Grosses Interview

Susanne Hochuli über Corona, Gallati und ihr Landleben: «Die Angst vor dem Virus schweisst die Menschen zusammen»

Susanne Hochuli hat sich auf ihrem Hof ihr kleines Bioparadies geschaffen. Doch der Lockdown trifft auch die ehemalige Regierungsrätin direkt. Wie sie mit ihrem Start-up jetzt improvisiert, warum sie der Corona-Notstand an die Asyl-Krise erinnert und was sie als Präsidentin der Patientenorganisation zum Thema Sterben rät.

Rolf Cavalli
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Susanne Hochuli: "Auf dem Land fällt einem der Umgang mit den Corona-Massnahmen etwas leichter."
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Susanne Hochuli und ihr Start-up "Weltweit essen": Nach dem Lockdown kann es richtig losgehen.
Susanne Hochuli übernahm den Hof der Eltern vor fast dreissig Jahren.
Im Vordergrund der Neubau mit der grossen Küche für Gäste. Hinten der ältere Teil von Hochulis Bauernhofs.
Susanne Hochuli mit Geschäftspartnerin Esther Flückiger. Auf der gemeinsamen Wanderung hatten sie die Idee für ihr Start-up.
Lagebesprechung: Esther Flückiger (v.l.), Susanne Hochuli und Köchin Jamila Adib planen das marokkanische Nachtessen.
Susanne Hochuli in ihrem Garten in Reitnau.
Auch Pferde gehören zu Susanne Hochulis Leidenschaft und sind nicht von ihrem Hof wegzudenken.
In diesem riesigen Garten entsteht eine Permakultur.
Noch wird gebaut in Hochulis Garten.
Wunderbarer Weitblick durchs Suhrental.
Mit Liebe zum Detail: Ein Strandkorb mitten in der Gartenanlage.
Dieser Weiher dient als Tränke für die Honigbienen. Hochulis Partner, Marcel Senn, betreut als Imker neun Bienenvölker.
Im persönlichen Kräutergarten konnte sich Hochuli schon in der Zeit als Regierungsrätin auf andere Gedanken bringen.
Alle Kräuterarten feinsäuberlich beschriftet.
Die neu eingerichtete Küche: Das meiste kommt aus dem Brockenhaus.
Susanne Hochuli in der neu gebauten Küche ihres Start-ups.
25 Hühner sorgen täglich für frische Eier.
Landleben pur: Ausblick von Susanne Hochulis Hof.

Susanne Hochuli: "Auf dem Land fällt einem der Umgang mit den Corona-Massnahmen etwas leichter."

Severin Bigler

Als wir bei ihrem Bauernhof in Reitnau eintreffen, kommt uns auch schon Susanne Hochuli auf dem Feldweg entgegen, mit zwei Rechen geschultert. Bevor wir in der neu gebauten Grossküche das Interview beginnen, führt uns die ehemalige Regierungsrätin durch die Gärten ihres Hofes, den sie vor fast dreissig Jahren von ihren Eltern übernommen hatte und nun in ein kleines Bioparadies verwandelt.

Mit Freude und etwas Stolz zeigt sie uns ihre Kräutergärten, Gemüsebeete, den Hühnerhof, den Aushub eines Weihers, wo es dereinst wuchern und grünen soll. Wir sehen schon: Susanne Hochuli arbeitet hier an einer Art Garten Eden. Er wird nie fertig sein, das weiss auch sie und lächelt dabei.

Haben Sie auf hier auf Ihrem Hof das Glück gefunden?

Susanne Hochuli: Nach meinem Rücktritt als Regierungsrätin wusste ich zuerst ja überhaupt nicht, wonach ich suche. Ich wollte wieder mehr draussen arbeiten, das war klar. Auf meiner Wanderung an die Ostsee entwickelte sich dann die Idee, Küche und Garten zu einem Angebot für Anlässe zu kombinieren. Zusammen mit meiner Geschäftspartnerin Esther Flückiger (sie sitzt beim Interview ebenfalls am Tisch).

Ende März wollten Sie eröffnen, jetzt macht Ihnen Corona einen Strich durch die Rechnung. Wie stark trifft es Sie?

Die ersten Anlässe sind natürlich abgesagt. Mai und Juni wären wir auch ausgebucht. Mal schauen, wie es weitergeht. Einfach gegroundet sein und nichts tun wollen wir aber nicht. Wir planen einen Take-away-Anlass mit marokkanischem Nachtessen, das unsere Köchin Jamila Adib zubereitet. Die Herausforderung ist, alles nachhaltig zu machen, auch die Verpackung.

Haben Sie auch einen Notkredit beantragt?

Nein, wir wollen keinen Notkredit, das stemmen wir selber. Ein Notkredit wäre unfair, denn wir gehen nicht Konkurs wegen Corona. Wir selber haben im Projekt quasi als Freiwillige gearbeitet. Aber Ziel ist schon, so viel Gewinn zu erwirtschaften, dass wir uns einen Lohn auszahlen und unsere Ausgaben amortisieren können.

