Vierfachmord Rupperswil

Trainer und Mörder: Verein beantwortet Fragen der Eltern zu Thomas N.

Der FC Sarmenstorf und der SC Seengen, bei denen Thomas N. aktiv war, informierten am Montag gemeinsam mit den Behörden die Junioren und deren Eltern. Das Bedürfnis nach Austausch war gross. Rund 160 Personen folgten dem Aufruf.

Antonio Fumagalli und Fabian Hägler
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Informationsanlass von FC Sarmenstorf und SC Seengen
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Das Gespräch im Pfarreizentrum fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Roland Wenger beschreibt die Stimmung als «sehr bedrückt».
Rund 160 Elternteile und Junioren nahmen an dem Gespräch teil.

Informationsanlass von FC Sarmenstorf und SC Seengen

Dominic Kobelt

Hat sich Thomas N., bevor er sich am 21. Dezember letzten Jahres an einem 13-Jährigen verging und vier Personen ermordete, schon anderen Minderjährigen in sexueller Absicht genähert? Ist womöglich das eigene Kind betroffen? Diese – unerträglichen – Fragen stellten sich in den vergangenen Tagen insbesondere die Eltern der Junioren der Seetal Selection, eines Verbunds der Fussballmannschaften des SC Seengen und des FC Sarmenstorf. N. amtete dort als administrativer Leiter, sprang aber auch als Trainer ein, wenn Not am Mann war – zuletzt am Tag vor seiner Verhaftung.

Am Pfingstmontag gab die Aargauer Oberstaatsanwaltschaft via Communiqué zumindest vorübergehend Entwarnung: Es gebe keine Hinweise auf weitere sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche, man werde aber weitere Ermittlungen im Umfeld des Täters durchführen, also auch in den betroffenen Vereinen.

«Sehr bedrückte Stimmung»

Die neusten Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft waren Teil der Informationen, welche Angehörige der Jungfussballer am Montagnachmittag zu hören bekamen. Rund 160 Personen, darunter zahlreiche Junioren, fanden sich im Pfarreizentrum von Sarmenstorf ein. Neben dem Vorstand beider Klubs ergriffen auch ein Vertreter der Kantonspolizei sowie des Schweizerischen Fussballverbandes das Wort. In erster Linie diente der Anlass aber dem Austausch zwischen den Eltern. «Es gab ein riesiges Bedürfnis, die Ereignisse gemeinsam zu verarbeiten», sagt Roland Wenger, Mediensprecher des FC Sarmenstorf. Ein fünfköpfiges Care Team beantwortete im Anschluss persönliche Fragen.

Die Veranstaltung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Medienschaffende waren im Saal nicht zugelassen. Gemäss Wenger sei die Stimmung «sehr bedrückt» gewesen, die Anwesenden hätten teilweise Tränen in den Augen gehabt. Man hätte «eine Stecknadel fallen hören können», so ruhig sei es im Saal gewesen.

Grund für die Anspannung: Praktisch alle Anwesenden kannten Thomas N. persönlich. Eine Frau, deren jüngerer Sohn zeitweise vom 33-jährigen geständigen Mörder trainiert wurde, verliess die Veranstaltung sichtlich gezeichnet und sagte im Vorbeigehen: «Es ist grausam, man kann sich gar nicht vorstellen, was man da als Mutter für Gedanken hat.»
Vereinssprecher Wenger begegnete dem geständigen Mörder zum letzten Mal beim Spiel von Mittwoch. Kurz vor oder kurz nach der Tat – genau kann er sich nicht erinnern – habe er ihn am Bahnhof Aarau angetroffen und sich mit ihm einige Minuten über den Verein unterhalten. Das komme nun alles wieder hoch.

Wenger bestätigt das Bild, das die Medien in den letzten Tagen von N. gezeichnet haben: Er sei zwar ein Einzelgänger gewesen und man habe praktisch nichts von seinem Privatleben gewusst, niemand habe aber auch nur geringste Anzeichen gehabt, dass er zu so einer Tat fähig sein könnte. Im Vereinsalltag und auch in Trainingslagern habe er sich stets «völlig normal» verhalten. «Das macht es so verrückt», so Wenger, «man fragt sich plötzlich, wem man im Leben überhaupt noch trauen kann.» Der Schock sei entsprechend gross und die Verarbeitung noch nicht abgeschlossen. Man wolle aber so schnell als möglich zum Alltag zurückkehren und wenn möglich keine Spiele oder Trainings absagen.

Wird N. verwahrt?

Zur Klärung der Rückfallgefahr sowie der Schuldfähigkeit wird die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau in den nächsten Tagen ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag geben. Angesichts der Brutalität der Tat wird über einen Antrag auf lebenslängliche Verwahrung spekuliert, dafür wären zwei Gutachten nötig. Sprecherin Fiona Strebel sagt auf Anfrage: «Das Gesetz sieht nicht vor, dass zwei Gutachten gleichzeitig in Auftrag gegeben werden.» Erst wenn in einem späteren Zeitpunkt alle Verfahrensakten vorhanden seien, könne ein zweites Gutachten in Auftrag gegeben werden, das über diese Frage Auskunft geben kann.»

Der Vierfachmord von Rupperswil
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Der Mörder ist gefasst: Polizeihauptmann und Kripochef Markus Gisin und die Leitende Staatsanwältin Barbara Loppacher informieren am die Medien am Freitag, 13. Mai 2016, über den Mordfall Rupperswil.
Im Haus des Täters fanden Ermittler Kabelbinder und ...
... Seile. Sie weisen darauf hin, dass N. eine weitere Tat plante.
Auch eine Waffe fanden die Ermittler bei Thomas N. – mit dieser soll er seine Opfer in Schach gehalten haben, bevor sie gefesselt waren.
Der Rucksack von Thomas N. – darin befanden sich die Kabelbinder, aber auch Klebeband und Seile.
Carla Schauer während ihres Barbezugs am Schalter in der AKB-Filiale in Wildegg. Hier hob sie Geld ab, ebenso an einem Bancomaten in Rupperswil. Das Geld raubte der Täter.
In diesem Haus an der Lenzhardstrasse in Rupperswil fand das grausame Verbrechen statt.
Amtliches Siegel: Auch Monate nach der Tat ist das Mordhaus nur für die Beamten zugänglich.
Die Behörden setzten eine Sonderkommission zur Aufklärung ein.
Staatsanwaltschaft und Kantonspolizei setzten im Februar 100'000 Franken Belohnung aus – die höchste in der Schweiz bisher.
Dazu wurden Flugblätter in sieben Sprachen verteilt, auch im grenznahen Deutschland.

Der Vierfachmord von Rupperswil

ZVG