Denkmalschutz
Wohnen, shoppen, Verkehr: Welche Zukunft haben die 13 Aargauer Altstädte?

Wie können die Altstädte geschützt werden und gleichzeitig attraktiv bleiben? Eine Interessengemeinschaft hat dazu drei Studien erarbeitet. Welche Erkenntnisse überraschen – und welche nicht.

Mario Fuchs
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Zukunft der Aargauer Altstädte
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Typ 2: Historischer Wohn- und Einkaufsort Lenzburg, Zofingen und Rheinfelden (Bild) sind Städte «mittlerer regionaler Bedeutung». Detailhandel und Gastronomie bieten viel. Die Altstadt liegt sehr zentral, wichtige Alltagsrouten führen hindurch. Aufenthaltsqualität und Erlebnisdichte sind «gut».
Typ 3: Belebte Wohn-Altstadt Bremgarten (Bild), Brugg und Mellingen haben «mittlere regionale Bedeutung». Die Altstadt ist situativ belebt. Alltagsrouten führen teilweise hindurch. Es gibt Kultur, Gastronomie und Detailhandel. Aufenthaltsqualität und Erlebnisdichte sind «nach Gasse unterschiedlich».
Typ 4: Wohn-Altstadt Bad Zurzach, Kaiserstuhl und Laufenburg (Bild) liegen ausserhalb der Agglo und haben weniger Passanten. Sie sind «verträglich bis stark» vom Verkehr belastet. Die Altstadt ist situativ belebt. Der Detailhandel ist «wenig bis nicht präsent». Aufenthaltsqualität und Erlebnisdichte sind «in der Hauptgasse gut».
Typ 5: Altstadt- Wohnquartier Aarburg und Klingnau (Bild) sind laut Studie von «geringer regionaler Bedeutung». Die Altstadt ist charakterstark, aber ohne Zentralität eingebettet. Sie ist wenig belebt durch Lokale, dafür auch wenig belastet. Detailhändler gibt es nicht mehr viele. Die Aufenthaltsqualität ist «gut», die Erlebnisdichte jedoch «gering».

Zukunft der Aargauer Altstädte

AZ

Wir haben sie wahnsinnig gern und gleichzeitig könnten wir sie manchmal verwünschen: unsere Altstädte. Dass dem so ist, bestätigt jetzt auch die Interessengemeinschaft (IG) Aargauer Altstädte, der Zusammenschluss aller zwölf Aargauer Altstädte und des Fleckens Bad Zurzach. Heisst es doch im Bericht «Entwicklung und Beschreibung Altstadttypen»: «Eine Altstadt ist Segen und Fluch zugleich.»

Der Bericht ist eine von drei Früchten, welche die 2015 gegründete IG nach zweijähriger Arbeit ernten kann. Die je rund 40-seitigen Papiere, die vor wenigen Tagen auf der Website der IG publiziert wurden, sind eine kleine Sensation: Erstmals liegen alle Fakten zu den Aargauer Altstädten auf dem Tisch. Eine Typologie zeigt, welche Gemeinsamkeiten und Eigenheiten sie haben. Ein Prozessbeschrieb zeigt, wie sie genutzt werden und künftig genutzt werden könnten. Und ein «Best Practice» fasst Empfehlungen und Warnungen fürs Planen und Bauen in der Altstadt zusammen. Die Idee dahinter ist so alt wie eine Altstadt: Schützen kann man nur, was man gut kennt.

Ansporn statt Verpflichtung

Die az trifft an einem Frühlingsnachmittag in Baden die zwei Männer hinter den Papieren. Peter Andres, umtriebiger Unternehmer in Tourismus und Wirtschaft aus Bad Zurzach, amtet als Geschäftsführer der IG, und Peter C. Beyeler, Alt-Regierungsrat und Jazzmusiker aus Baden, als Vereinspräsident. Wichtig sind diese Details, weil es bei den Altstädten auch um diesen Mix geht: Die Lage ist ernst, das Thema soll entsprechend ernstgenommen werden – aber nicht zu ernst. Denn die Städte sollen die Berichte nicht als Verpflichtungen oder Reglemente wahrnehmen, sondern als Ansporn, etwas zu tun und kreativ zu sein.

