Vor genau 100 Jahren

Landesstreik: Plötzlich galten die braven Aargauer als Meuterer

Heute vor 100 Jahren, am 24. Februar 1918, kam es in der Aargauer Brigade 12 zu einem Disziplinarverstoss, der als «Meuterei von Kloten» in die Geschichte eingegangen ist.

Ueli Wild
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Diesem Regiment gehörten die «Meuterer» an. Das Infanterieregiment 23, aufgenommen am 4. Juli 1914 bei der Vereidigung für den ersten Aktivdienst während des Ersten Weltkriegs im Aarauer Schachen durch Militärdirektor Arnold Ringier.

Diesem Regiment gehörten die «Meuterer» an. Das Infanterieregiment 23, aufgenommen am 4. Juli 1914 bei der Vereidigung für den ersten Aktivdienst während des Ersten Weltkriegs im Aarauer Schachen durch Militärdirektor Arnold Ringier.

zvg/Geschichte des Kantons Aargau, Bd. 3

Die Schweizer Bevölkerung rieb sich die Augen, als sie von den Vorfällen erfuhr, die sich an jenem Sonntag in der Infanteriebrigade 12 ereignet hatten. Schliesslich galten die Aargauer als äusserst zuverlässige Soldaten. Doch nun standen Angehörige der 12. Brigade plötzlich als Meuterer da. Wie hatte es dazu kommen können?

«Zur Aufrechterhaltung der Alarmbereitschaft» und ganz offensichtlich zur Abschirmung der Truppe vor sozialistischer Propaganda in der Stadt Zürich hatte das Regimentskommando 23 für Sonntag, 24. Februar 1918 – nicht zum ersten Mal – angeordnet, dass die Truppe nur innerhalb des ihr zugewiesenen Rayons ausgehen dürfe.

Im Falle des Füsilierbataillons 57, dessen Rayon der Gemeindebann Kloten war, hatte der Kommandant drei Kontrollverlesen angeordnet: Um 11.30, 15 und 18 Uhr hatte die Truppe zur Präsenzkontrolle anzutreten. Dies, weil am Vorsonntag das Verbot, Kloten zu verlassen, anscheinend mehrfach missachtet worden war.

Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg sorgte dafür, dass die Truppe in eine Gegend verlegt wurde, wo sie der Beeinflussung aus Zürich weniger ausgesetzt war.   

Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg sorgte dafür, dass die Truppe in eine Gegend verlegt wurde, wo sie der Beeinflussung aus Zürich weniger ausgesetzt war.   

zvg/Geschichte des Kantons Aargau, Bd. 3

Am Mittag tauchten freilich Soldaten der zum gleichen Regiment gehörenden Füsilierbataillone 55 und 56 in Kloten auf. Die 57er fühlten sich deswegen benachteiligt. Von dem, was in der Folge in Kloten geschah, gibt es detaillierte Schilderungen, zunächst in den regionalen Zeitungen «Der Wehnthaler» und «Die Glatt». Deren Darstellung wurde von der sozialdemokratischen Presse («Volksrecht», «Neuer Freier Aargauer»), aber auch vom «Zofinger Tagblatt» teilweise wörtlich übernommen.

Zwischen 14 und 15 Uhr rotteten sich unter Führung von Angehörigen der Mitrailleurkompanie III/23 zahlreiche Wehrmänner zusammen, «um eine Protestdemonstration durch das Dorf zu veranstalten». Unter grossem Lärm bewegte sich der rund 300 Mann starke Zug durch die Strassen. An dessen Spitze marschierte ein Knabe, der auf einer Stange eine grosse rote Fahne voran trug. Neben den Klängen einer Handorgel erschollen laut den Zeitungsberichten Rufe wie «Revolution, Revolution!»

