Suchaktionen
Mit Drohne und Wärmebildkamera: So bewahren Aargauer Jäger und Bauern Rehkitze vor dem Mähtod

Nicht mehr «nur» mit Suchhunden und Abschreckmethoden versuchen Bauern und Jäger, möglichst viele Rehkitze vor dem Mähtod zu retten. Auch moderne Technik kommt zum Einsatz.

Raphael Karpf
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Die Stiftung Wildtiere Aargau hilft, Jägerinnen und Jägern zu Drohnenpiloten auszubilden und so Rehkitze zu retten.

Die Stiftung Wildtiere Aargau hilft, Jägerinnen und Jägern zu Drohnenpiloten auszubilden und so Rehkitze zu retten.

Chris Iseli

Es passierte vor etwa zehn Jahren. Bauer und SVP-Nationalrat Alois Huber mähte eine Wiese bei seinem Hof, unterhalb vom Schloss Wildegg. Da sah er, wie ein Reh flüchtete. Sofort stellte er den Traktor ab und rief einen Jäger. Mit seinem Hund suchte dieser das Feld ab, ausserdem stellten sie Fahnen auf.

Wenn sich die Fahnen im Wind bewegen, signalisiert das dem Reh: Hier hat sich etwas verändert, hier stimmt etwas nicht. Und bestenfalls holt es sein Kitz über Nacht aus dem Feld. Am nächsten Morgen mähte Huber sein Feld. Später stellte er fest, dass er doch ein Rehkitz erwischt hatte. Trotz der ganzen Massnahmen. Von seinem Traktor aus hatte er keine Chance, das Tier zu sehen.

Kommt ein Kitz unter den Traktor, hat es keine Chance.

Kommt ein Kitz unter den Traktor, hat es keine Chance.

Chris Iseli

«Es gibt nie eine hundertprozentige Sicherheit», sagt Thomas Laube, Vizepräsident des Verbands Jagd Aargau sowie Präsident der Stiftung Wildtiere Aargau. Er steht neben besagten Feld auf Hubers Hof, das Gras ist etwa kniehoch, und berichtet, wie sich die Suchmethoden seither verändert haben. Denn Rehkitze und andere Wildtiere vor dem Mähtod zu bewahren, das sei eine Herzensangelegenheit.

Und eine, die nicht nur von Tierschützern, sondern auch von den Bauern unterstützt würde. Denn kommt ein Rehkitz unter den Mäher und schlimmstenfalls ins Futter, kontaminiert es dieses. Das Vieh kann dabei erkranken.

«Das grösste gelebte Naturschutzprojekt des Kantons»

Darum wird seit einigen Jahren, im Mai und Juni jeweils, «das grösste gelebte Naturschutzprojekt des Kantons», wie Laube es beschreibt, umgesetzt. Etwa 1000 Menschen sind dabei im Einsatz, Bauern wie Jäger wie Naturschützer, sie versuchen, möglichst viele Rehkitze und andere Wildtiere vor dem Mähtod zu bewahren.

Die Fahnen markieren dem Reh: Hier ist etwas anders, hier herrscht Gefahr. Bestenfalls holt es sein Kitz dann aus dem Feld.
6 Bilder
Auch mit Hunden werden Felder abgesucht, um Rehkitze zu suchen.
Dieses Gerät leuchtet und versendet einen Ton. Es erfüllt denselben Zweck wie die Fahnen.
Landwirt und SVP-Nationalrat Alois Huber.
Die Wärmebildkamera soll Rehkitze anzeigen.

Die Fahnen markieren dem Reh: Hier ist etwas anders, hier herrscht Gefahr. Bestenfalls holt es sein Kitz dann aus dem Feld.

Chris Iseli

Mittlerweile nicht mehr «nur» mit Fahnen und Hunden, wobei diese Mittel nach wie vor zum Einsatz kommen. Aber auch die Jäger haben sich modernisiert. Statt Fahnen kommen teilweise batteriebetriebene Geräte zum Einsatz: Sie werden auf dem Feld aufgestellt, leuchten und senden einen hochfrequenten Ton aus. Zweck haben sie denselben wie die Fahnen: Das Reh merkt: Hier ist etwas anders, hier herrscht Gefahr, und holt bestenfalls sein Kitz aus dem Feld.

Und mittlerweile kommen auch Drohnen mit Wärmebildkameras zum Einsatz. Der Bauer kann, bevor er eine Wiese mäht, einen Jäger dazuholen. Der fliegt dann mit der Drohne über das Feld. Wenn eine Wärmesignatur entdeckt wird, holt der Jäger das Kitz entweder aus dem Feld, oder aber er steckt es in eine Kiste und markiert diese, sodass der Bauer darum herummähen kann. Am Abend wird die Kiste wieder entfernt und das Reh kann über Nacht das Kitz herausholen. Im Aargau wurden bereits 30 Jägerinnen und Jäger zu Drohnenpiloten ausgebildet.

Rehkitz-Rettung mit moderner Technologie

Tele M1

Doch selbst diese Methode verspricht nicht hundertprozentige Sicherheit. Die Drohnenflüge müssen in der Nacht oder am frühen Morgen gemacht werden. Später ist der Boden oftmals zu warm, sodass die Rehkitze gar nicht mehr angezeigt werden.

Eine App, um einfacher verletzte Tier zu finden

Die App JagdAargau steht ab Mittwoch kostenlos im App-Store zur Verfügung.

Die App JagdAargau steht ab Mittwoch kostenlos im App-Store zur Verfügung.

Chris Iseli

Nicht nur bei der Suche nach Rehkitzen haben die Aargauer Jägerinnen und Jäger in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht. Auch bei der Suche nach verletzten Tieren. 2020 fielen im Aargau 2055 Wildtiere dem Strassenverkehr zum Opfer. Nicht alle Tiere waren sofort tot. Einige schleppten sich verletzt ins Dickicht. Oder auch bei der Jagd kann es vorkommen: Ein unsauberer Schuss, das Tier überlebt und schleppt sich verletzt davon.

In diesen Fällen kommen sogenannte Nachsuchengespanne zum Einsatz: Jägerinnen oder Jäger mit Schweisshunden, die das verletzte Tier suchen und erlösen. Diese Aufgabe wurde bisher von den verschiedenen Jagdgesellschaften wahrgenommen. Nur: Per Gesetz muss diese Aufgabe 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr erfüllt werden können. Mitten in der Nacht genauso wie während der Arbeitszeit. Wenn aber ein Unfall passiert, und das Nachsuchengespann gerade nicht verfügbar ist, was dann?

Bisher hiess es: Rumtelefonieren und einen Ersatz suchen. Nun haben Jagd Aargau und das kantonale Amt für Jagd und Fischerei gemeinsam eine App entwickeln lassen. Nachsuchengespanne können sich dort eintragen und Jagdaufseher dort Hilfe holen. Erstmals kommt es damit zu einer einfachen Koordination mit den verschiedenen Gespannen im Kanton. Die App JagdAargau steht ab Mittwoch kostenlos in den App-Stores zur Verfügung.

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