Berner Aargau
Im Bezirk Zofingen erinnern heute noch zwei Galgen an die Todesstrafe

Nach der Berner Eroberung 1415 blieb in Zofingen das Blutgericht und damit die Möglichkeit, die Todesstrafe auszusprechen, bei Bürgerschaft und Rat. Heute sind von den einst sieben Richtstätten im Berner Aargau fünf verschwunden.

Kurt Blum
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Der Zofinger Galgen mit dem Schloss Wikon. Künstler unbekannt.

Der Zofinger Galgen mit dem Schloss Wikon. Künstler unbekannt.

ZVG

Mit der 1415 erfolgten Eroberung des nachmalig als Berner Aargau (oder Berner Unteraargau) bezeichneten Teils des heutigen Kantons Aargau durch Bern ging die sogenannte Hohe Gerichtsbarkeit (Blutgericht) in diesem Gebiet in die Hände der Berner über und wurde vor Ort durch die Landvögte wahrgenommen.

Einzig die Städte Zofingen und Aarau konnten sich diesbezüglich behaupten. Hier übte weiterhin der von der Bürgerschaft direkt oder indirekt gewählte Schultheiss, zusammen mit dem Rat, die abschliessende Blutgerichtsbarkeit aus. Der Begriff Blutgericht bezeichnete im Mittelalter stets ein Gericht, das die Todesstrafe aussprechen konnte.

Angehörige der Zivilschutzorganisation Wartburg stellen gestern und heute den Zugang zum Aarburger Galgen wieder instand; er war in einem desolaten Zustand.

Angehörige der Zivilschutzorganisation Wartburg stellen gestern und heute den Zugang zum Aarburger Galgen wieder instand; er war in einem desolaten Zustand.

KBZ

Sieben Galgen im Unteraargau

Von den vielen einstigen Richtstätten im Gebiet der heutigen Schweiz sind nur noch wenige vorhanden, dazu gehört diejenige von Aarburg in der Kloos. Es macht den Anschein, dass die Bevölkerung kurz vor dem Ende des 18. Jahrhunderts sich dieser «Orte des Grauens» entledigen wollte.

Der Zofinger Galgen: Schulthess enthauptet

Die Zofinger Turmbücher enthalten fast 30 Todesurteile aus vier Jahrhunderten. Das ganze Drum und Dran war stets eine Art Volksschauspiel: einerseits die öffentliche Gerichtsverhandlung auf dem Gerechtigkeitsplatz, anderseits der Vollzug auf dem Galgenberg. 1555 wurde ein elfjähriger Knabe enthauptet, der einen gleichaltrigen Mitschüler erwürgt hatte. 1609 wurde Schultheiss Japhet Scheurmann zusammen mit dem Glaser Vinzenz Kuhn wegen Sodomie hingerichtet. (KBZ)

Am 12. August 1798, wenige Monate nach dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft, hatte das Direktorium der Helvetischen Republik auf Antrag des Abgeordneten Johann Rudolf Suter, Arzt und Naturforscher in Zofingen, beschlossen, jegliche Form der Folter abzuschaffen und die Hochgerichte, mit Ausnahme jeweilen eines in der Nähe des betreffenden Kantonstribunals gelegen, zu beseitigen. Diesem Beschluss lebten Volk und Behörden ganz gründlich nach.

Es vergingen in der Folge mehrere Jahrzehnte, bis Geschichtsfreunde den «verschollenen» Galgen des Amtes Aarburg entdeckten und ihn wieder aufrichteten. Später machten sich auf Initiative des Zofinger Bezirksschullehrers Rudolf Hool Schülerinnen und Schüler daran, in ihrer Freizeit die Zofinger Richtstätte am Galgenberg erfolgreich auszugraben.

Von der Hauptstadt Bern auf der grossen Landstrasse kommend oder auf der Aare fahrend erreichte ein Reisender zuerst das Amt Aarburg, dann die Stadt Zofingen, die Grafschaft Lenzburg, die Stadt Aarau und das Amt Biberstein. Im untersten Teil des bernischen Aargaus fand er die Ämter Schenkenberg und Königsfelden.

Der Galgenweg führt in Zofingen zur Richtstätte – problemlos für die Anstösser.

Der Galgenweg führt in Zofingen zur Richtstätte – problemlos für die Anstösser.