Befreiung von Arrestanten

Zum 15-Uhr-Hauptverlesen trudelten die Soldaten «teilweise mit bedeutender Verspätung» ein. Nun verlangte die Mitrailleurkompanie vom anwesenden Offizier die Freilassung zweier Arrestanten, die wegen Alkoholgenusses während des Parkdienstes zu sechs Tagen Arrest verknurrt worden waren. Der Offizier entfernte sich jedoch, ohne die Truppe einer Antwort zu würdigen. Hierauf beschloss man, die eingesperrten Kollegen mit Gewalt aus dem Gemeindearrest zu befreien. Ein Faschinenmesser mit Sägerücken diente dazu, das Schloss herauszusägen.

Dann wurden die sich sträubenden Arrestanten an den Kleidern auf die Strasse hinausgezerrt und im Triumph ins Kantonnement geführt, wo sie sich freiwillig der Wache stellten. Als Haupträdelsführer wurden drei Mitrailleure dingfest gemacht. Alles Weitere, schlossen die Zeitungsberichte, werde die kriegsgerichtliche Untersuchung an den Tag bringen.

Das Divisionsgericht 4 zeichnete zwei Monate später in seiner zusammenfassenden Darstellung ein in gewissen Details abweichendes Bild der Ereignisse. So wurde etwa nach Aussagen einzelner Beschuldigter vor Gericht die rote Fahne erst beim zweiten Umzug, der zur Arrestantenbefreiung führte, mitgetragen.

Alles nur ein Scherz?

Die Truppenkommandanten bis hinauf zur Armeespitze waren aber schon vorher gefordert. Da sich der Vorfall in der Öffentlichkeit abgespielt hatte und durch die Presse weitherum publik geworden war, bestand ein akuter Erklärungsbedarf. Insbesondere galt es, den Vorfall und die dahinter stehenden Motive einzuordnen.

Handelte es sich um einen Jux, um einen Ausdruck der allgemeinen Dienstverdrossenheit oder um eine politisch motivierte Protestaktion? Oberstleutnant Wieland, der Kommandant des Infanterieregiments 23, setzte die «Jux-Version» mit einer Pressemitteilung, die vom «Aargauer Tagblatt» abgedruckt wurde, in Umlauf. Wieland räumte aber ein, dass Unzufriedenheit und Langeweile mit im Spiel gewesen seien.

Die Bataillons- und Kompaniekommandanten wies der Regimentskommandant an, den Mannschaften mitzuteilen, «dass alle Gerüchte, nach welchen (...) in Kloten Demonstrationsumzüge und sogar eine Meuterei sollen stattgefunden haben, vollständig unrichtig sind». Richtig sei bloss, dass Soldaten «scherzweise unter Vorantragen einer kleinen Fahne aus Jux einen Umzug durch das Dorf machten». Unabhängig davon hätten später einige Leute die Arresttüre eingeschlagen. Für Wieland war das Ganze «mehr ein Alkoholexzess». Und auch der militärische Untersuchungsrichter kam zum Schluss, dass der Alkohol eine bedeutende Rolle gespielt habe.

Trotzdem war für ihn nach den Einvernahmen klar, dass die Mehrheit der Umzugsteilnehmer «ihrer Unzufriedenheit Ausdruck geben» wollte. Dafür dass sozialistische Agitation mit im Spiel gewesen sei, konnte der Untersuchungsrichter «keine bestimmten Anhaltspunkte» ermitteln. Die insgesamt elf Angeklagten erklärten denn auch, dass ihnen antimilitärische Absichten ferngelegen hätten und dass auch keine Beeinflussung durch sozialistische Zivilisten oder durch antimilitärisch gesinnte Medien vorgelegen habe.

Alle elf verneinten zudem, der SP anzugehören. Aus den Einvernahmen schloss das Divisionsgericht später, dass es bei den Umzügen darum gegangen sei, «den Missmut über die Kontrollverlesen wie über den Dienstbetrieb, namentlich den Drill» Ausdruck zu geben.

