Landwirtschaft

Weisse Spargel, schwarze Arbeit: Nicht alle Aargauer Bauern melden ihre Helfer an

Wie verbreitet sind nicht-angemeldete Helfer in der Landwirtschaft? Stark, sagen die einen. Kaum, die anderen.

Manuel Bühlmann
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Die Erntesaison hat begonnen – wie hier bei den Spargeln –, und damit steigt auch der Bedarf an Arbeitskräften. Viele von ihnen kommen aus dem Ausland. Symbolbild/Keystone

Die Erntesaison hat begonnen – wie hier bei den Spargeln –, und damit steigt auch der Bedarf an Arbeitskräften. Viele von ihnen kommen aus dem Ausland. Symbolbild/Keystone

KEYSTONE

Frühling ist Erntezeit. Das bedeutet: kulinarischen Genuss für die Konsumenten, strenge Zeiten für Bauern und Helfer. Ohne die Unterstützung ausländischer Arbeiter, die auf Feldern und in Ställen mithelfen, liessen sich die arbeitsreichen Monate vielerorts nicht bewältigen. Die Regeln sind klar, viele halten sich daran – doch nicht alle melden die Männer und Frauen wie vorgeschrieben bei Gemeinden an, zahlen die Beiträge für AHV und Krankenkasse. Das sorgt für Ärger.

Eine Bauernfamilie aus dem Suhrental schildert in einem Leserbrief, wie sie die Situation erlebt. Aus einem Frust über die «bedenkliche, traurige Entwicklung» heraus, wie sie schreibt. Ihnen seien mehrere Beispiele von Betrieben bekannt, die Arbeiter schwarz beschäftigten. Von den osteuropäischen Frauen und Männern, die bei der Familie auf dem Hof mithelfen, würden sie zudem immer wieder von Bekannten erfahren, die schwarzarbeiten und dafür mehr Geld erhalten würden. «Ein hochbrisantes Thema, niemand will sich daran die Finger verbrennen», sagt die Bäuerin.

Das bekam die Familie rasch zu spüren, kaum war der Leserbrief erschienen, läutete das Telefon – die Kritik war scharf. Ihre Botschaft wollte die Familie ursprünglich mit Namen öffentlich machen, inzwischen will sie sich nur noch anonym äussern. «Uns geht es nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Wir möchten aufrütteln und gleiche Bedingungen für alle.» Ihre Forderung: Kontrollen in kleinen wie grossen Betrieben gleichermassen, um die schwarzen Schafe ausfindig zu machen.

SP-Grossrat Jürg Caflisch sagt: «Es gibt eindeutig zu wenig Kontrollen.» Dabei sei Schwarzarbeit nicht nur in der Baubranche, sondern auch in der Landwirtschaft verbreitet. Caflisch: «Wir müssen hinschauen und das Problem ernst nehmen, sonst wird es sich verschärfen.»

Statistiken fehlen

Auf Anfrage teilt das kantonale Amt für Migration und Integration mit, letztes Jahr seien im Bereich Landwirtschaft sieben Schwarzarbeitskontrollen durchgeführt worden. Sanktionen wurden keine ausgesprochen. Dies war letztmals 2012 bei zwei Aargauer Landwirtschaftsbetrieben der Fall, damals fanden 15 Kontrollen statt. Zum Vergleich: Insgesamt wurden 2015 im Kanton knapp 570 Schwarzarbeitskontrollen durchgeführt – viele davon aufgrund von Verdachtsmeldungen.

Verglichen mit anderen Branchen gingen aus der Landwirtschaft weniger Hinweise ein, heisst es beim Kanton. Auf die Frage nach der Dunkelziffer und dem finanziellen Verlust, der dadurch entsteht, lautet die Antwort: «Es liegen keine Erkenntnisse vor, die Schätzungen zulassen würden.»

Aussagekräftige Statistiken zur Schwarzarbeit in der Landwirtschaft gibt es schweizweit keine. Das bestätigt Simon Affolter, Sozialanthropologe an der Uni Bern. Forschungsschwerpunkt: die Arbeitsbedingungen für Migranten in der Landwirtschaft. Die Branche stehe stark unter Druck, brauche flexible und günstige Arbeiter – und sei entsprechend anfällig für Schwarzarbeit.

Besonders kleinere Produzenten befänden sich aufgrund der tiefen Preise in einer prekären Situation. «Grosse Betriebe können sich nicht leisten, Arbeiter schwarz zu beschäftigen. Auch weil dort der Fokus der Kontrollen liegt», sagt Affolter. Wie häufig kontrolliert wird, ist von Kanton zu Kanton sehr verschieden – etwa in Bern im letzten Jahr über 100 Mal. Dazu kommen die Unterschiede zwischen den Branchen: «In der Landwirtschaft gibt es keine grössere Gewerkschaft, die sich für den Sektor zuständig fühlt und mehr Kontrollen einfordert.»

Dennoch sagt Affolter, die Tendenz bei der Schwarzarbeit sei abnehmend. Durch die Erweiterung der Personenfreizügigkeit ist die Suche nach Arbeitern einfacher geworden. Und ab Juni dürfte dies noch leichter fallen, dann wird auch Bulgaren und Rumänen die volle Personenfreizügigkeit gewährt. «Die bisherigen arbeitsmarktrechtlichen Beschränkungen fallen damit weg», heisst es beim Kanton. Hinweise auf Handlungsbedarf gebe es im Aargau derzeit allerdings nicht.

Ähnlich tönt es auch beim Schweizer Bauernverband: «Wir erachten die Schwarzarbeit zurzeit nicht als Problem und stellen keine Zunahme fest», sagt Monika Schatzmann, Leiterin Geschäftsbereich Agrimpuls. Der Bauernverband biete Informationen, Kurse und Versicherungslösungen an, damit Fälle von Schwarzarbeit nach Möglichkeit verhindert werden können. «Das heisst aber nicht, dass diese nicht vereinzelt vorkommen. Schwarze Schafe gibt es in allen Branchen.»

Geldstrafen drohen

Ralf Bucher, Geschäftsführer des Aargauer Bauernverbands, will ebenfalls nicht von einem grossen Problem sprechen. «Wer Mitarbeiter schwarz beschäftigt, geht ein grosses Risiko ein. Das kann sich kein Betrieb erlauben.» Es droht in erster Linie eine strafrechtliche Verurteilung zu Geldstrafen oder Bussen wegen illegaler Beschäftigung von ausländischen Personen. Dazu kommen die Kosten der Kontrollen.

Bucher sagt, wer trotzdem gegen das Schwarzarbeitsgesetz verstösst, tue dies wohl nicht mutwillig. «Wahrscheinlich ist nicht allen klar, dass sie jeden Helfer anmelden müssen, auch wenn dieser nur für wenige Tage aushilft.» Bucher spricht von hohen administrativen Hürden. «Manchmal ist es einfacher, das Geld für kurze Hilfseinsätze in die Hand zu drücken – das ist bei einer Putzfrau gleich.»

Die Suhrentaler Bäuerin hält den Aufwand für vertretbar. Sie hofft, dass sich künftig noch mehr Betriebe die Zeit dafür nehmen werden. Schliesslich betreffe dies auch die Zukunft der AHV, der diese Gelder entgehen – selbst tiefe Beträge summieren sich oder, wie sie sagt: «Auch Kleinvieh macht Mist.»