Tötungsdelikt Hausen
Doch keine Notwehr? Die Rechtsmedizinerin schürt Zweifel an der Version des Beschuldigten

Am zweiten Prozesstag wegen des Tötungsdelikts in Hausen sagte die Rechtsmedizinerin, gewissen Wunden würden nicht zu den Geschehnissen passen, wie sie der Beschuldigte geschildert hatte. Auch der Beschuldigte selbst wurde befragt. Er verstrickte sich immer wieder in Widersprüche.

Raphael Karpf
Drucken
Teilen
Das Quartier, in dem die Leichen 2018 gefunden wurden.

Das Quartier, in dem die Leichen 2018 gefunden wurden.

Michael Hunziker

Am 8. Januar 2018 tötete ein Kosovare in Hausen seine Frau und deren Schwester. Diese Woche wird ihm vor dem Bezirksgericht Brugg der Prozess gemacht. Das Gericht muss klären, ob der Mann die Frauen kaltblütig ermordet oder ob er in Notwehr gehandelt hatte.

Der Mann tötete am 8. Januar 2018 in Hausen seine Frau und Schwägerin. Vom 7-10 Juni 2021 wird ihm der Prozess gemacht. Die Verhandlung findet in der Turnhalle in Hausen statt.
14 Bilder
Tötungsdelikt in Hausen
Das Mehrfamilienhaus befindet sich an der Stückstrasse 15 in Hausen
In diesem Mehrfamilienhaus wurden die zwei Leichen aufgefunden.
Ein Polizeifahrzeug vor dem Mehrfamilienhaus vor.
Neben der Polizei...
...ist auch die Spurensicherung vor Ort.
Die Polizei geht wenige Stunden nach dem Fund der Leichen von einem Beziehungsdelikt aus.
Die beiden Toten waren Familienmitglieder des Tatverdächtigen...
...die genauen Identitäten sind allerdings noch nicht geklärt.
Die Polizei wurde von einer Drittperson alarmiert.
Journalisten und Anwohner warten vor dem Mehrfamilienhaus, dem wahrscheinlichen Tathaus.

Der Mann tötete am 8. Januar 2018 in Hausen seine Frau und Schwägerin. Vom 7-10 Juni 2021 wird ihm der Prozess gemacht. Die Verhandlung findet in der Turnhalle in Hausen statt.

Tele M1

Am Dienstagmorgen wurde zuerst die Rechtsmedizinerin befragt. Gerichtspräsident Sandro Rossi wollte wissen, ob man aufgrund der Stiche in der Brust der Frauen sagen könne, ob sie im Liegen oder im Stehen getötet worden waren. Die Staatsanwaltschaft behauptet, der Beschuldigte habe die Frauen im Bett liegend ermordet. Der Beschuldigte gibt an, er sei angegriffen worden und habe sich stehend und sitzend gewehrt, so seien die beiden Frauen gestorben.

Diese Frage konnte die Rechtsmedizinerin nicht abschliessend klären. Aber etwas anderes hatte sie zu sagen: Es sei ungewöhnlich, dass eine Frau, die angeblich in einem Kampf erstochen worden sein soll, keinerlei Abwehrverletzungen aufzuweisen hatte, keine Schnitte oder Ähnliches an den Armen zum Beispiel.

Und noch etwas anderes fand die Rechtsmedizinerin bemerkenswert. Auch der Beschuldigte hatte Stichwunden davongetragen. Laut Staatsanwaltschaft habe er sich diese selbst zugefügt, um den Anschein einer Notsituation zu erwecken. Diese Wunden waren oberflächlich und regelmässig über die Brust verteilt.

Grundsätzlich sei es zwar schon möglich, dass jemand anderes ihm diese beigebracht habe, sagte die Rechtsmedizinerin. Die Wunden würden aber nicht zum geschilderten Kampf passen: «Man muss sich vorstellen: Das wäre ein Kampf auf Leben und Tod gewesen. Dort würden wir keine gleichförmigen, nicht besonders tiefen Wunden erwarten.»

Er wollte «Beweise» gegen seine Frau sammeln

Anschliessend wurde der Beschuldigte selbst befragt. Er sprach ruhig und mit sehr rauer Stimme. Zuerst antwortete er einsilbig, redete im Verlaufe des Tages aber immer ausführlicher. Bis er anfing, Metaphern zu machen und ausufernde Geschichten zu erzählen. Mehr als einmal redete er komplett an den Fragen des Gerichts vorbei und musste von Gerichtspräsident Rossi unterbrochen und aufgefordert werden, nur die konkreten Fragen zu beantworten.

Er hatte in den Wochen vor der Tat seine Frau überwacht, weil sie ihn betrogen hatte. Wieso, wollte der Richter wissen. Weil er Beweise habe sammeln wollen, um sich von ihr scheiden zu lassen, antwortete der Beschuldigte. So sei das in Albanien, er wäre erschossen worden, hätte er sich einfach so ohne triftigen Grund getrennt.

Schliesslich schilderte er seine Version des 8. Januars 2018: Er sei im Bett gelegen, seine Frau und deren Schwester hätten mit Messern das Zimmer betreten und ihn angegriffen. Er habe sich gewehrt und im Kampf seien die Frauen gestorben. Es gibt aber mehrere Hinweise, die diese Version unwahrscheinlich erscheinen lassen: die Verletzungen der Frauen, Blutspuren im Zimmer und nicht zuletzt die Widersprüche in den Aussagen des Beschuldigten.

Während seiner Befragung rief eine Zuschauerin auf Englisch durch den Gerichtssaal: «Du bist ein Monster.» Und wenige Minuten später erneut: «Du bist ein Monster.»

Der Beschuldigte blieb bei seiner Geschichte. Nie hätte er der Mutter seiner Kinder absichtlich ein Leid angetan, sagte er. Die Verhandlung geht am Mittwoch weiter. Das Urteil soll am Donnerstag ergehen.

Den zweiten Prozesstag im Ticker zum Nachlesen finden Sie hier.

Aktuelle Nachrichten