Sie arbeiten mit Flüchtlingen. Wie funktioniert das im Lockdown?

Im Moment ist neben unserer Köchin Jamila nur ein junger Afghane aus dem Nachbardorf stundenweise bei uns. Sonst haben wir alles heruntergefahren. Sobald es eine Lockerung gibt, werden wir wieder mehr Leute einsetzen können.

Wie gehen Sie persönlich mit Corona und den Massnahmen um?

Hier auf dem Land fällt das etwas leichter. Wir haben den Garten, man kann nach draussen, sich auch leichter aus dem Weg gehen.

Sie wohnen mit Ihrer Mutter im gleichen Haus. Wie geht das?

Wir umarmen uns nicht, aber ganz einhalten können wir die Zwei-Meter-Regel nicht immer, man muss sich ja manchmal helfen. Aber wir sind schon vorsichtig. Meine Tochter etwa, die in Aarau wohnt und in den letzten Tagen hustete, geht nicht ins Haus, wenn sie bei uns auf dem Hof ist.

Ist es schwierig, die Coronamas­snahmen den Flüchtlingen zu erklären, sei es wegen kultureller Unterschiede oder der Sprache?

Nein, sie sind gut informiert. Die eritreische Gemeinschaft beziehungsweise ihre orthodoxe Kirche hat schneller reagiert als die Landeskirchen und sehr früh die Gottesdienste abgesagt. Vor allem die eritreische Familie bei uns ist eher überängstlich und geht nirgends mehr hin. Ich ermuntere sie, an die frische Luft zu gehen und sich zu bewegen. Es gibt ja genügend Platz.

Von der Regierungsrätin zur Bio-Unternehmerin

Susanne Hochuli war von 2009 bis 2016 Regierungsrätin und leitete das Departement Gesundheit und Soziales. Heute ist die 54-Jährige unter anderem Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation und Greenpeace Schweiz. Hochuli lebt in Reitnau im Suhrental, wo sie auf ihrem Hof zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Esther Flückiger das ökosoziale Start-up «weltweit-essen» aufgezogen hat. In der grosszügig gebauten Küche und dem riesigen Bio-Garten können Anlässe gebucht werden zum gemeinsamen Kochen, Essen und Arbeiten. Hochuli setzt in ihrem Projekt auch Menschen aus dem Asylbereich ein.

Mehr Infos: weltweit-essen.ch

Sind Sie froh, dass Sie jetzt nicht mehr Gesundheitsdirektorin sind und nicht selber diese Krise managen müssen?

Nein, gerade jetzt wäre es ausserordentlich spannend. Es ist zwar eine schwierige Zeit, aber ich würde als Regierungsrätin wohl kaum so angegriffen wie damals zu meiner Zeit mit der Flüchtlingswelle.

Warum glauben Sie?

Allen ist klar: Die Kantone müssen bei Corona umsetzen, was der Bund vorgibt. Das war bei der Asylkrise zwar auch so. Aber damals konnte man die Angst gegen jemanden richten. Die Angst vor dem Coronavirus dagegen vereint die Menschen, sie schweisst sie zusammen.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement Ihres Nach-Nachfolgers Jean-Pierre Gallati?

Gut, unaufgeregt. Auch die Kantonsärztin macht ihre Sache sehr gut. Am Anfang hat es etwas geholpert, weil nicht klar war, ob man jetzt mehr oder weniger als der Bund machen soll. Aber mittlerweile läuft das gut.

Neben Ihrem Gastro-Start-up sind Sie auch Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisaton SPO. Was tut Ihre Organisation in der Coronakrise?

Einerseits bringen wir uns in der Politik ein. Gerade vor ein paar Tagen hat die SPO zusammen mit anderen Organisationen einen Brief an den Bundesrat geschrieben, in dem wir warnen, die Lockerung nicht auf Kosten der Risikogruppe zu forcieren. Zum anderen sind vor allem unsere Beraterinnen sehr gefragt bei Menschen mit Sorgen.

Was sind die Anliegen?

Das Thema Patientenverfügung beschäftigt sehr. Der Zeitdruck ist gross für Betroffene und ihre Angehörigen. Wenn sich jemand aus der Risikogruppe infiziert und ins Spital muss, kann es sehr schnell gehen. Deshalb ist es wichtig, dass jeder rechtzeitig darüber nachdenkt und weiss, was er will, wenn es um den Tod geht.

Wie ist das in Ihrer Familie?

Mit meiner Mutter habe ich jetzt auch nochmals diskutiert, ob sie im Fall der Fälle intubiert werden oder lieber zu Hause bleiben möchte. Solche Fragen sind wichtig. Wer schon eine Patientenverfügung hat, aber eine Klärung betreffend Covid-19 anbringen will, kann das mit einem Anhang machen, das «kann auch ganz einfach handschriftlich sein.

Kann man da nicht schnell an die Grenzen kommen, weil man mit der Situation überfordert ist und Fachwissen fehlt?

