Birrwil

Diese Geschichten ranken sich um alte Färbi

Das Areal wird überbaut. Vorerst besuchte der frühere Betriebsleiter Karl Schrag die Fabrik

Barbara Vogt
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Der ehemalige Betriebsleiter Karl Schrag steht vor dem Büro des alten Färbi-Areals.Peter Siegrist

Der ehemalige Betriebsleiter Karl Schrag steht vor dem Büro des alten Färbi-Areals.Peter Siegrist

Auf dem alten Färbereiareal ist es still. Längst stehen keine Frauen und Männer mehr an ihren Maschinen, um Stoffe einzufärben. Niemand heizt den Kesselraum mehr mit Öl, und aus dem Kamin kräuselt sich keine Rauchsäule. Als wäre die einst pulsierende Fabrik in einen Dornröschenschlaf verfallen.

Als Karl Schrag jedoch an der mit Spinnenweben durchzogenen Scheddachhalle emporschaut, erwacht die Färberei zum Leben. Der Färbeapparat rattert wieder, die Spulmaschinen zwirbeln das frisch eingefärbte Garn zurecht. Und irgendwoher meint man das Lachen schnatternder Mitarbeiter zu hören. Vor 34 Jahren war Schrag Betriebsleiter der Färbi. Er kümmerte sich um die Färberei, das Labor, die Ausrüsterei, die Infrastruktur und er pflegte Kundenkontakte. Bis zu 15 Mitarbeiter arbeiteten unter seinen wachsamen Augen. War er ein strenger Chef? «Ja, aber fair. Ich trug Verantwortung, musste schauen, dass der Betrieb lief.»

Von weiss zu rosarot

Jetzt schreitet er über die grasbewachsenen Wege und erinnert sich. Die Jahre in der Färberei seien interessant, zuweilen problematisch gewesen, sagt Karl Schrag, der in Reinach lebt und dort Vizeammann war. Vor dem Ausbau der Wasserversorgung gabs oft zu wenig Wasser – das für den Betrieb notwendigste Gut. So zapfte man eben Sickerwasser an, was gelegentlich dazu führte, dass das Garn braun statt weiss herauskam. «Dann mussten wir das Garn umspulen und neu bleichen.»

Die Färberei färbte Garne für Textilwerke. Auch für die alte Weberei im Birrwiler Schwaderhof, die – wie die Färbi – der Firma Fehlmann Söhne AG in Schöftland gehörte. In der Ausrüsterei der Färbi wurden Berufskleiderstoffe gestärkt und so veredelt, dass sie nicht eingingen.

Beim Färben gab es auch Pannen, erinnert sich Karl Schrag. Einmal hat man zusammen mit einem Farbstofflieferanten mit einer neuen Farbstoffklasse «gepröbelt» und erzielten damit gute Resultate. Nur zersetzte sich die rote Farbe in der Kläranlage nicht richtig, sodass die Textilwerke Müller in Seon – die just zu diesem Zeitpunkt bleichte – statt weisse rosarote Stoffe erhielten.

Mit der Textilindustrie ging es in den 90er-Jahren bachab. Karl Schrag spürte diesen Wandel und setzte sich rechtzeitig ab: Nach über sechs Jahren verliess er die Färbi und wechselte in den kantonalen Gewässerschutz. «Ich wurde vom Gewässerverschmutzer zum Gewässerschützer», sagt er und lacht. Schrag studierte Chemie, interessierte sich jedoch seit je für die Textilindustrie: «Ich war der Praktiker und wollte am Abend sehen, was die Maschine produziert hatte.»

Farbstoffe geschmuggelt

Die Färberei hoch über dem Hallwilersee existiert schon lange: 1916 übernahm die Firma Fehlmann Söhne AG aus Schöftland die gesamte Fabrikanlage von den reichen Fabrikantenherren Steiner-Nussbaum und baute sie während der Weltkriege aus. Die Tabakindustrie war eben dem Untergang geweiht, als in den umliegenden Tälern die Textilbranche zu blühen begann. Karl Schrag hörte von Dorfbewohnern verschiedene Geschichten über die Färbi. Gefärbt habe man schon sehr früh. Möglicherweise wurde die Fabrik im oberen Dorfteil gebaut, um nahe an der Gotthardroute zu sein. Die Handelsstrasse führte an der Färbi vorbei. Eine Sage erzählt gar vom Schmuggel von Farbstoffen. Einer der Fabrikanten Steiner-Nussbaum – sie lebten in der Villa neben der Fabrik – hatte drei Söhne und drei Töchter. Damit das Erbe bloss durch drei geteilt werden musste, sorgten die Männer dafür, dass die Töchter unverheiratet blieben.

Als Karl Schrag einmal in den Estrich der Fabrik hochstieg, entdeckte er ein Bussenbuch von 1850: Schwatzten Arbeiterinnen und Arbeiter zu viel oder blieben sie zu lange auf der Toilette, mussten sie zehn oder zwanzig Rappen von ihrem Lohn ihrem Arbeitgeber abgeben. Das Gleiche geschah, wenn sie ihre Zahltagssäckli nicht wieder zurückgaben. Verloren war das Geld jedoch nicht: Wurden die Mitarbeiter krank, so erhielten sie von ihrem Arbeitgeber für den Ausfall mehrere Franken.

Bei seinen Entdeckungen auf dem Estrich der Färbi fiel Schrag auch ein Lehrvertrag eines Herrn Merz aus Menziken von 1833 in die Hände. Es war eine Bestätigung, dass der junge Mann Färber lernen durfte. Dafür musste er jedoch einen gewissen Geldbetrag leisten. Die Färberei andererseits verpflichte sich, den Lernenden verschiedene Arten von Färben beizubringen.

Als Erinnerung kopierte Karl Schrag diesen Brief. Und während er aus seinen Erinnerungen hochkommt und aus dem Färbeareal herausschreitet, fällt dieses still und leise in ihren Dornröschenschlaf zurück.

Überbauung geplant Die Färbi in der oberen Wanne in Birrwil steht seit vielen Jahren leer. Einige der Räume wurden an Kleinunternehmer vermietet. Die Besitzerin der ehemaligen Fabrik, die Fehlmann-Immobilien AG, will das Gelände einer Investorengruppe überlassen, die die Flächen bebaut und veräussert. Für die Überbauung liegt ein Gestaltungsplan vor. Auf dem Färbi-Areal soll eine durchmischte Überbauung mit Eigentums- und Mietwohnungen entstehen. Einige der jetzigen Gebäude werden saniert. Das Wahrzeichen der Färbi, der Kamin, soll ebenfalls stehen bleiben. In einer Serie stellt die az Personen vor, die mit dem Areal verbunden sind. (ba)

Überbauung geplant Die Färbi in der oberen Wanne in Birrwil steht seit vielen Jahren leer. Einige der Räume wurden an Kleinunternehmer vermietet. Die Besitzerin der ehemaligen Fabrik, die Fehlmann-Immobilien AG, will das Gelände einer Investorengruppe überlassen, die die Flächen bebaut und veräussert. Für die Überbauung liegt ein Gestaltungsplan vor. Auf dem Färbi-Areal soll eine durchmischte Überbauung mit Eigentums- und Mietwohnungen entstehen. Einige der jetzigen Gebäude werden saniert. Das Wahrzeichen der Färbi, der Kamin, soll ebenfalls stehen bleiben. In einer Serie stellt die az Personen vor, die mit dem Areal verbunden sind. (ba)

Aargauer Zeitung