Gefängnisstrafen für 11 Wehrmänner

Der militärische Untersuchungsrichter und das Kommando des Regiments hätten die Angelegenheit lieber disziplinarisch als militärgerichtlich erledigt. Das lehnte General Ulrich Wille kategorisch ab. Er teilte dem Oberauditor der Armee mit, es sei «ein scharfes Beispiel zu statuieren». Das Divisionsgericht 4 sah dann den Tatbestand des verabredeten unbewaffneten Aufruhrs als erwiesen und verhängte am 26. April in Aarau schwere Strafen.

General Ulrich Wille verlangte, dass ein deutliches Exempel statuiert werde. Bis Ende 1918 begnadigte er dann aber alle Verurteilten.   

General Ulrich Wille verlangte, dass ein deutliches Exempel statuiert werde. Bis Ende 1918 begnadigte er dann aber alle Verurteilten.   

zvg/Geschichte des Kantons Aargau, Bd. 3

Drei Rädelsführer – ein Mitrailleur aus Oftringen, ein Trainsoldat aus Beinwil und ein Mitrailleur aus Küttigen – wurden zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt, der erste zu 2,25 Jahren, die andern beiden zu 2 Jahren. Die Mitläufer kamen mit Freiheitsstrafen von 1 bis 3 Monaten davon. Es handelte sich um acht Mitrailleure aus Reinach, Leutwil, Walterswil SO, Hunzenschwil, Rohr, Safenwil, Oberentfelden und Windisch. Alle elf Verurteilten kamen dank Gnadenerlassen des Generals bis Weihnachten 1918 wieder frei.

Die «Meuterei» von Kloten blieb nicht der einzige Disziplinarfall, der das Divisionsgericht beschäftigen sollte. Zum nächsten kam es nur zwei Tage nach den Klotener Ereignissen. 67 Mann der Füsilierkompanie III/57 waren in Dübendorf als Flughafenwache stationiert.

Als in der Nacht auf den 27. Februar nach Bombenabwürfen über Merishausen SH Fliegeralarm ausgelöst wurde, erhob sich die Mannschaft nur zögernd – in der Annahme, es handle sich um einen der Übungsalarme, die der Kompaniekommandant angedroht hatte, nachdem er festgestellt hatte, dass noch nicht alle den Schildwachtbefehl richtig begriffen hatten. Fünf Füsiliere blieben schliesslich demonstrativ liegen und einer von ihnen rief: «Wir wissen, was Sozialismus und Antimilitarismus ist!»

In diesem Fall stellte das Gericht keine Verabredung zum Ungehorsam fest und reduzierte den Vorfall auf einen Alkoholexzess. Ein öffentlichkeitswirksames Exempel zu statuieren, drängte sich weniger auf als im Klotener Fall, denn das Ganze hatte sich nachts und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ereignet. Anzunehmen, in der betreffenden Kompanie sei die Dienstfreude unversehrt gewesen, wäre aber verfehlt: Der Kommandant stellte fest, seine Truppe habe nicht gerne Dienst geleistet, weil sie dessen Sinn nicht eingesehen habe.

Während der ganzen Dienstperiode ereignete sich in Zürich kein Vorfall, der einen Einsatz der Truppen erfordert hätte. Mitte März ordnete der Generalstabschef an, dass die Brigade in eine Gegend verlegt wurde, wo sie der Beeinflussung aus Zürich weniger ausgesetzt war. Zumindest für die Zeit nach der Klotener Affäre sind Versuche der antimilitärischen Beeinflussung belegt.

Ende März dislozierten grosse Teile der Brigade in den Raum Biberbrugg–Schindellegi–Menzingen. Am 22. April traten die Aargauer den Rückmarsch zur Demobilmachung an, die in den folgenden Tagen in Aarau erfolgte. Zwar hatte der Dienst unter einem unglücklichen Stern gestanden, doch der Armeeleitung hatte er die Augen geöffnet: Truppen aus industrialisierten Regionen, wozu auch die Aargauer Täler zählten, eigneten sich weniger für den Ordnungsdienst als solche aus bäuerlichen Gegenden. Eine Erkenntnis, die von Bedeutung war für die weiteren Ordnungsdienstaufgebote des Jahres bis hin zum Landesgeneralstreik im November 1918.