Prozess in Lenzburg

Von Freundin abgestochen: «Dass er das überlebt hat, war schlicht Glück»

Eine Frau sticht mehrmals auf ihren schlafenden Partner ein. Vor Gericht kann sie sich an nichts erinnern. Das war für den Richter nur schwer zu glauben.

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27 Messerstiche: Ehefrau droht lange Haftstrafe

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Tele M1

Der Angriff war so heftig wie unerwartet. 13 Mal stach die Beschuldigte mit dem Messer auf ihren Lebenspartner ein, verletzte ihn an Kopf, Hals, Oberkörper. Nur dem Zufall sei es zu verdanken, dass ihr Opfer nicht ums Leben kam, sagte der Staatsanwalt vor dem Lenzburger Bezirksgericht.

Dort traf sich das ehemalige Paar am Donnerstag wieder. Sie lebten während rund zwanzig Jahren in einer Beziehung, sind seit dem Vorfall getrennt. «Wir haben nach wie vor einen guten Kontakt zueinander», sagte ihr Ex-Partner. Auf die Frage, ob er der Beschuldigten verziehen habe, antwortete er ohne zu zögern mit Ja. Verstehen könne er die Tat auch drei Jahre danach nicht. Sie habe sich mehrmals bei ihm entschuldigt für das, was in jener Märznacht 2013 passierte.

Der Ablauf ist in groben Zügen – der Richter sprach von vielen offenen Fragen – bekannt: Weil die Beschuldigte nicht schlafen konnte, ging sie in die Küche, nahm Schlaftabletten ein. Mit zwei scharfen Messer ging sie nach oben. Damit attackierte sie ihren schlafenden Partner. Als dieser erwachte, versuchte er, den Angriff zu stoppen, schleppte sich blutend ins Badezimmer, wo er ohnmächtig wurde. Kurz darauf griff sie ihn erneut an. Danach verletzte sie sich mit dem Messer selbst und alarmierte die Polizei.

«Wie aus heiterem Himmel»

Im Dunkeln blieb das Motiv der Angriffe. Opfer wie Täter konnten am Prozess keine Erklärung liefern, wie es dazu kommen konnte. Die Beziehung sei gut gewesen mit normalen «Hochs und Tiefs», bestätigten beide. Anzeichen für einen bevorstehenden Gewaltausbruch habe es keine gegeben, sagte der Ex-Partner. «Ich hätte nie damit gerechnet.» Während dem Angriff habe er bei ihr einen völlig anderen Blick als sonst bemerkt – «ganz starr».

Die Beschuldigte, die in einem eleganten dunkelblauen Anzug zum Prozess erschien, sprach von einem «Ausnahmezustand». Der Vorfall, an den sie sich nicht mehr erinnern könne, sei für sie wie aus heiterem Himmel gekommen, sagte sie mit brüchiger Stimme. Immer wieder kämpfte sie mit den Tränen. «Ich weiss nicht, warum ich ihm etwas hätte antun sollen.»
Auch der Staatsanwalt konnte kein klares Motiv feststellen: Er gehe von einem Gemisch aus Verzweiflung, Wut, Hass, Rache aus. In der Beziehung habe es schon länger Probleme gegeben. Sie habe sich daran gestört, dass er keinen Antrieb habe, nichts unternehmen wolle.

Medikamente zum Schlafen

Nach einem Beinbruch litt sie unter Schmerzen, konnte nachts nur mithilfe von Medikamenten schlafen. Zum Zeitpunkt der Tat stand die Beschuldigte unter dem Einfluss von Schmerz- und Schlafmitteln. Ungeklärt blieb vor Gericht, wieso in ihrem Körper Spuren von Toluol gefunden wurde. Ein Stoff, der etwa in Nitroverdünner oder Nagellack vorkommt.

Ihr Verteidiger sagte, in dieser hohen Konzentration seien Rauschzustände möglich. Seine Mandantin habe zudem unter massiven depressiven Verstimmungen gelitten und sich in einer «Extremsituation persönlicher und medizinischer Art» befunden. «Sie hatte zu keinem Moment eine Tötungsabsicht.» Er plädierte daher auf einen Freispruch, begleitet von einer Psychotherapie.

Vorsätzliche Tötung?

Der Staatsanwalt hingegen forderte einen Schuldspruch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, fünf Jahre Freiheitsstrafe sowie eine ambulante, deliktorientierte forensische Psychotherapie. Die Beschuldigte sei äusserst brachial vorgegangen. «Dass er überlebt hat, war schlicht und einfach Glück.»

Das Bezirksgericht verurteilte die heute 63-jährige Frau wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe bedingt. Gerichtspräsident Daniel Aeschbach attestierte der Beschuldigten, die seit dem Messerangriff in psychiatrischer Behandlung ist, auf dem richtigen Weg zu sein. «Das Gefängnis würde sie vollends aus der Bahn werfen», begründete er die bedingt ausgesprochene Freiheitsstrafe.