1. Weltkrieg
So erlebte der Aargau die ersten Monate nach Kriegsende

Als der Krieg 1918 endlich zu Ende war, erlebte die Schweiz die schwerste Krise ihrer Geschichte. Doch im Aargau kam es trotz militärischem Grossaufgebot ganz anders als in anderen Teilen der Schweiz.

Andreas Fahrländer
Drucken
Eine Dragoner-Schwadron zur Bewachung von Ruhe und Ordnung nimmt Aufstellung vor dem Badener Schulhaus, dem heutigen Bezirksgebäude.

Eine Dragoner-Schwadron zur Bewachung von Ruhe und Ordnung nimmt Aufstellung vor dem Badener Schulhaus, dem heutigen Bezirksgebäude.

Stadtarchiv Baden, Foto Zipser,

Eigentlich glaubte man im Herbst 1918, der Krieg sei vorbei. Die Not der Bevölkerung war mit dem absehbaren Friedensschluss aber nicht kleiner geworden. Lebensmittel waren knapp und teuer, trotz geringer Arbeitslosigkeit lebten viele in bitterer Armut. In ganz Europa gab es revolutionäre Umstürze, neue Staaten schossen wie Pilze aus dem Boden. In der Schweiz wuchs die Unruhe unter den Angestellten und Arbeitern. Die Sozialdemokraten forderten: «Nie wieder Krieg!»

Am 6. November 1918 beschloss der Bundesrat dennoch das Wiederaufgebot von militärischen Truppen in den Industriezentren des Landes. In Aarau wurden unter anderem Radfahrer, Sanitäter, der Kavalleriestab und zwei Dragoner-Schwadronen zum Einrücken aufgefordert. Für den 9. November beschloss das gewerkschaftlich engagierte Oltener Aktionskomitee (OAK) aus Protest dagegen einen vorerst 24-stündigen Generalstreik im ganzen Land.

Das Komitee forderte auf Flugblättern die Unterstützung der Truppen für seine Sache: «Macht gemeinsame Sache mit dem Volke! Widersetzt Euch den Befehlen Eurer Vorgesetzten, wenn sie gegen das Volk gerichtet sind!» Die Bewegung aus Gewerkschaftern und Sozialdemokraten wollte keinen Umsturz, sondern verbesserte Lebensbedingungen, die für uns heute selbstverständlich sind: unter anderem das Frauenstimmrecht, die gesetzliche 48-Stunden-Woche, eine Alters- und Invalidenversicherung, aber auch sofortige Neuwahlen nach dem im Oktober eingeführten Proporzwahlrecht.

«Vermutlich Russische Soviet»

Der Aargauer Regierungsrat fürchtete, dass das Strohfeuer sich zu einem flammenden Aufstand entwickeln würde. Der gesamte Automobil- und Fahrradverkehr wurde kontrolliert. Wichtige Einrichtungen wurden militärisch bewacht. In Baden fürchtete man den Anmarsch von 15’000 aufrührerischen Arbeitern aus Zürich. In Lenzburg beobachtete man einen verdächtigen Autokonvoi: «Gestern Nacht 70 Personen mit 15 Auto durchgereist. Vermutlich Russische Soviet.»

In der Nacht auf den 14. November marschierte dann tatsächlich eine Handvoll Arbeiter zu Fuss nach Baden, um dort den Streik in der Industrie zu unterstützen. Sie wurden verhaftet und «für einige Stunden interniert». Grossrat Karl Killer aus Baden, der spätere Stadtammann und Ständerat, warnte die Behörden in einem Telegramm, damit den Aufruhr unter den Arbeitern nur zu vergrössern – ausserdem seien die Unterstützer alle unbewaffnet «und ohne Mordzeug» nach Baden gekommen.

Die Justizdirektion liess ausrichten, es sei bei der Verhaftung alles mit rechten Dingen zugegangen und man habe bei den Streikenden «zwei Schläuche, ein Kabel und einen Schlagring gefunden». Ausserdem wurden «im Gang des Stadthauses in Baden, hinter einem Heizkörper, noch ein geladener Revolver und ein Bund Flugblätter gefunden.» Was die Streikenden mit den Schläuchen und dem Kabel vorhatten und wie der geladene Revolver den Weg ins Stadthaus fand, ist im Protokoll des Regierungsrats nicht notiert. Aufschlussreich sind dafür die Protokolle der Bezirksämter an die Staatsanwaltschaft. Alle Bezirksämter hatten Rechenschaft über die Vorgänge während des Streiks abzulegen.

In Aarau machte die Kantonspolizei Patrouillen, die besonders das Elektrizitätswerk bewachten. Man fürchtete sich vor Stromausfällen. Während bei den SBB wegen des streikenden Bahnpersonals gar nichts mehr ging, konnten die Wynentalbahn und die «Aarau-Schöftland-Bahn» ihren Betrieb fortsetzen. Die Fabriken wurden zwar im ganzen Bezirk bestreikt, doch anstatt zu demonstrieren, tummelten sich die Arbeiter vergnügt auf den Strassen.

In Baden legten 3350 Arbeiter ihre Arbeit nieder, auch Teile der BBC-Belegschaft. Vor den Toren der Brown, Boveri & Cie. kam es zu einer Keilerei zwischen den Arbeitswilligen und den Streikenden, «die mit einigen blauen Augen und diversen zerbrochenen Regenschirmen endete».

«Alle mit Vollbetrieb»

Im Bezirk Bremgarten kam es kaum zu Streikhandlungen. Im Bericht heisst es: «In Dottikon arbeiten die grossen Geschäfte C.F. Bally A.G., J.J. Fischers Söhne A.G. und die schweizerische Sprengstofffabrik alle mit Vollbetrieb, und es kamen auch keine Störungen vor. Die Leitung der Sprengstofffabrik wünschte aber, dass in Anbetracht der sehr gefährlichen Stoffe in ihrem Etablissement die Fabrik militärisch möchte bewacht werden.»

Laufenburg meldete volle Arbeitsleistung und betonte die Ablehnung des Streiks: «Die hiesige Arbeiterschaft ist für solche umstürzlerische Tendenzen, wie sie der Landesstreik zeigte, vorläufig nicht zu haben.»

Der Aufstand im Aargau war bald vorüber. Nach einem Ultimatum des Bundesrats brach das OAK den Streik nach wenigen Tagen ab. Während es in Grenchen drei Tote gab, bilanzierte die Aargauer Staatsanwaltschaft nüchtern: «Anhand der eingelaufenen Untersuchungsakten darf geschlossen werden, dass der Streik im allgemeinen ruhig verlaufen ist.»

Das OAK fand weder unter den Truppen noch in der Bevölkerung genügend Zustimmung. Dennoch bewirkten der Landesstreik und die Umsetzung des Proporzwahlsystems eine Umwälzung der politischen Landschaft. Die Arbeiterschaft erreichte 1919 mit der Einführung der 48-Stunden-Woche die hartnäckig erkämpfte Verkürzung der Arbeitszeit.

Aktuelle Nachrichten