Dass Studien oft Gefahr laufen, in Schubladen zu verschwinden, ist den beiden bewusst.

Experte Reto Nussbaumer

Das sagt der Kunst- und Architekturhistoriker über den Verkehr in Aaraus Altstädten: "Es besteht doch ein grosser Unterschied zwischen Handkarren von damals Lastwagen von heute."

Beyeler sagt: «Natürlich, es sind bis jetzt nur Papiere. Aber daraus kann man auf die einzelnen Städte abgestimmte Massnahmen ableiten.» Und Andres ergänzt: «Nichts ist als Vorwurf gemeint. Es ist doch so: Man weiss, wo es hapert. Aber man hat im Alltag zu wenig Zeit für langfristige Überlegungen.» Die Studien fassten nun alles Grundlegende zusammen, sodass man schneller anfangen könne. Ein Starter-Kit für Altstadt-Erneuerer, quasi.

Sich zur Altstadt bekennen

Der Blick in die Studien zeigt: Die Autoren, zwei Zürcher Raumplanungsbüros (Typologie sowie Prozessbeschrieb) und der Aarauer Alt-Stadtbaumeister Felix Fuchs (Best Practice) scheuen nicht vor deutlichen Aussagen zurück. Kernstück ist die Typologie, die die Altstädte in fünf Kategorien einteilt (siehe Galerie rechts). In diesem Papier stehen die zwei wichtigsten Erkenntnisse. Es sind gleichzeitig die nächstliegenden, um nicht zu sagen simpelsten Erkenntnisse – aber noch nie wurden sie von offizieller Seite so klar formuliert. Zentrale Empfehlung A1: «Zur Altstadt bekennen». Als Stadt eine Altstadt zu haben, sei «eine Tatsache ohne Alternative». Gemeinde, Kanton und Gründeigentümer könnten «mit dem uneingeschränkten Bekenntnis zur Altstadt eine (...) starke und vielversprechende Gemeinschaft/Voraussetzung bilden.» Nutzen und Schützen müssten unter demselben Dach betrachtet werden. Zentrale Empfehlung A2: «Aktiv steuern». Eine Altstadt sei «Segen und Fluch zugleich», eine grosse Chance, damit gut umgehen zu können, liege darin, als Verwaltung aktiv einzuwirken. Sie müsse personelle, finanzielle, logistische und methodische Ressourcen zur Verfügung stellen.

Fünf Pilot-Städte als Vorreiter

Daraus abgeleitet werden 25 Empfehlungen. Etwa: Behörden sollten nicht nur verwalten, sondern «aktiv Grundeigentum erwerben und entwickeln». Als Bekenntnis zur Altstadt sollten sie selber in der Altstadt logieren: Allenfalls sei das Ziel «keine Leerstände» höher zu gewichten als eine effiziente zentralisierte Verwaltung. Weil Bauen in der Altstadt immer Auswirkungen auf ein ganzes Häuser-Ensemble hat, wird die Einführung eines sogenannten Zielgesprächs empfohlen: Eigentümer, Stadt, Gewerbe, Nachbarn und Denkmalschutz sollen zum Start einer Bewilligung oder Planung zusammensitzen und «sich gegenseitig kompetent und verbindlich» informieren.

Beyeler und Andres betonen, nicht jede Massnahme sei für jede Altstadt sinnvoll. Man müsse individuell schauen, was man aus dem Werkzeugkasten verwenden könne. Fünf Pilot-Städte sollen nun mithilfe des «Starter-Kits» ihre Bau- und Nutzungsordnung überarbeiten oder erarbeiten. Andres: «Wenn es Vorreiter gibt, wird es auch Nachreiter geben.» Damit es bald mehr Segen als Fluch gibt.

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