Regierungsratswahlen
Stephan Attiger – ein guter Zuhörer mit klarer Position

Der freisinnige Baudirektor politisiert bürgerlich, wird aber auch von links als umgänglich gelobt. Seine Wiederwahl gilt eigentlich als sicher, aber Attiger will davon nichts wissen.

Fabian Hägler
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Er sucht den Ausgleich, nicht die Auseinandersetzung: Stephan Attiger.

Er sucht den Ausgleich, nicht die Auseinandersetzung: Stephan Attiger.

«Wie lautet die grösste Herausforderung für den Aargau in den nächsten vier Jahren?» Das wurde Stephan Attiger vor vier Jahren gefragt, als der neue FDP-Kandidat auf Anhieb im ersten Wahlgang in den Regierungsrat gewählt wurde.

Attigers Antwort: «In den letzten Jahren waren wir permanent auf Wachstum getrimmt. Nun sind wir, so scheint mir, an einer Grenze angelangt und müssen überlegen, wohin wir steuern wollen, zum Beispiel in der Verkehrs- und Siedlungspolitik.»

Damals wusste der Freisinnige, der vorher sechs Jahre lang Stadtammann von Baden war, noch nicht sicher, dass er das Bau-, Verkehrs- und Umweltdepartement übernehmen würde. Dennoch nahm er sein Regierungsprogramm schon im ersten Interview nach der Wahl praktisch vorweg. Das passt zu Attiger, der immer sehr organisiert, kontrolliert und vorausschauend wirkt.

Er gilt, gerade im Vergleich zu seinem bisweilen eigenmächtig vorpreschenden Vorgänger Peter C. Beyeler, als Diplomat, als Vermittler, als Moderator. Dies hat Attiger im heiklen Bereich der Raumplanung gezeigt, wo er auf ein neues Modell setzte. Statt als Baudirektor alles vorzugeben, liess er die Regionalverbände Vorschläge erarbeiten, wo die Menschen im Aargau künftig wohnen, arbeiten und die Freizeit verbringen sollen.

Auch die Effizienz hat Grenzen

Attiger beweise, «dass es auch in politischen Prozessen schnell vorwärtsgehen kann», heisst es auf seiner Website. Tatsächlich ist der Aargau der erste grössere Kanton, der die nationalen Vorgaben des Raumplanungsgesetzes umgesetzt hat. Ausserdem hat der Grosse Rat in Attigers erster Amtszeit auch Strategiepapiere für Mobilität und Energie verabschiedet.

Doch es gibt – bei aller Effizienz, die Stephan Attiger attestiert wird – auch Bereiche, wo er ansteht. So hatten weder der Bundesrat noch das nationale Parlament ein Musikgehör für das Anliegen, die A1 im Aargau rasch auf sechs Spuren auszubauen. Und auch mehrere Grossprojekte im Kanton sind hängig: Weder bei den Umfahrungen von Brugg und Mellingen noch beim A1-Zubringer in Lenzburg sind die Bagger aufgefahren. Dabei wäre das Geld vorhanden – die Strassenkasse läuft ausserhalb des normalen Kantonsbudgets und ist nicht vom Spardruck im Aargau betroffen. Doch auch ein jovialer, freundlicher und dennoch zielstrebiger Baudirektor wie Attiger kann Einsprache- und Gerichtsverfahren nicht beschleunigen.

«Wer Ideen brachte, fand Gehör»

In einer Würdigung nach Attigers Wahl in den Regierungsrat beschrieb Roman Huber, Autor beim Badener Tagblatt, den Freisinnigen unter anderem so: «Indem er sich selber stets treu geblieben ist, holte Attiger rasch Sympathien in allen politischen Lagern ab. Wer Ideen einbrachte, fand Gehör, egal ob Senior oder Jugendlicher, egal welcher politischen Couleur, mit welchem Bildungs- oder Sozialhintergrund.» Attigers Stärke sei gewesen, «dass er quer liegende Anstösse entgegennahm und konstruktiv diskutierte. Seine liberale, gewinnende, transparente Art, komplexe Projekte voranzubringen, beeindruckte – auch Andersdenkende.»

Die Spider der Aargauer Regierungsratskandidaten 2016 Maya Bally, BDP
9 Bilder
Markus Dieth, CVP
Yvonne Feri, SP
Mia Gujer, Juso
Mia Jenni, Juso
Pius Lischer, IG Grundeinkommen
Robert Obrist, Grüne
Franziska Roth, SVP
Ruth Jo. Scheier, GLP

Die Spider der Aargauer Regierungsratskandidaten 2016 Maya Bally, BDP

Dies bestätigt Jürg Caflisch – der SP-Grossrat hat am selben Tag Geburtstag wie Attiger, hat das Heu politisch aber nicht auf der gleichen Bühne wie dieser. «Ich kenne Stephan Attiger seit Jahren, war schon mit ihm im Badener Einwohnerrat und habe ihn immer als zugänglich, offen und gesprächsbereit erlebt.»

OASE als Pièce de résistance?

Caflisch, der als VCS-Präsident buchstäblich eine andere Schiene fährt als der FDP-Regierungsrat, beschreibt Attiger im Vergleich zu dessen Vorgänger Beyeler als weniger ideologisch. «Er hört mehr zu, dennoch ist seine Mobilitätspolitik für den Aargau immer noch sehr strassenlastig, das ist natürlich nicht in unserem Sinn.» Immerhin habe Attiger beim geplanten Baldeggtunnel die Notbremse gezogen, «das wäre ein sinnloses Millionengrab geworden», sagt Caflisch.

Das Nachfolgeprojekt OASE – Ostaargauer Strassenentwicklung – könnte für den FDP-Regierungsrat zum Pièce de résistance werden. «Da treffen sehr unterschiedliche Interessen aufeinander, mit jeder Variante wird es auch immer Verlierer geben, und es regt sich Widerstand von Gemeindeammännern aus dem rechtsbürgerlichen Lager.» Caflisch sagt zudem, Attiger sei viel mehr Bau- und Verkehrsdirektor als Umweltminister für den Kanton Aargau.

Die grüne und blaue Infrastruktur

In einem Interview in der Mai-Ausgabe des Magazins «Umwelt Aargau» widerspricht Attiger, selber Sohn eines Försters. Obwohl das U für Umwelt im Departementskürzel BVU am Schluss stehe, gebe es «keine wichtigeren und weniger wich-tigere Bereiche oder Abteilungen». Es sei wichtig, bei Interessenskonflikten, zum Beispiel zwischen Verkehr und Umwelt, die richtige Balance zu finden zwischen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft. Den zunehmenden Bevölkerungsdruck gelte es mit intelligenter Raumplanung aufzufangen. «Zudem müssen wir in die Qualität unserer ‹grünen› und ‹blauen› Infrastruktur investieren, sie erhalten oder gar verbessern», erklärt Stephan Attiger.

Wie das Verhältnis zwischen der grauen Infrastruktur, also neuen Strassen, und dem Schutz von Gewässern und Naturräumen ausfällt, wird sich in den nächsten vier Jahren zeigen. Attigers Wiederwahl gilt – trotz gelegentlicher Kritik von links – als sicher. Davon will der Freisinnige selber nichts wissen, eine Bestätigung im Schlafwagen gebe es nicht, sagte er beim Podium letzte Woche. Innerlich wird er zuversichtlicher sein, nach aussen zeigt er dies – bescheiden – aber nicht.

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