KBZ

Flurnamen sind Zeitzeugen

An die früheren Hochgerichte erinnern heute noch einige Flurnamen, in denen der Ausdruck Galgen enthalten ist, wie Galgenacker, Galgenberg, Galgenhübel oder Galgenfeld. Auf Stadtansichten des 15. bis 18. Jahrhunderts finden sich höchst selten Hochgerichte dargestellt, denn solche lagen entweder weit ausserhalb der Stadtmauern (wie in Zofingen und in Aarburg) oder aber sie wurden von den Künstlern absichtlich weggelassen, da sie keine Zierde gebildet und nicht unbedingt einladend gewirkt hätten.

1863 auf der Aarburg

Im Aargau wurde die letzte öffentliche Hinrichtung 1854 auf dem früheren bernischen Richtplatz von Lenzburg – aber ohne Galgen und Umfassungsmauer – durchgeführt, als Bernhard Matter dort das Leben durch das Schwert verlor. Die letzte Aargauer Hinrichtung unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde 1863 auf der Festung Aarburg vollzogen, und das letzte strafrechtlich gefällte Todesurteil in der Schweiz wurde in der Strafanstalt Sarnen mit einer aus Luzern hergeholten Guillotine am 18. Oktober 1940 vollstreckt. Das am 1. Januar 1942 in Kraft gesetzte gesamtschweizerisch gültige Strafgesetz löste die kantonalen Strafgesetze ab und verbot die Todesstrafe.

Die letzten Hinrichtungen: 1796 in Zofingen, 1764 in Aarburg - erwürgt und enthauptet

Die letzte öffentliche Hinrichtung während der Berner Zeit auf der Zofinger Richtstätte am Galgenberg erfolgte am 25. Januar 1796. Johann Martin Gratwohl von Enzingen in Württemberg (Kenzingen in Baden-Württemberg?) wurde wegen Mord zum Tod durch Rädern verurteilt. Beim Rädern handelte es sich um eine der grausamsten Arten der Vollstreckung eines Todesurteils. Dabei wurde der Verurteilte vorerst auf den Boden der Richtstätte geworfen und festgebunden. Dann stellte sich der Scharfrichter mit einem, in der Regel neuen Wagenrad über ihn und liess es mit voller Kraft auf die Unterschenkel fallen, wodurch diese brachen. Er setzte diese Prozedur weiter fort mit den
Knien und den Oberschenkeln bis er schliesslich beim Brustkorb angelangt war. Das Rädern bedeutete für den zum Tod Verurteilten unvorstellbare Qualen. Kurz vor der Hinrichtung wurde Johann Martin Gratwohl «aus Gnade» erwürgt. – Auf der Aarburger Richtstätte in der Kloos wurde die letzte öffentliche Hinrichtung am 22. Juni 1764 vollzogen. Salome Binder von Strengelbach wurde wegen Kindsmord durch das Schwert enthauptet.

Eine Befreiung von zum Tode Verurteilten auf einer Richtstätte war im Unteraargau nie geplant gewesen, ebenso wenig Racheakte von Zuschauern an einem Verurteilten. Der Scharfrichter und sein Knecht, gelegentlich auch mehrere, bewegten sich innerhalb einer Ummauerung und die Funktionäre durften in keiner Art und Weise bei ihren Verrichtungen gestört oder gar behindert werden. Die Umfassungsmauer durfte allerdings auch nicht zu hoch sein, um den Leuten die Sicht auf das Geschehen ja nicht etwa zu nehmen.

Der Aarburger Galgen wurde bis kurz nach der Mitte des 15. Jahrhunderts von Aarburg und von Olten gemeinsam benützt. Um entstandene Streitigkeiten mit Solothurn wegen dieser Richtstätte zu beenden, verlegte Bern um 1460 deren Standort vom Brunnen in der Kloos etwas weiter südlich innerhalb ihres Herrschaftsgebietes an die heutige Stelle. Nach 1798 geriet sie völlig in Vergessenheit, bis 1917 ein Wirbelsturm den ganzen Baumbestand jener Gegend niederriss.

Bei dieser Gelegenheit kamen unter dem Wurzelstock einer mächtigen Buche die Fundamente des Galgens und die Beingruft zum Vorschein. In den folgenden 20 Jahren unternahmen Geschichtsfreunde grosse Anstrengungen, um die auseinandergefallenen Trommeln der beiden Galgensäulen am Aareufer zu finden.

Mit zwei Ausnahmen wurden sie alle unter dem Geröll entdeckt und wieder zu den zwei Säulen zusammengefügt. Aarburg besitzt damit ein gesamtschweizerisches Denkmal der Rechtsgeschichte.

Der Galgen in der Aarburger Kloos und die Richtstätte am Zofinger Galgenberg können zu Fuss besichtigt werden.

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