Lenzburg
Architekt Markus Lüscher hat sein Leben reflektiert und alles in ein Buch geschrieben

Janine Gloor
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Markus Lüscher vor den abstrakten Bildern des Seoner Kunstmalers Rudolf Urech. Die beiden stammen von der gleichen Insel.

Markus Lüscher vor den abstrakten Bildern des Seoner Kunstmalers Rudolf Urech. Die beiden stammen von der gleichen Insel.

Janine Gloor

Wenn man das Buch «Streifzüge durch die Verstädterung» des Lenzburger Architekten Markus Lüscher (72) das erste Mal in den Händen hält, ist es ein bisschen viel aufs Mal. Zwar ist es angenehm in Graustufen gehalten, und der Lauftext befindet sich nur auf der rechten Seite. Aber trotzdem ist das Werk über 861 Seiten dick. Seitenfüllende Bilder unterbrechen den Textfluss regelmässig, auf den linken Seiten kommentieren kurze Zwischentitel das rechts Präsentierte. Die Gestaltung scheint kein Zufall zu sein. Man sucht nach einer Gebrauchsanleitung und findet sie auf den ersten Seiten in der Form von zwölf lose verteilten Sätzen. «Es sind Beobachtungen aus der Perspektive eines Eingeborenen. Wie werden Sesshafte zu Fahrenden?», steht da. Und: «Die Geschichten sind zwar selbstständig, hängen aber an diversen Fäden zusammen.» Wer sich von diesem hemmungslos mit Erinnerungen und Eindrücken gefüllten Werk nicht abschrecken lässt, wird belohnt. Markus Lüscher schreibt, wie er spricht. Viel, aber gut. Wenn einer ein Buch über sein bisheriges Leben schreibt – «die Zeit läuft so schnell, ich wollte reflektieren» – kann vieles schiefgehen. Rein sprachlich oder erzählerisch. Doch Lüscher schafft es, in einem bekömmlichen Ton zu erzählen, der trotzdem viel Tiefgang besitzt und durch Feinheiten auffällt.

Es lockt die Welt

Lüscher ist ein guter Beobachter. Detailreich beschreibt er das Dorf seiner Kindheit und Jugend – Seon – und hüpft aus dem Seetal mühelos zu Schauplätzen in der ganzen Welt. Die Zusammenhänge, die er macht, mögen anfangs noch plausibel wirken. Ein Coiffeursalon, in dem er als Kind viel Zeit verbracht hat, erinnert ihn an ein italienisches Pendant in Sizilien. Lüscher wechselt mitten im Kapitel den Schauplatz von Seon auf die italienische Insel, und man lässt sich gerne mitreissen. Andere Verbindungen scheinen völlig absurd. Trotzdem schafft er es, die Leserinnen via Kartoffelstock von Seon nach Sansibar zu locken. Die Neugier nach unbekannten Orten ist eine Konstante in Lüschers Leben. Vielleicht genetisch – sein «Grossätti» mütterlicherseits wanderte in die USA aus und eröffnete mit seinem Cousin an der New Yorker 5th Avenue die Swiss Seetalgarage. Markus Lüschers Eltern führten zusammen mit Onkel Sepp das Möbelhaus und die Autogarage in der Seoner Dorfmitte – seine Insel, wie Lüscher schreibt. Eine Insel, die er im Kapitel «Aufwachsen im Geschäft» erforscht, mit spannenden Betrieben und Bewohnern. Zum Beispiel dem Kunstmaler Rudolf Urech, der als Pionier Landschaften mit geometrischen Figuren darstellte.

Es fasziniert das Mittelland

Markus Lüscher erlangte 1974 seinen Abschluss an der ETH und machte sich selbstständig. Als Dozent für Architektur und Konstruktion kehrte er an die Hochschule zurück und merkte schnell, dass sich Exkursionen und Seminarwochen als hervorragende Gründe für Auslandsreisen eigneten. Doch sein Sensorium funktioniert auch daheim. Seiner Heimatstadt Lenzburg hat er ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Orte wie Lenzburg, wo ein Tal ins Mittelland mündet, gefallen ihm. Das Mittelland überhaupt fasziniert ihn. Wenn man von «Seen» nach Lenzburg reinkomme, werde man sich der Querbewegung des Mittellandes so richtig bewusst. «In der Schweiz sind wir so strukturiert», sagt er und meint geografische und menschliche Strukturen. «Diese Pyramide, wie in Ägypten» – er meint den Schlossberg – «und dann noch ein Schloss obendrauf, das ist doch verrückt!» Von seinem Küchenfenster hat er eine gute Sicht auf Schlossberg und Gofi: «Sieht es nicht aus, als ob ein Muni gegen den Schlossberg drücken würde?»

Lüschers Sprache ist prägnant und geistreich, ohne mit viel Anstrengung verziert worden zu sein. Sätze wie «nicht Rigikulm oder Arosa Kulm, sondern Ober-Unterkulm, die Kulmination aller Kulms im Flachmittelland» zeugen von seinem Humor. Der Architekt im Autor kommt, wie es schon der Titel andeutet, auch zum Zug. Lüscher ist interessiert an den Menschen, an ihren Behausungen und Bewegungen. Und möglicherweise ist dies das Angenehme an diesem biografischen Werk. Die Perspektive ist seine. Aber die Geschichten sind so vielfältig, dass man den Autor schnell aus den Augen verliert und er einen aus dem Gotthardtunnel zwischen die Wolkenkratzer von Hongkong entführt.

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