir fehlen.» Er lässt es auf sich zukommen. Vor der «Oberstadt» führte er die «Breite» in Nussbaumen. Vor 28 Jahren kaufte er die «Oberstadt» dem Metzgermeister Paul Vogt ab, machte auch ein Hotel daraus. Heute sinds 13 Zimmer mit Dusche und WC, dazu drei Zimmer mit Etagentoiletten. «Günstige Zimmer», sagt er.
Lokal für alle

Die Oberstadt ist ein familiäres und heimeliges Gasthaus. Zusätzlich zu den italienischen Spezialitäten wird saisonal das Angebot um Rösti-, Spargeln, Sommer- und Wildspezialitäten ergänzt. Nebst der SVP halten auch die SP und die Grünen ihre Sitzungen in diesem Hause ab. «Wir sind ein Lokal für alle», betonen Pia und Toni Peterhans.

Im Fumoir sitzen an diesem Nachmittag ein paar Stammgäste. Nach der Arbeit kommt der Postbote, und Pia Peterhans weiss genau, was er will: einen temperierten Kübel Bier. Sie ist tagsüber im Service tätig. Auch den Hotelbereich samt Waschen führt sie, während Toni für den Einkauf und die Küche verantwortlich ist und da auch Hand anlegt. «Jeder hat sein eigenes Büro», sagt er. «Hinter jedem florierenden Geschäft steht eine tüchtige Frau», anerkennt Toni Peterhans die Leistungen seiner Frau Pia.

Ramon, der Sohn des Wirtepaars Peterhans, ist bei den Lagerhäusern Aarau im Import und Export tätig. «Wir haben ihn nie gezwungen weiter zu machen, er soll seinen eigenen Weg gehen und etwas Gescheiteres machen», scherzen Toni und Pia. Sie betonen aber, dass immer, wenn Not am Mann ist, Ramon zusammen mit seiner Freundin Tamara gerne tatkräftig in der Oberstadt aushelfen.

Viehhändler und Fussballmanager

«Handeln und verhandeln stecken mir im Blut», sagt Toni Peterhans. So hat er den Verkauf der Liegenschaft «Oberstadt» ohne Makler durchgezogen. Kunststück: Er war ja auch mal Viehhändler, was bei seinem Schwiegervater, einem Bauern, zuerst Skepsis hervorgerufen habe. «Ich wollte eine Bauerntochter», und fügt schmunzelnd hinzu: «weil sie arbeiten kann.» Und in dessen Aktivkarriere in der obersten Fussballliga hat er seinen Bruder Franz gemanagt, der als Stürmer für Servette, Wettingen, YB und den FC Zürich auf Torjagd gegangen ist.

Vereine mit eigenen Lokalen

Wer 27 Jahre ein Gasthaus und Hotel geführt hat, sieht Trends. «Uns fehlen die Gäste nach 22 Uhr», sagt Pia Peterhans. Die Vereine, die nach Probe oder Training noch eins zwitschern gehen. Schützenhaus, Klubhaus des Fussballclubs, Soldaten, die das Bier in die Unterkunft bestellen, die Feuerwehr mit eigenem Lokal. Das ist die Konkurrenz, und sie können nachvollziehen: So kommts günstiger. «Früher mussten wir um halb eins die Leute hinauswerfen», erinnert sich das Wirtepaar.

Das Rauchverbot und die 0,5-Promille-Grenze haben Spuren hinterlassen, aber dank dem nachträglich gebauten Fumoir konnten die Gäste vom Stammtisch gehalten werden. «Auch die Bar läuft ganz gut», sagt Toni Peterhans, und er sieht darin einen Treffpunkt für Leute, die bei der Barmaid oder bei Kollegen ihre Sorgen, wenn nicht loswerden, so doch verbal mal zwischenlagern wollen.

Gemütlicher Ruhestand

Das gibt lange Tage für das Wirtepaar. «Heute bin ich um 6 Uhr dagestanden fürs Morgenessen», sagt Toni. Morgen ist Pia an der Reihe. Das wird im nächsten Jahr anders sein, wenn sie in ihrem neuen Haus in Hägglingen ihren Ruhestand geniessen. Wobei: Toni hat ja ein Hobby.

«Wir haben jedes Jahr zweimal in der Schweiz Ferien gemacht», sagt Toni Peterhans. Wie es sich gehöre, man verdiene sein Geld schliesslich auch hier. Der Patron hat gesprochen. «Vorewäg», will ers künftig nehmen, aber allzu lange halte ers auswärts nicht aus. Pia möchte auf Musikreisen. Kastelruth zum Beispiel, wo die Spatzen singen. Beide mögen nämlich volkstümliche Schlager. Zu Pias 60. Geburtstag war Stefan Roos, der Schweizer Stimmungssänger, zu Gast in der «Oberstadt». Langweilig wird’s ihnen auch im Ruhestand nicht, aber etwas ruhiger und gemütlicher solls dann schon sein, meinen die zwei bodenständigen Wirtsleute.

Ulrich Siegrist verlässt das Lokal mit einer Wurst im Magen. Sie stammt aus Tonis Bruder Beats Metzgerei in Niederwil. «Tschau Ueli, danke!», ruft das Noch-Wirtepaar.