Neues Abflugregime

Ostaargau wehrt sich gegen mehr Fluglärm – kommt der Widerstand zu spät?

Das neue Konzept des Flughafens Zürich bringt der Region Baden-Wettingen zusätzlichen Lärm. Jetzt wehrt sich der Grosse Rat – und auch die Regierung will gegen eine Mehrbelastung kämpfen.

Andreas Fahrländer
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Fluglärm im Ostaargau: Das neue Konzept könnte alle fünf Minuten einen Überflug bringen, befürchten die Gegner.

Fluglärm im Ostaargau: Das neue Konzept könnte alle fünf Minuten einen Überflug bringen, befürchten die Gegner.

Alex Spichale

Das Aargauer Limmattal, der Rohrdorferberg und Teile des Reusstals müssen mit dem neuen Abflugkonzept des Flughafens Zürich ab 2017 mit deutlich mehr Lärm rechnen. Das Surbtal und der Mutschellen profitieren dagegen vom neuen Flughafenkonzept.

Ein am Dienstag im Grossen Rat eingereichter Vorstoss fand dennoch die Unterstützung aus dem ganzen Kanton. Mit 112 zu 19 Stimmen wurde eine Motion für dringlich erklärt, in der der Regierungsrat beauftragt wird, die Bevölkerung im Aargau gegen Fluglärm zu schützen. Jürg Caflisch (SP, Baden) hat sie zusammen mit sieben weiteren Grossräten aus dem Bezirk Baden eingereicht.

«Uns ist wichtig, dass der Aargau nicht einfach deshalb mehr Fluglärm bekommt, weil sich der Kanton Zürich besser dagegen wehrt», sagt Caflisch. «Man kann schon das Gefühl bekommen, dass der Fluglärm dorthin verlagert wird, wo sich am wenigsten Widerstand regt.»

Die Bevölkerungsdichte allein könne nicht den Ausschlag geben, aber man müsse bedenken, dass das Limmattal dichter besiedelt sei als etwa das rechte Zürichseeufer. Die Anwohner dort hätten sich erfolgreich gegen den geplanten Ausbau des Südstarts in Zürich Kloten gewehrt, nun werde die Lärmproblematik einfach in die Region Baden-Wettingen «exportiert».

Keine voreiligen Schlüsse

Seit Ende September liegt der Entwurf für das neue Betriebsreglement des Flughafens Zürich (Sachplan Infrastruktur Luftfahrt SIL2) vor. Darin geht es auch um die definitive Festlegung des Fluglärmkonzepts.

Bis zum 8. Dezember haben die Aargauer Gemeinden Zeit, sich dazu zu äussern. Im Januar 2017 nimmt der Regierungsrat Stellung dazu, im Juni entscheidet dann der Bundesrat über die Umsetzung.

Online-Petition gegen Fluglärm

Auch auf der neuen Petitionsplattform der az ist der Fluglärm im Ostaargau ein Thema. Dieser würde eine «extreme Belastung» darstellen, heisst es in einer Petition von Renate Baschek, Schulleiterin aus Neuenhof. Baschek befürchtet gemäss ihrem Eintrag auf petitio.ch eine massive Einbusse an Lebensqualität. «Es darf nicht sein, dass wir den Lärm des Flughafens still hinnehmen!» Die Einwohner und Politiker der betroffenen Gemeinden müssten «in aller Deutlichkeit Grenzen setzen und folgende Forderungen stellen: Einhaltung der Nachtruhe ab 23 Uhr, keine Verlegung der Startroute Piste 28 nach Westen, Reduktion der Lärms für den Ostaargau.»

Regierungsrat Stephan Attiger, Vorsteher des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (BVU), will vor einer Stellungnahme die Rückmeldungen der Gemeinden abwarten. «Der Regierungsrat hat Mitte November eine Orientierungsversammlung durchgeführt, damit die Gemeinden eine möglichst fundierte Stellungnahme erarbeiten können», sagt BVU-Sprecher Giovanni Leardini.

Der Regierungsrat werde alle Eingaben sammeln und danach die offizielle Stellungnahme des Kantons bis Ende Januar verfassen. Dies sei besser, als sich frühzeitig und ohne Absprache mit den Gemeinden auf einen Standpunkt festzusetzen, sagt Leardini weiter. Auch der dringliche Vorstoss im Grossen Rat werde bei der Stellungnahme des Regierungsrates berücksichtigt.

Das Problem verschlafen?

Haben die Ostaargauer den drohenden zusätzlichen Lärm schlicht verschlafen? In mehreren Gemeinderäten wurde das Problem besprochen, in der Bevölkerung ist der Widerstand bisher gering.

Die Vereinigung für erträglichen Fluglärm Baden-Wettingen schrieb schon Mitte November in einem offenen Brief an Regierungsrat Attiger und an den Wettinger Gemeinderat: «Diese Verlagerung des Fluglärms aus dem Kanton Zürich in den Ostaargau ist keinesfalls zu tolerieren. Zumal daraus kein Sicherheitsgewinn für den Flugverkehr resultiert.» Im neuen Vorstoss heisst es, Fliegen sei für breite Bevölkerungsschichten zu einer erschwinglichen Reiseform geworden. Man stehe dazu, dass deshalb auch der Aargau seinen Anteil am An- und Abflugregime zu tragen habe.

Allerdings könne es nicht sein, dass die Flugroute in diesem Ausmass nun einfach in den Aargau verschoben werde. «Ich bin der Ansicht, dass der Lärm gerecht verteilt werden muss», sagt Caflisch.

Das sieht auch das BVU so. Die Haltung des Regierungsrates habe sich nicht geändert, sagt Leardini: «Der Kanton hat immer für eine gerechte Verteilung des Fluglärms gekämpft und lehnt insbesondere Doppelbelastungen in den Morgen- und in den Abendstunden ab.»

Schon im September hat das BVU angekündigt, seine Messstation auf dem Mutschellen zu behalten und bei Lärmgrenzwertüberschreitungen das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) und die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard aufzufordern, die Grenzwerte gegenüber dem Flughafen durchzusetzen.

Das Bazl entwickelt derzeit eine Web-Applikation, mit der Behörden und Fachleute die Flugbewegungen in der Schweiz und den entsprechenden Lärm messen können. Das Ziel ist, mehr Sachlichkeit und Transparenz in die Diskussion um den Fluglärm zu bringen. Für den Ostaargau allerdings kommt das zu spät: Das Programm ist erst etwa in einem halben Jahr verfügbar – wenn der Bundesrat vermutlich schon entschieden hat.