Energiestrategie 2050
ETH-Professor predigt den Aargauern die Energie-Wende

Neunter Energie-Gipfel in Aarau mit einer Überraschung: Der ETH-Lehrbeauftragte und Computerspezialist Anton Gunzinger nennt den Atomausstieg machbar. Die Umstellung auf Sonne und Wind sei ohne Mehrkosten möglich.

Hans Lüthi
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«Die Kosten für Atom oder Solar sind Hans was Heiri», sagte ETHProfessor Anton Gunzinger am Energie-Gipfel in Aarau. Annika Bütschi

«Die Kosten für Atom oder Solar sind Hans was Heiri», sagte ETHProfessor Anton Gunzinger am Energie-Gipfel in Aarau. Annika Bütschi

Annika Buetschi / AZ

Eine Frage beschäftigt die Aargauer Bevölkerung brennend: Ist sie möglich, unmöglich, vielleicht machbar, aber nicht bezahlbar, die Energiewende? Prominente Referenten lieferten knapp 400 Zuhörern am neunten Energiegipfel im Kultur- und Kongresshaus Aarau Antworten.

Teils ohne scharfe Abgrenzungen zwischen Realitäten, Wünschen und Hoffnungen zur Energiestrategie 2050. Einer aber sprach Klartext: Professor Anton Gunzinger, Lehrbeauftragter an der ETH Zürich, zündete ein rhetorisches Feuerwerk.

Energie-Gipfel im Aargau

Initiant und Organisator des Energie-Gipfels ist Dieter Schäfer von der Schäfer und Partner AG in Lenzburg. Der mit hochkarätigen Referenten besetzte Anlass findet abwechselnd in Aarau und in der Umwelt-Arena Spreitenbach statt. Trotz früher Stunde um 7 Uhr kamen auch zum 9. Gipfel gestern Hunderte von Gästen aus Politik und Wirtschaft. Dem Frühstück folgte ein geistiger Höchstgenuss: Der Bündner Kabarettist Flurin Caviezel nahm die Aargauer und die Referenten scharfsinnig und doch liebevoll-spitzbübisch aufs Korn. (Lü.)

30 Szenarien habe er durchgerechnet, auf der Basis von 60 Terawattstunden (TWh) Stromverbrauch in der Schweiz. Verblüffend sein Fazit: Die Energiewende ist machbar, Atomstrom kann durch Solar, Wind Biomasse und Batterien ersetzt werden.

Informatikspezialist Gunzinger hat in der simulierten Energiezukunft alles berücksichtigt, das Wetter, die Netzverluste, die Stromspitzen. Die Modelle setzen stark auf Solarstrom aus den Alpen.

«Zu meiner grossen Überraschung sind die Werte dort fast gleich gut wie für den Solarstrom aus der Wüste», versicherte der brillante Redner, der das grosse Publikum trotz der vielen Folien fesselte. Sämtliche Modelle des Bundes seien umsetzbar, aber die darin nötigen Gaskraftwerke könne man später nicht mehr brauchen.

Auf der Basis neuer Atomkraftwerke seien die Kosten für Atom oder Solar «Hans was Heiri», erklärte Anton Gunzinger vor dem erstaunten Energiegipfel. Ein Riesenproblem seien die gewaltigen Sprünge beim Sonnenstrom.

Aber unsere Speicherseen in den Bergen seien ein fantastisches Mittel, um die überschüssige Solar-Energie über die Mittagszeit aufzunehmen und den Strom über Nacht abzugeben.

Mit regionalen Batteriespeichern könnte man die Lastkurve stark glätten – und müsste die Stromnetze nicht für Milliarden ausbauen. Die Modelle nehmen keine Rücksicht auf geltende Gesetze und Verordnungen. «Das muss die Politik schon selber lösen», fordert Gunzinger.

Doch 2050 ist weit entfernt, vorerst dominiert Atomstrom und Wasserkraft die Versorgung, vor allem im Winter. Der Wandel müsse in Schritten erfolgen, «die AKW kann man nicht von heute auf Morgen abstellen», sagte Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie.

Zur Energiewende haben sich Kantone, Parteien und Umweltverbände primär positiv geäussert, die Wirtschaft und die Strombranche negativ.

Professor David Zogg von der Fachhochschule Nordwestschweiz geht davon aus, dass Gaskraftwerke die Atomlücke füllen müssen, im Sommer aber stillstehen werden. Mit einem besseren Lastmanagement der Geräte und Häuser könne man die Bedarfsspitzen stark brechen.

Der Zeit oftmals voraus war der Aargauer Energiedirektor Peter C. Beyeler, der viele Stolperfallen überwinden musste. Manchmal seien die politischen Lösungen «wie ein Emmentaler Käse, der zu viele Löcher hat», meinte der abtretende Regierungsrat.

Wer das System mit Ideologie oder Gewalt verändern wolle, werde auf ein Riff auflaufen. Der Gründer des nationalen Energie-Trialogs bedauert, dass sich der Konsens über die Wende verflüchtigt hat.

Als Initiant und Organisator des Energiegipfels übergab Dieter Schäfer von der Schäfer und Partner AG in Lenzburg dem abtretenden Baudirektor Peter C. Beyeler eine Karikatur von Jürg Furrer. Der Inhalt: Beyelers Hobbys Segeln, Motorrad fahren, Klarinette spielen – und natürlich Kreisel bauen.

Organisator Dieter Schäfer (links) übergibt Bau- und Energiedirektor Peter C. Beyeler eine Karikatur aus der Feder von Jürg Furrer.

Organisator Dieter Schäfer (links) übergibt Bau- und Energiedirektor Peter C. Beyeler eine Karikatur aus der Feder von Jürg Furrer.

Annika Buetschi / AZ

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