Ja, darum setzen wir uns von der SPO für eine «Patientenverfügung plus» ein. Zusammen mit einer Vertrauensperson und einer Beraterin definiert man medizinische Massnahmen für verschiedene Situationen. Ziel ist, nicht erst zu entscheiden, wenn es schon fast zu spät ist. Man sollte sich laufend Gedanken über das Sterben machen, es kann immer etwas passieren.

Eben wurden die Richtlinien für die sogenannte Triage erneuert, die festlegt, nach welchen Kriterien sich der Arzt entscheidet, welchen Patienten er noch beatmet, wenn er zu wenige Geräte hat. Wie sehen Sie das als Patientenvertreterin?

Auch darum ist es so wichtig, dass möglichst viele Patienten eine Verfügung haben. Im besten Fall kommt dann die Triage gar nicht zum Zug, weil einige von sich aus auf die künstliche Beatmung verzichten und das vorher schon kundgetan haben.

Die Menschen machen sich in Zeiten von Corona generell Gedanken über Grundsätzliches. Glauben Sie, das hält über die Pandemie hinaus an?

Es wird uns zumindest vor Augen geführt, dass sich in dieser immer schneller drehenden Welt auch Viren schneller verbreiten. Man kann die Globalisierung nicht rückgängig machen, aber vielleicht gibt es eine Rückbesinnung. Wir versuchen ja genau das hier auf dem Hof: einheimische Produkte, nachhaltiger Umgang mit Natur und Menschen. Man muss nicht in den Flieger sitzen, um etwas Aussergewöhnliches zu erleben. Man kann bei uns wunderbar und authentisch marokkanisch essen (lacht).

Ein guter Werbespot. Aber sind Sie wirklich so optimistisch?

Na ja, ob ein Umdenken stattfindet, darüber bin ich mir nicht sicher. Vielleicht glauben die Leute nach Corona auch, sie müssen jetzt alles nachholen, was sie scheinbar verpasst haben. Dann geht es im gleichen Stil weiter wie vorher.

Susanne Hochuli: "Als Regierungsrätin würde ich heute nicht mehr so kritisiert wie zu meiner Zeit."

Susanne Hochuli: "Als Regierungsrätin würde ich heute nicht mehr so kritisiert wie zu meiner Zeit."

Severin Bigler

Früher konnten Sie Ihre Anliegen als Regierungsrätin einbringen. Jetzt verwirklichen Sie sich auf Ihrem Hof. Sie haben mal gesagt «Kompostieren statt regieren». Vermissen Sie das Regieren wirklich nicht?

Ich regiere wenigstens noch die Würmer auf dem Komposthaufen. (lacht) Nein, eigentlich nicht mal die. Aber Sie wollen mich sicher fragen, ob ich nicht zurück in die Politik will und jetzt wieder für den Regierungsrat kandidiere ...

... Nein, das erspare ich uns. Oder verpasse ich dann einen Knüller?

Nein, nein, das ist kein Thema.

Ihre Grüne Partei entscheidet diese Woche, ob sie mit einer Kandidatin antritt bei den Wahlen im Herbst. Ist die Wahl einer Frau in die Regierung ein Muss?

Der Aargau überschüttet sich schon nicht mit Ruhm mit einer reinen Männerregierung. Aber es gibt da ja auch eine Partei, die immer Frauen fordert und jetzt selber vielleicht mit einem Mann antritt ...

Sie meinen die SP. Aber Sie selber finden die Frauenfrage ja auch nicht entscheidend, sonst hätten Sie Jean-Pierre Gallati letztes Jahr in einem «Talk Täglich» nicht quasi zur Wahl empfohlen.

Das haben Sie in der Zeitung nachträglich so interpretiert. Ich habe nur gesagt, er erfülle dieselben Kriterien wie der Kandidat der Grünen.

Sie haben bei Ihrem Rücktritt Ihrer Nachfolgerin Franziska Roth angeboten, sie ins Amt einzuführen. Das hat sie nicht gemacht, wie es endete, ist bekannt. Hat dafür Jean-Pierre Gallati Sie um Rat gefragt?

Er hat sich am Anfang ein-, zweimal gemeldet für ein paar spezifische Fragen. Aber seither stehen wir nicht im Kontakt.

Über drei Jahre ist Ihr Rücktritt her. Ist da mittlerweile eigentlich vieles verblasst aus der Amtszeit?

Geschäfte, die mir inhaltlich kaum noch begegnen, schon. Aber die ehemaligen Kollegen in der Regierung und die Mitarbeitenden im Departement sind mir noch immer sehr präsent.

Sie könnten den Regierungsrat ja mal zu einer Retraite hier in Ihrer neuen Küche einladen.

Das habe ich tatsächlich schon vorgeschlagen! Jetzt grad haben sie anderes zu tun. Aber meine ehemaligen Kollegen sind jederzeit herzlich willkommen.

Was steht heute noch an Arbeit an für Sie?

Gemüse setzen. Fenchel, Rotkohl, Lattich, Stangensellerie und Schnittsalat.