Fachkräftemangel
«Wir erleben einen Vorgeschmack auf den Sturm»

Noch ist das Problem nicht akut, aber das Rekrutierungs-Reservoir EU droht zu versiegen. Der Kanton will einen Dialog zum Thema Fachkräftemangel anstossen. Los gehts mit der Veranstaltung «Fachkräftemangel – was tun?» an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Peter Brühwiler
Drucken
«In Süddeutschland können sie niemanden mehr rekrutieren.»

«In Süddeutschland können sie niemanden mehr rekrutieren.»

Hans Ulrich Muelchi

Der Kanton Aargau will mit den Arbeitgebern einen Dialog zum Thema Fachkräftemangel anstossen. Den Auftakt machte gestern an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch die Veranstaltung «Fachkräftemangel – was tun?». «Wir engagieren uns, weil das Vorhandensein von genügend Fachkräften für Aargauer Unternehmen und den Kanton insgesamt der Lebenssaft für Innovation und Wachstum ist», erklärte Marietta Frey von der kantonalen Standortförderung Aargau Services.

Aber ist dieser «Lebenssaft» überhaupt knapp? Fast die Hälfte der Unternehmen findet in einer aktuellen Umfrage der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK), die Verfügbarkeit von Fachkräften sei sehr gut oder gut. 41 Prozent schätzen die Lage als immerhin noch befriedigend ein.
Und in den letzten drei Jahren hat der Anteil jener, die die Lage als gut bis sehr gut beurteilen, sogar zugenommen. Auf der anderen Seite kreuzten jedoch 12 Prozent der Unternehmen die Antwort «schlecht» oder «sehr schlecht» an. Und auch im Nachwuchsbereich ist die Lage nicht optimal: «Über 1000 Lehrstellen sind vier Monate vor Lehrbeginn noch nicht besetzt», so AIHK-Geschäftsleiter Peter Lüscher. Die Zahl der unbesetzten Lehrstellen habe zugenommen. Vor allem in technischen Berufen hätten die Betriebe Mühe, Leute zu finden.

Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann fokussierte in seinem Referat denn auch auf diesen Bereich. «Der Mangel an Fachkräften vor allem in vielen technisch-industriellen Berufen, aber auch im Gesundheitsbereich ist eine Tatsache, der wir uns stellen müssen», warnte er. Denn die Babyboom-Generation, der auch Hofmann angehört, geht langsam, aber sicher in Pension. Einen Hebel hat der Kanton unter anderem im Ausbildungsbereich.
Das Ziel: Mehr Interesse für die MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik wecken. Als Beispiele nannte Hofmann das Schülerlabor iLab am Paul-Scherrer-Institut und das mobile Lernlabor MobiLab für die Primarschul-Stufe. Erste Erfolge seien bereits sichtbar, so der Regierungsrat. So ist der Anteil der Mittelschüler, die ein MINT-Fach wählen, in den letzten Jahren um über zehn Prozentpunkte angestiegen.

Das Ende der Zuwanderung?

Seit 2002 und dem Beginn der Personenfreizügigkeit ist die hiesige Wirtschaft bekanntlich sehr gut mit Spezialisten aus dem EU-Raum versorgt worden. Dieses Reservoir droht jedoch – unabhängig von der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative – zu versiegen. «Auch in Süddeutschland herrscht Fachkräftemangel», konstatierte Hofmann. «Die dortigen Unternehmen setzen alles daran, ihre Landsleute zurückzuholen.»

Josef Maushart, als Geschäftsführer des solothurnischen Werkzeugherstellers Fraisa SA ein Mann der Praxis, bestätigte diesen Befund. «In Bayern oder Baden Württemberg finden sie niemanden mehr, den sie rekrutieren können», sagte er. Das dortige «extreme Fachkräfte-Problem» zeige sich bei uns aufgrund der Zuwanderung zeitlich lediglich etwas verschoben. «Das, was wir heute erleben», ist er überzeugt, «das ist ein Lüftchen, ein ganz kleiner Vorgeschmack auf den Sturm, der uns definitiv bevorsteht.»

Sein Fazit: «Wir werden die Menschen, mit denen wir arbeiten möchten, selber ausbilden müssen.» Und die Menschen, mit denen Maushart arbeiten möchte, benötigen wegen der Automatisierung eben zunehmend höhere Qualifikationen. Beschäftigte die Firma vor kurzem noch 30 Prozent Ungelernte, 50 Prozent Gelernte und 20 Prozent mit einer Hochschulausbildung, erwartet Maushart diesen «Qualifikationsmix» in fünf Jahren bei 5, 60 und 35 Prozent.